Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADS, ADHS)

Was ist ADHS? Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung bei Kindern und Erwachsenen

26.11.2015

Was ist ADHS?

Die Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS, umgangssprachlich "Zappelphilipp-Syndrom") betrifft vor allem Kinder und Jugendliche, Jungen häufiger als Mädchen. ADHS kann auch bei Erwachsenen vorkommen. Mehr dazu lesen Sie hier bei www.apotheken-umschau.de.

Die Diagnose ADHS ist nicht immer leicht zu stellen, denn der Übergang vom "normalen" zum auffälligen Verhalten eines Kindes ist fließend. Die ADHS kann sich außerdem unterschiedlich bemerkbar machen.

Charakteristische Symptome

1. Unaufmerksamkeit

Die Betroffenen haben deutliche Schwierigkeiten, sich über längere Zeit zu konzentrieren, sie sind leicht ablenkbar, machen Flüchtigkeitsfehler, scheinen nicht richtig zuzuhören.

2. Hyperaktivität

Wird auch als hyperkinetische Störung bezeichnet: Das Stillsitzen fällt extrem schwer. Die Kinder und Jugendlichen springen immer wieder auf, rennen, toben, zappeln, können sich kaum einer ruhigen Beschäftigung widmen – auch dann nicht, wenn sie frei bestimmen dürfen, was sie gerne tun möchten.

3. Impulsivität

Die Kinder haben große Probleme abzuwarten. Sie fallen anderen ins Wort oder stören sie.

Typisch ist, dass diese Auffälligkeiten schon vor dem sechsten Lebensjahr auftauchen, dass sie länger als ein halbes Jahr anhalten, wesentlich deutlicher ausgeprägt sind als bei Altersgenossen und zu Problemen oder Konflikten in verschiedenen Lebensbereichen wie Familie, Schule oder Kindergarten führen.

Die genannten Anzeichen müssen jedoch nicht alle gleichermaßen ausgeprägt sein. Die Störung hat "viele Gesichter": In manchen Fällen wirken die Kinder gar nicht unruhig und lebhaft, sondern eher ein wenig verträumt, abwesend oder vergesslich. Diese Form – ohne erkennbare Hyperaktivität – wird Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) genannt. Mädchen scheinen häufiger daran zu leiden als Jungen. Experten vermuten, dass ADS leicht übersehen wird.

Zu ADHS kommen oft weitere Auffälligkeiten wie beispielsweise Tics, eine Lese- und Rechtsschreibschwäche oder eine Störung im Sozialverhalten.

Therapiemöglichkeiten

Die Behandlung richtet sich nach der Schwere der Symptome und dem Alter des Kindes. Hilfreich ist meistens die individuell passende Mischung aus Beratung, Handlungsstrategien, verhaltenstherapeutischen Methoden und oft auch Medikamenten. Bei letzteren kommt überwiegend der Wirkstoff Methylphenidat zum Einsatz. ADHS verliert sich nicht etwa automatisch mit dem Älterwerden, wie manche Menschen glauben. Nicht selten begleitet die Störung die Betroffenen bis ins Erwachsenenalter.

Schätzungen zufolge haben in Deutschland durchschnittlich rund vier Prozent der Kinder und Jugendlichen ADHS. Die Zahlenangaben variieren allerdings, je nachdem welche Altersgruppe betrachtet wird und welche genauen Diagnosekriterien zugrunde liegen.

Kinder mit ADHS haben es in mancher Hinsicht schwerer. Denn in Schule und Beruf sind oft genau die Fähigkeiten gefragt, mit denen sie "auf Kriegsfuß stehen" – wie Aufmerksamkeit, Sorgfalt oder Konzentration. Keineswegs sind Menschen mit ADHS jedoch faul oder dumm. Viele besitzen sogar besondere Qualitäten, sind zum Beispiel äußerst kreativ, begeisterungsfähig oder erfindungsreich.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Störung keine einzelne Ursache hat, sondern dass mehrere Auslöser zusammenkommen – sowohl genetische als auch Umweltfaktoren.

