Wie Mann eine Geburt erlebt

Unser Autor schildert, wie das starke Geschlecht gar nicht mehr so stark ist, wenn ein Kind auf die Welt kommt

von Burkhardt Röper, aktualisiert am 18.10.2017

Wie Mann erfährt, dass eine Geburt losgeht? Bei mir hatte es etwas von einer verschlüsselten Botschaft. "Ich gehe heute doch nicht auf den Weihnachtsmarkt", sagte meine Freundin um kurz vor 20 Uhr. Dass dies der erste Hinweis auf eine bevorstehende lange Nacht sein würde, ahnte ich zu dem Zeitpunkt freilich noch nicht. Andererseits: Der Kalender schrieb den 25. November 2009, der seit Monaten errechnete Termin für die Geburt unseres Sohnes. Völlig auszuschließen war es nicht – auch wenn nur vier Prozent der Kinder an dem prognostizierten Tag auf die Welt kommen. Ich war jetzt erstmal froh, dass meine hochschwangere Freundin sich für das Zuhausebleiben entschieden hatte. Muss ja nicht sein, dachte ich mir.

Wie recht ich haben sollte. Denn als ich in der Küche stand – beim Spülen, jawohl – fiel mir doch auf, dass das aus dem Wohnzimmer anfangs leise Jammern nun doch langsam, aber stetig lauter wurde. "Na ja, viel länger als 48 Stunden wird es vielleicht nicht mehr dauern", ging es mir durch den Kopf.

Wie falsch diese Annahme sein sollte.

Erste Reaktion? Nudeln kochen

Es sollte deutlich weniger als 48 Stunden dauern, soviel schon mal vorab. Was jetzt folgt ist zwar nicht der Bericht einer Sturzgeburt. Aber es ging wirklich schnell los. So schnell, dass ich kaum realisierte, was gerade geschah.

Instinktiv – oder einfach nur so? – tat ich genau das richtige. Ich begann etwas zu kochen. Spaghetti mit Sauce. Kein Gourmetgericht, selbst ich habe bessere Menus drauf. Aber essen Sportler vor großen Wettkämpfen nicht auch immer Nudeln? "Pastapartys" heißt das Fachwort dafür. Möglichst viele Kohlenhydrate in sich hineinstopfen, das gibt Kraft. Meine Freundin würde die Kraft brauchen in den nächsten Stunden.

Im Fernsehen lief die letzte Folge der neuesten Staffel von "Desperate Housewives". Meine Freundin liebt diese Serie, wollte den letzten Teil unbedingt noch sehen. Es ging gerade so auf. 21.15 Uhr: Der Teller Nudeln war leer, die Serie vorbei, die Schmerzen – anfangs noch als "Bauchschmerzen" eingeordnet – wurden jetzt eindeutig als Wehen deklariert. "Ich gehe die Tasche packen", sagte meine Freundin.

Etwas orientierungslos lief ich durch die Wohnung, wollte irgendwie nützlich sein. Aber was sollte ich schon tun? Es ist halt so: Mann hat bei einer Geburt keine größeren Aufgaben. Außer vielleicht: "Soll ich mal in der Klinik anrufen?" Natürlich sollte ich das.

  • "Kreißsaal Taxisklinik."

  • "Hallo, Burkhardt Röper, ich glaube, bei meiner Freundin haben die Wehen eingesetzt."

  • "Wie oft kommen denn die Wehen?"

  • "Na ja, so alle 10 bis 15 Minuten."

  • "Dann kommen sie mal vorbei."

Das ging ja einfach. Keine weiteren Fragen, keine Aufregung, so mögen wir Männer das ja. Auch das Taxi stand schnell vor der Tür. Ich schloss die Wohnungstür ab und dachte mir "das nächste mal herein komme ich allein, aber wir werden zu dritt sein". Schon wieder ein Gedanke, der nicht stimmen sollte – wie so einige in dieser Nacht.

Die Zeit des Übens

Zehn Minuten später waren wir auch schon in der Klinik. Entgegen meiner Annahme ging es nicht direkt in den Kreißsaal, sondern in einen kleinen, abgedunkelten Raum. Ein leerer Tisch, eine Liege, ein weiterer Tisch mit einigen Geräten und etwas medizinisches Accessoire – mehr gab es dort nicht. Die Wehentätigkeit sollte hier gemessen werden, aufgezeichnet auf einem Stück Endlospapier. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich verstanden habe, dass der Ton aus dem Lautsprecher das Herz unseres Nachwuchses war, und welche der Kurven auf dem Papier Herzton und welche Wehen darstellten. War ich vielleicht nervös? Na ja, sagen wir mal: ein bisschen aufgeregt. Als ich die Apparatur enträtselt hatte, folgerte ich kurz nach einer Wehe zu meiner Freundin: "Vollausschlag, Du kommst heute nicht mehr nach Hause".

Vollausschlag? Ich hätte falscher nicht liegen können! Was ich hörte – und meine Freundin in sich spürte – war gerade einmal der Anfang. Leider.

So kam es auch, dass die Auswertung durch unsere Hebamme Corinna ganz anders ausfiel als von uns erwartet. Es ging schon beim ersten Satz los: "So, dann machen wir jetzt mal einen Schlachtplan." Schlachtplan? Liebes medizinisches Personal: Ich weiß, Ihre Wortwahl ist oft eine andere als die von uns Laien. Ich habe das als Medizinjournalist schon oft erlebt. Aber bei einer anstehenden Geburt von einem "Schlachtplan" zu reden? Also wirklich!

