Ist Stillen wichtig – und wenn ja, wie lange?

Gar nicht, fünf Monate, zwei Jahre: Wie lange Frauen stillen, variiert stark. Und immer provoziert es Reaktionen. Drei Stillgeschichten und was Experten sagen

von Barbara Weichs, 20.05.2016

Eigentlich ist es fast schon egal, wie lange eine Mutter stillt: Irgendjemand fühlt sich immer bemüßigt zu werten – zu kurz, zu lang. Die Reaktionen des Umfelds bewegen sich nicht selten zwischen Verwunderung und Missbilligung. Das Thema polarisiert, jeder hat eine Meinung dazu, wie lange ein Kind Muttermilch erhalten sollte.

Empfehlung: Mindestens fünf Monate ausschließlich ­stillen

Die Empfehlungen der Nationa­len Stillkommission sind dagegen eindeutig: Säuglinge sollten, unabängig von ihrem Allergie­risiko, mindestens bis zum Beginn des fünften Monats ausschließlich ­gestillt werden. Frühestens dann raten Experten zur Beikost­einführung. Spätes­tens zu Beginn des siebten Monats sollte ­dies geschehen. "Beikost bedeutet aber nicht automatisch Abstillen. Beikost und Stillmahlzeiten ergänzen sich im Idealfall", sagt Prof. ­­Michael Abou-Dakn, Mitglied der Nationalen Stillkommission und Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph-Kranken­haus Berlin. Denn, das zeigen Studien, das Allergierisiko kann reduziert werden, wenn ein Baby neben seinem Brei weiter Muttermilch trinkt.

Viele Frauen brechen das Stillen früh ab

In Deutschland bekommen jedoch viele Babys bereits vor dem fünften Monat industriell hergestellte Säuglingsmilch, sogenannte Formula-Nahrung. "Über 90 Pro­zent der Frauen stillen nach der Geburt, doch die Abbruchrate ist dann hoch", sagt ­Michael Abou-Dakn. Vom Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Babys sechs Monate ausschließlich Muttermilch trinken sollten, sind deutsche Kinder weit entfernt. Sinnvoll ist diese Empfehlung vor allem für Babys in Entwicklungsländern. In den Augen des Experten wäre es bereits ein ­großer Schritt, wenn hierzulande mehr Mütter bis in den fünften Monat hinein voll stillen würden und erst danach ihr Kind langsam von der Brust entwöhnen.

Stillkinder und deren Mütter im Schnitt gesünder

Die Argumente dafür sind durch viele Studien belegt: Frauen senken zum Beispiel ihr Risiko, an Brustkrebs oder Diabetes zu erkranken. Gestillte Kinder entwickeln im Kindergartenalter seltener Übergewicht. Sie erkranken nicht so häufig an Infektionen, vor allem des Magen-Darm-Trakts, sind besser vor dem plötzlichen Kindstod geschützt. "Es ist ein Potpourri vieler Themen, das für das ausschließliche Stillen in den ersten vier Monaten spricht."

Keine Empfehlung zur optimalen Stilldauer

Doch wie lange sollte ein Kind insgesamt Muttermilch bekommen? Zur Stilldauer gibt die Nationale ­Stillkommission ­keine Empfehlung. Sie rät: Jede Frau solle das für sich entscheiden – und sich nicht dafür rechtfertigen müssen.

"So­lange sich Mutter und Kind wohlfühlen, ist alles in Ordnung", ergänzt Michael Abou-Dakn. Der Hinweis auf Schadstoffe in der Muttermilch, der immer wieder einmal für ein frühes Abstillen ins Feld geführt wird, sei hinfällig. "Das ist nicht relevant fürs Kind", so Abou-Dakn.

Bei Stillverzicht kein schlechtes Gewissen

Und was, wenn es mit dem Stillen nicht klappt oder eine Frau nicht stillen möchte? Verurteilen sollte das niemand, auch ein schlechtes Gewissen braucht deshalb ­keine Frau zu haben. "Wer sein Baby mit Formula-Nahrung füttert, schädigt es nicht, er nimmt ihm einfach Vorteile, die die Muttermilch bietet", erklärt der Gynäkologe. Da die Neugeborenenmilch, das sogenannte Kolostrum, besonders reichhaltig in seiner Zusammensetzung ist, wäre es gut, wenn Säuglinge in ihren ersten Lebenstagen wenigstens sie bekommen könnten. Ansonsten rät der Experte, besonders auf viel liebevollen und engen Hautkontakt sowie Schmuseeinheiten mit dem Baby zu achten. Denn ein wichtiger Punkt, den das Stillen automatisch fördert, ist die Bindung zwischen Mutter und Kind.