Bei der Untersuchung der Hirnfunktion von Kindern mit ADHS entdeckten Forscher einige Auffälligkeiten. Insbesondere die Hirnregionen, die stark unter dem Einfluss der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin stehen, scheinen sich anders zu organisieren als es "normalerweise" der Fall ist. Das bedeutet nicht, dass Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung weniger intelligent sind als andere Kinder. Offenbar können sie ihre persönlichen Ressourcen aber nicht so effektiv nutzen. Um genauer zu verstehen, was sich im Gehirn der Betroffenen abspielt, und welche Rolle Umwelt und Erbanlagen dabei einnehmen, ist jedoch noch viel Forschungsarbeit nötig.

Erbliche Faktoren

Eine gewisse Neigung zu ADHS liegt offenbar schon in den Genen. Eltern und Geschwister der Kinder sind überdurchschnittlich häufig ebenfalls betroffen. Die Störung wird jedoch nicht automatisch "vererbt". Ob und wie stark sie in Erscheinung tritt, ist von weiteren Umständen abhängig.

Äußere Risikofaktoren

Ist ein Kind während der Schwangerschaft Giften wie Nikotin oder Alkohol oder bestimmten Medikamenten ausgesetzt, kann das sein Risiko für ADHS erhöhen. Ebenso verhält es sich mit Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen oder einem niedrigen Geburtsgewicht. Auch Verletzungen und Erkrankungen des Zentralnervensystems können zur Entstehung von ADHS beitragen.

Daneben prägt die Umgebung, in der ein Kind aufwächst, seine Entwicklung. Das Elternhaus ist nicht etwa "schuld" an ADHS, kann jedoch den Verlauf der Störung und ihre Ausprägung beeinflussen – positiv und negativ. Gleiches gilt für die Reaktionen von Lehrern, Erziehern und anderen Kindern.

Jedes Kind ist manchmal laut, zappelt, tobt, folgt nicht oder hat keine Lust, still zu sitzen. Das ist völlig normal. Wo dieser "Normalfall" aufhört und ADHS beginnt, ist nicht immer leicht zu sagen. Drei Merkmale sind besonders typisch für die psychische Störung: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität (mehr dazu weiter unten).

Experten gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der betroffenen Kinder die Störung mit ins Erwachsenenalter nimmt. ADHS äußerst sich dann manchmal etwas anders als in der Kindheit (lesen Sie mehr dazu unter "ADHS bei Erwachsenen" bei www.apotheken-umschau.de).

Wer ADHS hat, kann mit seiner Umwelt in Konflikt geraten oder hinter den eigenen Möglichkeiten zurückbleiben. Insofern bedeutet die Störung oft eine Belastung für Betroffene und Angehörige. Doch es gibt auch positive Seiten: So sind Menschen mit ADHS oft ideenreich und auf künstlerischem Gebiet sehr kreativ. Viele lassen sich leicht begeistern, sind ausgesprochen hilfsbereit und haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

ADHS – Charakteristische Symptome

1. Unaufmerksamkeit

Die Kinder und Jugendlichen können sich nur mit großer Mühe über einen längeren Zeitraum  konzentrieren. Sie sind leicht ablenkbar, übersehen Details, machen viele Fehler. Sie lassen ihre Sachen liegen, vergessen zum Beispiel ihre Schulhefte. Ihr Verhalten hat oft schlechte Noten oder häufige Ermahnungen zur Folge. Eltern reagieren genervt, weil ihr Kind nicht richtig zuzuhören scheint und Aufgaben nicht ordentlich zu Ende bringt.

2. Hyperaktivität

Die Kinder lassen sich auch durch wiederholte Aufforderungen nur selten dazu bewegen, still zu sitzen. Stattdessen springen sie immer wieder auf, klettern, kippeln, zappeln, laufen. Ihre Rastlosigkeit fällt vor allem in den Situationen auf, in denen besondere Ruhe und Selbstbeherrschung gefragt ist. Im Unterricht oder auch bei Mahlzeiten bleiben die Kinder nicht auf ihrem Platz. Das provoziert fast zwangsläufig Ärger – mit Eltern, Lehrern oder Erziehern. Auffällig ist, dass die Kinder auch dann nicht ruhig sind, wenn sie frei bestimmen können, wie sie ihren Tag verbringen. Sie beschäftigen sich kaum über längere Zeit konzentriert und still mit einem Spiel oder einer Bastelei. Sie zeigen insgesamt wenig Ausdauer bei ihren Aktivitäten, wechseln häufig von einer Beschäftigung zur nächsten. Sie scheinen immer "auf Achse" sein zu müssen.