Nun, wie auch immer, der Plan bestand darin, uns erstmal wieder nach Hause zu schicken. Was ich als "Vollausschlag" ausgemacht hatte, deutete Hebamme Corinna als "Übungswehen" – was meine Freundin wiederum mit dem Satz "ich will das nicht üben" kommentierte.

Lesen Sie im folgenden Kapitel, wie es weiterging.

Wir konnten (oder wollten) diese Empfehlung zwar nicht so ganz nachvollziehen. Aber was soll’s? Corinna hat das hier sicherlich schon öfters mitgemacht, sie wird wissen, was sie sagt, dachte ich mir. Ein bisschen Enttäuschung war allerdings schon dabei. Wieder nach Hause? Es kann noch Tage dauern?

Zwei Zäpfchen bekamen wir noch mit. Sollten diese die Wehen abschwächen, wäre das ein sicheres Zeichen für Übungswehen. Ich hatte meine Zweifel – und zumindest einmal recht in dieser Nacht. Kaum hatte meine Freundin zuhause die Zäpfchen appliziert, bekam ich zum ersten mal mit, wie sich Geburtswehen im fortgeschrittenen Stadium anhören. Mir kam ein Spruch aus dem Geburtsvorbereitungskurs in Erinnerung: "Sie werden es schon merken, wenn die Geburt beginnt". Bei meiner Freundin war es soweit – daran bestand jetzt kein Zweifel mehr.

Wenn Kinder auf die Welt kommen

Zwei kurze Anrufe – einen im Kreißsaal, ein anderer beim Taxiunternehmen – und eine halbe Stunde später standen wir wieder vor der Taxisklinik. Der Fahrer war sichtlich erleichtert, dass bis hierhin alles gut ging. Mitten in der Fahrt setzte eine Wehe ein, und unser Chauffeur musste sich so einiges anhören. Wenige Meter vor dem Eingang zur Geburtsabteilung dann die nächste Wehe. Da stand ich nun, links neben mir meine Freundin – sichtlich und deutlich hörbar im Stress. Rechts neben mir eine Hebamme, die nur trocken sagte: "So hört es sich an, wenn Kinder auf die Welt kommen." Besser kann man es nicht formulieren, ein schöner Satz. Kurz, prägnant, stilvoll – nur zu diesem Zeitpunkt weder für mich noch für meine Freundin hilfreich.

Auch wenn ich eigentlich immer froh bin, wenn ich eine Klinik verlasse. Jetzt war ich sehr erleichtert, wieder bei den Fachleuten in Sachen Geburt zu sein.

Die Uhr zeigte bereits nach Mitternacht an, der errechnete Termin war also vorüber. Nur ein kleines Detail am Rande, denn solche Nebensächlichkeiten spielten jetzt keine Rolle mehr. Die Wehentätigkeit wurde nochmal gemessen. Warum eigentlich? Man konnte es wahrscheinlich eine Etage über uns vernehmen, was hier gerade vonstatten ging. Endlich durften wir in den Kreißsaal Nr. 6. Es war ein bisschen wie ein Hotelzimmer betreten – zumindest für mich. Die Taschen abgelegt, sich orientieren, ein paar Kleiderstücke rausgeholt. Meine Freundin wird das mit Sicherheit anders erlebt haben.

Was nun für mich folgte, war das große Warten. Viel zu tun hatte ich nicht. Händchen halten, Wasser reichen, zuhören, ausharren. "Es dauert nicht mehr lange", sagte Hebamme Corinna immer wieder. Was bedeutet das? 15 Minuten, ein halbe Stunde, eine Stunde? Klar, die Intensität der Wehen nahm zu. Aber als Statist und Laie neben dem Bett fällt es schwer, die Lage richtig zu deuten. Man kennt ja den Höhepunkt noch nicht.

So langsam spürte ich Müdigkeit. Mittlerweile war ich seit gut 20 Stunden wach.

Tschüss Müdigkeit, hallo wach

Die Uhr zeigte so etwa 4.10 Uhr morgens an, als die Müdigkeit schlagartig verschwand.

Als Corinna zum Telefonhörer griff und die Stationsärztin anrief. "Hier kommt das Kind zu Welt." Zwei, drei Minuten später war die Ärztin da. Und jetzt ging es richtig zur Sache. Zu zweit standen die nun vor dem Bett und feuerten meine Freundin an – ja, ja, liebe Fußballfans, es hat eine gewisse Ähnlichkeit. Eine anderer Vergleich fällt mir nicht ein. Man muss es erlebt haben.

Und dann war es soweit. "Die Haare sind schon draußen", sagte Corinna. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich meinen Blick dezent vom Ort des Geschehens zurück. Aber nun traute ich mich doch hinzuschauen – journalistische Neugierde wahrscheinlich. Richtig, die Haare. Es ging ganz schnell, nur ein paar Sekunden später: "Rabääää!". Ein Mensch war geboren.

4.17 Uhr morgens. Etwas über sieben Stunden waren vergangen seit dem Einsetzen der ersten Wehen. "Für das erste Kind eine super Zeit und eine tolle Geburt", meinte Corinna. Mag sein, aber ich weigere mich bis heute von einer "tollen Geburt" zu sprechen. Das ist medizinisch sicherlich korrekt – und ich bin sehr glücklich darüber, dass alles gut verlaufen ist. Aber wer als werdender Vater erlebt hat, was für eine Leidensstrecke dieser Vorgang für Frauen ist, wird mir beipflichten. Und deswegen ganz zum Schluss: Hut ab, liebe Mütter dieser Welt!