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Darf man vor Kindern streiten?

Eigentlich nicht. Wenn Eltern jedoch bestimmte Spielregeln einhalten, können die Kleinen sogar davon lernen, sagt Familienberaterin Karin Jacob


Kinder bekommen leicht Angst, wenn sie die Eltern streiten sehen

Frau Jacob, weshalb sollten Eltern Streit vor ihrem Nachwuchs vermeiden?

Kinder können nicht unterscheiden zwischen einem echten Streit und einer kritischen Auseinandersetzung, die Mama und Papa haben, weil sie verschiedener Meinung sind. Beides verunsichert Kinder. Streiten gehört aber zum Leben dazu, es passiert häufig einfach. Ich rate allen Eltern, das ihren Kindern gegenüber zu thematisieren.

Wie muss ein Streit aussehen, damit Kinder mit der Situation umgehen können?

Er muss auf den Streitanlass bezogen bleiben und darf den anderen nicht prinzipiell infrage stellen. Du-Botschaften wie „Das verstehst du nie“ haben daher in einer Auseinandersetzung nichts verloren. Jeder Streit sollte außerdem einen Lösungsversuch beinhalten und zum Abschluss etwas Versöhnliches haben. Die Botschaft „wir haben uns trotzdem lieb“ ist ein wichtiges Signal für Kinder. Wenn das gelingt, lernen sie, was konstruktives Streiten bedeutet. Denn – und das sollten sich Eltern bewusst machen – ihr Verhalten ist Vorbild und hat Modellcharakter.



Karin Jacob ist Psychologin, Familienberaterin und Mediatorin am SOS-Familienzentrum in Berlin

Und was kann man tun, wenn man trotz aller Vorsätze einmal laut wird?

Wenn möglich, erklären Sie Ihrem Kind gleich in der Situation oder spätestens nach dem Streit, dass das Temperament mit Ihnen durchgegangen ist. So wird Ihr Verhalten für das Kind greifbar und verständlicher.

Wie erleben es Kinder, wenn ein Streit aus dem Ruder läuft?

Sie empfinden das als bedrohlich und haben Angst, dass die Familie zerbricht. Eltern müssen deshalb mit ihnen über die Situation sprechen und diese erklären. Wichtig ist zudem, dass sich die Erwachsenen bei den Kleinen entschuldigen. Für Kinder nachvollziehbar ist zum Beispiel eine Aussage wie „Es tut mir leid, dass wir es gerade nicht anders hinbekommen haben. Das nächste Mal versuchen wir es besser zu machen“.

Welche Tabus gibt es beim Streiten?

Neben Gewalt in Wort und Tat sowie persönlichen Angriffen gibt es vor allem einen Punkt: Kinder dürfen nicht mit in den Streit einbezogen werden. Sie haben mit der Sache nichts zu tun und können auch nicht als Schiedsrichter fungieren. Das muss man den Kleinen deutlich sagen, denn sie geben sich sowieso leicht die Schuld. Am besten ist eine klare Botschaft wie zum Beispiel: „Das ist unser Streit, du hast nichts damit zu tun und trägst auch keine Schuld.“

Gibt es Themen, die man vor Kindern auf keinen Fall verhandeln sollte?

Existenzielle Dinge wie etwa die Frage nach einer Trennung, aber auch Finanzielles. Das macht Kindern Angst. Ebenso sind Intimitäten, also alles, was die Paarebene betrifft, nichts für Kinderohren.

Wie reagieren Kinder, wenn sich Mama und Papa häufig in die Haare kriegen?

Sie fühlen sich bedroht und zerrissen, reagieren irritiert oder sogar mit Verhaltensauffälligkeiten. Eltern sollten daher Nachfragen ihrer Kinder zulassen und ihnen deutlich sagen, dass sie immer ein offenes Ohr für sie haben.




Bildnachweis: Panthermedia/Robert Kneschke, W&B/Privat

Baby und Familie; aktualisiert am 24.04.2013, erstellt am 28.04.2011
Bildnachweis: Panthermedia/Robert Kneschke, W&B/Privat

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