3. Impulsivität

Die Kinder folgen ungebremst ihren spontanen Ideen und Wünschen. Sie können sich nur schwer zurückhalten. Alle fünf Minuten kommt ihnen etwas Neues in den Sinn. In der Schule stören sie dadurch oft den Unterricht. Sie fallen anderen ins Wort oder platzen in das Spiel anderer Kinder hinein. So können auch im familiären Umfeld Konflikte entstehen.

Typischer Weise beobachten Eltern, dass dieses Verhalten wesentlich ausgeprägter ist als bei Gleichaltrigen. Es besteht länger als ein halbes Jahr. Und es beginnt in der Regel, bevor das Kind sechs Jahre alt ist. Konflikte entstehen in verschiedenen Lebensbereichen: in der Familie, in der Schule oder im Kindergarten. Die Reaktionen der Umwelt können Probleme zusätzlich verschärfen.

ADHS kann mit weiteren Auffälligkeiten einhergehen, beispielsweise Entwicklungsdefiziten wie einer Lese- oder Rechtsschreibschwäche oder Tic-Störungen. Auch Störungen im Sozialverhalten sind gehäuft bei ADHS zu beobachten: Viele Kinder und Jugendliche reagieren zum Beispiel schnell aggressiv oder haben Schwierigkeiten sich in eine Gruppe einzugliedern.

Aufmerksamkeitsdefizitstörung

Eine Sonderform ist  die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) ohne Hyperaktivität: Mehr Mädchen als Jungen sind davon betroffen. Sie wirken meist nicht "hyperaktiv", sondern eher ruhig und unauffällig. Häufig lassen Sie Gegenstände liegen, vergessen Termine oder Aufgaben. Sie wirken oft geistesabwesend, als würden sie vor sich hinträumen. Obwohl die Kinder und Jugendlichen äußerlich nicht "zappelig" wirken, können sie selbst manchmal durchaus eine innere Unruhe spüren.

Es existiert kein einzelnes Testverfahren, das ADHS zweifelsfrei beweisen könnte. Um die Diagnose zu sichern, sind verschiedene Schritte erforderlich. Gespräche, Beobachtungen und Fragebögen gehören ebenso dazu wie eine ausführliche körperliche Untersuchung.

Der behandelnde Arzt sollte unbedingt Erfahrung mit der Diagnose und Therapie von ADHS haben. In der Regel sind spezialisierte Psychologen und Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiater sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeuten geeignete Ansprechpartner. Nicht selten ist es erforderlich, dass Spezialisten verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten.

Gespräche und Beobachtung

Zunächst wird sich der Experte mit den Eltern und eventuell auch mit dem Kind ausführlich unterhalten. Er erkundigt sich nach seinem Verhalten, nach speziellen Problemen in der Schule oder im Elternhaus. Sind die Eltern einverstanden, befragt er auch Lehrer, Erzieher oder andere wichtige Bezugspersonen nach ihren Eindrücken. Die Krankengeschichte des Kindes ist wichtig, ebenso Informationen zum Verlauf der Schwangerschaft und der Geburt.

In der Regel macht sich der Experte außerdem selbst ein Bild vom Verhalten des Kindes in verschiedenen Situationen. Oft bietet das Gespräch bereits die erste Gelegenheit dazu.

Verschiedene internationale Klassifikationen definieren, welche Kriterien für ADHS sprechen, zum Beispiel die Klassifikation nach ICD-10, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation und die Klassifikation nach DSM-IV, dem diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft. Sie definieren in ähnlicher Art und Weise typische Merkmale und dienen Experten als Basis  für ihre Diagnose.

Tests und Fragebögen

Verschiedene psychologische Fragebögen helfen, die Symptome präziser zu erfassen. In der Regel testet der Experte zusätzlich die intellektuellen Fähigkeiten des Kindes mit standardisierten Tests. Das ist wichtig, denn eine stark verminderte Intelligenzleistung verlangt ein anderes therapeutisches Vorgehen.

Auch der Entwicklungsstand des Kindes im Vergleich zu seinen Altersgenossen wird untersucht. Kann es beispielsweise altersgerecht schreiben und rechnen? Oder braucht es hier besondere Unterstützung? Entsprechen seine sozialen Fähigkeiten denen Gleichaltriger? Auf diese Fragen wird besonderes Augenmerk gelegt, da ADHS nicht selten mit Teilleistungsschwächen und Störungen des Sozialverhaltens in Verbindung steht.

Untersuchungen

Das Kind sollte immer auch gründlich ärztlich untersucht werden. Denn es müssen unbedingt Erkrankungen ausgeschlossen werden, die Ursache des auffälligen Verhaltens sein könnten, beispielsweise Schilddrüsenstörungen, Epilepsien, Hör- oder Sehstörungen. Wichtig ist auch, dass keine psychischen Krankheiten übersehen werden wie Depressionen, eine Schizophrenie oder eine Borderline-Störung. Der Experte muss außerdem klären, ob Medikamente als Auslöser infrage kommen.

Manchmal sind weitere Diagnoseschritte erforderlich wie Blutabnahmen, Aufnahmen des Gehirns oder eine Messung der Hirnströme (EEG).

Experten sprechen von einem "multimodalen Therapiekonzept". Das bedeutet: Die Behandlung setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen. Wichtige Bausteine der Therapie sind Aufklärung und Beratung, Psychotherapie und Medikamente. Wie diese Elemente im Einzelfall zusammengesetzt werden, richtet sich danach wie ausgeprägt die Symptome sind und wie alt das Kind ist.

Meistens kann die Behandlung ambulant stattfinden. Sind die Verhaltensauffälligkeiten sehr stark ausgeprägt, so dass es zu massiven Konflikten mit der Umgebung kommt, ist manchmal auch eine stationäre oder teilstationäre Therapie erforderlich. Das kann auch angebracht sein, wenn die Situation im Elternhaus besonders schwierig ist oder zusätzliche Krankheiten vorliegen.

Die Behandlung soll das Kind in die Lage versetzen, seine intellektuellen Möglichkeiten optimal zu nutzen. Es lernt gemeinsam mit Eltern und anderen Bezugspersonen, das eigene Verhalten besser zu steuern und Konflikte zu entschärfen.

Aufklärung und Beratung (Psychoedukation)

Im ersten Schritt erfahren Eltern, wie sich ADHS äußert und wie sie ihrem Kind am besten helfen können. Sie lernen, klare Regeln zu definieren und konsequent zu bleiben. Gleichzeitig werden sie ermutigt, das Selbstwertgefühl ihres Kindes gezielt zu stärken und positive Verhaltensweisen zu loben.

Im Idealfall sollten auch Lehrer und Erzieher des betroffenen Kindes ausführlich über ADHS informiert werden und gemeinsam mit Experten und Eltern überlegen, wie sie am besten auf spezielle Probleme reagieren können. Die Pädagogen sollten wissen, dass die betroffenen Kinder nicht einfach dumm, faul oder ungezogen sind.

Älteren Kindern und Jugendlichen hilft es in der Regel auch, selbst über ihr "Handicap" Bescheid zu wissen. Wenn sie bewusster erkennen, wie sie in bestimmten Situationen handeln, können sie auch effektiver gegensteuern.

Eltern machen sich manchmal Vorwürfe, wenn sie erfahren, dass ihr Kind ADHS hat, glauben in der Erziehung versagt zu haben. Der Kontakt zu anderen Betroffenen kann ihnen diesen Druck nehmen. In Selbsthilfegruppen erfahren Betroffene, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine dastehen – und welche Möglichkeiten es gibt, das Leben mit ADHS zu meisten.

Psychotherapie

In der Behandlung von ADHS werden vor allem verhaltenstherapeutische Maßnahmen eingesetzt. Die Therapie kann sich an das Kind selbst oder an seine Eltern richten. Eventuell entwickeln die Experten auch gezielte Programme für die Situation in der Schule oder im Kindergarten. Idealer Weise setzt die Therapie genau dort an, wo die Konflikte auftreten.

Mit Hilfe der Verhaltenstherapie sollen Betroffene erkennen, wie sie in einer bestimmten Situation reagieren und warum. So können sie langfristig lernen, mit Problemen besser umzugehen.

Mit verschiedenen Übungen versuchen Experten zum Beispiel, die Aufmerksamkeit des Kindes zu verbessern. Eltern werden Methoden angeboten, die ihnen helfen, dem Kind Regeln und Strukturen zu vermitteln. Beispiele sind:

  • Das Münzverstärker-System: Dieses Belohnungssystem wird in der Behandlung von ADHS häufig eingesetzt. Dabei wird mit dem Kind über positives Verhalten gesprochen, das möglichst oft auftreten sollte. Mit Plänen wird dieses Verhalten geübt und in den Alltag übertragen. Um es den Kindern leichter zu machen, erhalten sie für jedes positive Verhalten eine Münze, die sie später gegen etwas eintauschen können, was sie sich sehr wünschen. Das kann ein Kinobesuch sein, eine Vorlesestunde oder eine neue CD. Nach und nach wird der Einsatz der Münzen reduziert. Mit der Zeit stellt sich so ein dauerhafter Lerneffekt ein.
  • Response-Cost: Auch hier wird mit Belohnungen gearbeitet, aber das System funktioniert ein bisschen anders. Mit dem Kind wird eine Belohnung für gutes Verhalten vereinbart. Sobald sich das Kind jedoch unerwünscht verhält, wird diese Belohnung entzogen.


Medikamente

Medikamente sollen Betroffenen ermöglichen, sich besser konzentrieren zu können, aufmerksamer zu sein und mehr Kontrolle über impulsive Reaktionen zu erhalten. Am häufigsten kommen Medikamente zum Einsatz, die stimulierend wirkend (Methylphenidat und Amphetamine). Daneben gibt es aber auch weitere Wirkstoffe.

Behandlungsleitlinien empfehlen den Einsatz von Medikamenten bei Kindern ab sechs Jahren, wenn die ADHS-Symptome so ausgeprägt sind, dass Kind und Umfeld erheblich beeinträchtigt sind.

Wichtig ist eine genaue Untersuchung des Kindes vor der Gabe von Medikamenten. Der behandelnde Experte muss eventuelle Risikofaktoren erkennen, die gegen die Arzneien sprechen könnten, beispielsweise Herzkrankheiten. Er sollte mit den Eltern auch ausführlich über die Wirkung und die möglichen Nebenwirkungen sprechen. Alle Medikamente können Nebenwirkungen auslösen. Am häufigsten kommen Schlafstörungen, Appetitmangel und Bauchschmerzen vor. Einige Studien fanden negative Einflüsse der Arzneien auf Größe und Gewicht der Kinder. Andere Studien fanden solche Effekte nicht. Soweit bisher bekannt, wird die endgültige Größe der Kinder wohl nicht beeinträchtigt.

Die Dauer der Behandlung hängt davon ab, wie sich die ADHS-Symptome entwickeln. So kann in einer akuten Krise die Gabe über wenige Wochen und Monate ausreichen. Genauso kann es aber auch notwendig sein, über viele Jahre Medikamente zu nehmen. Mindestens einmal pro Jahr sollte der behandelnde Experte überprüfen, ob eine weitere medikamentöse Behandlung wirklich notwendig ist. Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen bringen die Arzneien nicht den gewünschten Erfolg.

Methylphenidat: Dieses stimulierende Medikament wird unter vielen Namen vertrieben. Die heutigen Produkte unterscheiden sich vor allem in der Art der Zusatzstoffe und der Dauer der Wirksamkeit. Die Therapie beginnt normalerweise mit einer schnell wirkenden Form, deren Effekt etwa vier Stunden anhält. Retardformen setzen den Wirkstoff verzögert frei. Die jeweilige Dosis wird individuell bestimmt und muss eventuell nach einiger Zeit angepasst werden. Die Verschreibung von Methylphenidat unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz.

Das Medikament stand lange unter Verdacht, das Risiko für eine spätere Sucht zu erhöhen. Studien deuten allerdings darauf hin, dass sich das Risiko für eine Drogen-, Nikotin- und Alkoholsucht wohl eher verringert. Eventuelle Nebenwirkungen wie Tics, vermehrte Unruhe oder Kopfschmerzen verschwinden nach Einstellung auf die richtige Dosis meist wieder. Weil das Arzneimittel manchmal den Blutdruck erhöhen kann, sind regelmäßige Kontrollen empfehlenswert.

Ende November 2015 erschien eine Cochrane-Analyse, die 185 Studien zur Wirkung von Methylphenidat auswertet. Chochrane-Übersichten gelten als besonders sorgfältig. Die Auswertung bewertet den Nutzen des Mittels sehr zurückhaltend. Die feststellbare Besserung der Symptome sei subjektiv und großen Schwankungen unterworfen. Dagegen steigert das Mittel das Risiko für Nebenwirkungen wie Schlafstörungen und Appetitmangel ziemlich eindeutig in erheblichem Maß. Die Cochrane-Wissenschaftler raten daher vor einer Verordnung von Methylphenidat sehr sorgfältig abzuwägen, ob ein Kind oder Jugendlicher davon profitiert. Allerdings sollten Eltern nun nicht darauf verfallen, eine gut laufende Therapie mit dem Medikament zu beenden. Wenn der Nutzen sichtbar sei und der junge Patient keine Nebenwirkungen habe, solle er das Mittel weiterhin nehmen, erklärt einer der Studienautoren.   

Amphetamine: Diese Stimulanzien werden in Deutschland nicht als fertige Medikamente angeboten, sondern nur individuell bei Bedarf hergestellt. Sie sind besonders für Betroffene geeignet, bei denen Methylphenidat nicht wirkt oder die mit Nebenwirkungen wie depressiven Verstimmungen oder Tics darauf reagieren. Auch bei zusätzlichen sozialen Störungen und aggressiven Verhaltensstörungen scheint der Einsatz von Amphetaminen günstig.

Nichtstimulierende Medikamente: Das Antidepressivum Atomoxetin kann laut Studien die Symptome von ADHS reduzieren.

Achtung: Kinder und Jugendliche, die mit diesem Arzneistoff behandelt werden, müssen sorgfältig auf Verhaltensänderungen hin beobachtet werden, da es in einzelnen Fällen zu Übererregung und Selbstaggression kommen kann. Es sind Todesfälle in fraglichen Zusammenhang mit der Substanz gebracht worden. Das Medikament kann Herzfrequenz und Blutdruck steigern. Der Arzt wird daher regelmäßige Kontrollen vornehmen.

Auch andere Antidepressiva werden bei manchen Betroffenen eingesetzt. Dazu gehören Mirtazapin, Venlafaxin, Fluoxetin und Reboxetin. Allerdings haben diese Medikamente häufig Nebenwirkungen und werden in der Regel nur in Ausnahmefällen eingesetzt, in denen Methylphenidat nicht wirkt. Auch wenn Betroffene gleichzeitig unter Depressionen leiden, können Antidepressiva eventuell Mittel der Wahl sein.

Sind Medikamente wirklich nötig?

Arzneien gegen ADHS geraten immer wieder in die Diskussion. Kritiker bemängeln, sie würden oft vorschnell an Kinder verschrieben, die einfach nur lebhaft und deshalb etwas anstrengend für ihre Umwelt sind. Sie würden mit den Tabletten "ruhiggestellt".

Grundsätzlich besteht immer die Gefahr, dass der Wunsch nach Arzneien voreilig ausgesprochen wird  – weil es bequem und praktisch erscheint. Doch Medikamente sind keine Bonbons, sie alle haben auch Nebenwirkungen. Deshalb sollten Arzneien gegen ADHS wirklich nur dann verschrieben werden, wenn sie unbedingt erforderlich sind. In diesen Fällen leisten sie dann meistens wertvolle Dienste.

Ob Medikamente angebracht sind oder nicht, sollte unbedingt ein Experte entscheiden, der möglichst viel Erfahrung mit der Diagnose und Therapie von ADHS hat. Selbsthilfegruppen oder der Hausarzt können zum Beispiel dabei helfen, geeignete Fachleute in der näheren Umgebung zu finden.

Dr. Alexandra Philipsen ist Oberärztin an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Freiburg, Leiterin der ADHS-Ambulanz und Borderline-Station. Forschungsschwerpunkte: ADHS im Erwachsenenalter und Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie ist Lehrbeauftragte, DDBT-Supervisorin und Leiterin einer multizentrischen BMBF-geförderten klinischen Prüfung zur medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung Erwachsenser mit ADHS (01GV0606).