"Ich habe meine Kinder so lange gestillt, wie sie es gebraucht haben"

Laura R.* (38) hat Zwillingstöchter* (10) und zwei Söhne* (7 und 4)

"Zwillinge stillen – davon rieten mir während meiner ersten Schwangerschaft alle ab. Doch ich wollte es unbedingt. Und es hat geklappt, obwohl Lotte und Luise Frühchen waren. Die beiden waren sechs Monate alt, als ich begann, ihnen Brei zu füttern, doch den lehnten sie ab. Ich stillte also weiter, bot ihnen immer wieder Brei an, und langsam aßen sie auch. Das Stillen blieb aber wichtig, und ich hörte erst damit auf, als ich mit Franz, unserem dritten Kind, schwanger war. Da waren die beiden zwei Jahre alt. Franz habe ich zweieinhalb Jahre ausschließlich gestillt, er wollte nichts anderes als Milch. Ich glaube auch, dass das gut war, denn er hatte viele Hautprobleme. Als ich ihn wegen meiner nächsten Schwangerschaft abstillte, hat er auf einmal auch gegessen.

Bei Otto, meinem jüngsten Sohn, war es zunächst auch ­schwierig, denn er war ebenfalls ein Frühchen. Doch wir haben es geschafft. Zweimal habe ich versucht, ihn abzustillen, doch jedes Mal wurde er schwer krank, und so stillte ich ihn weiter. Als er drei ­Jahre alt war, zogen wir um, und nun riet der Kinderarzt, das Abstillen noch mal hinauszuzögern. Geklappt hat es schließlich, als Otto dreieinhalb Jahre alt war. Ich hatte bereits bemerkt, dass sich sein Stillverhalten verändert hatte: Es diente nicht mehr der Nahrungsaufnahme, sondern er holte sich damit eine exklusive Kuscheleinheit mit mir. Als mein Mann mit den Kindern alleine ein paar Urlaubstage verbrachte, kam es zwangsläufig zum Abstillen.

Für mich und meine Kinder waren diese langen Still-Zeiträume das Richtige. Ich hatte mir das nicht so vorgenommen. Es hat sich so ergeben, weil ich darauf geachtet habe, was die Kinder brauchen. Für mich war das oft stressig. Als belastend empfand ich die vielen negativen Reaktionen um mich herum. Es war ein langer Prozess, sich davon frei zu machen und sich ganz auf das jeweilige Kind und seine Bedürfnisse zu konzentrieren. Ich möchte auch niemanden missionieren: Jede Mutter muss das ganz alleine zusammen mit ihrem Kind entscheiden.

"Ich orientierte mich an den Experten-Empfehlungen"

Anna-Lena N.* (38) hat eine Tochter* (4) und einen Sohn* (1)

 

"Mein Ziel war, zwischen vier und sechs Monate voll zu stillen. Bei Carla habe ich nach fünf Monaten mit der Beikost begonnen: Alle vier Wochen ersetzten wir eine Mahlzeit. Mit etwa neun Monaten hat sie durchgeschlafen und damit auf die letzte Stillmahlzeit nachts verzichtet. Sie hatte nie ein Fläschchen. Quirin hat sich schon früher fürs Essen interessiert. Er bekam nach vier Monaten den ersten Brei, sechs Wochen später waren alle Tagesstillmahlzeiten ersetzt, nur noch nachts stillte ich ihn einmal. Mit circa sieben Monaten gab ich ihm nachts statt der Brust ein Fläschchen. Obwohl ich gerne gestillt habe, empfand ich die Art und Weise, wie das Stillen propagiert wird, fast als unangenehm. Ich habe einen Druck verspürt, der mich gerade bei meinem ersten Kind verunsicherte."

"Ich habe meine Kinder nicht gestillt"

Nadine S.* (35) hat eine Tochter* (2) und einen Sohn* (7 Monate)

"Als ich mit Lena schwanger war, war für mich klar, dass ich sie stillen werde. Nach der Geburt stellte sich jedoch heraus, dass das gar nicht so einfach war. Denn immer, wenn ich Lena anlegen wollte, drehte sie den Kopf weg. In der Klinik haben mich die Schwestern bei meinen Versuchen unterstützt, zu Hause tat das meine Heb­amme – ohne Erfolg. Ich habe noch zwei Wochen Milch abgepumpt, in der Hoffnung, dass es doch klappt.

Das war insgesamt schon zermürbend. Dazu bekam ich eine Brustentzündung und hatte beim Ab­pumpen sehr starke Schmerzen. Das war für mich der Punkt, an dem ich beschloss: Ich lasse das mit dem Stillen bleiben. Natürlich war ich enttäuscht, ich wollte auch nur das Beste für mein Baby. Sehr schnell habe ich dann aber die Vorteile gesehen: Ich war flexibler, weil auch mein Mann Lena füttern konnte. Während der Schwangerschaft mit Alexander habe ich überlegt, ob ich es mit dem Stillen noch einmal versuchen soll. Ich hatte jedoch Angst, dass sich die Schmerzen wiederholen könnten. Letztlich überwogen für mich die Vorteile des Nicht-­Stillens, und so hat mein Sohn von Anfang an das Fläschchen bekommen. Damals bei Lena empfahl mir ­meine Hebamme, viele Kuschelzeiten mit Hautkontakt mit ihr zu verbringen. Ich finde, das macht man aber sowieso automatisch mit den Kleinen, das musste ich mir nicht extra vornehmen. Wenn man nicht stillt, sind auch hier die Väter viel besser eingebunden. Negative Reaktionen habe ich nicht bekommen. Mein Umfeld hat akzeptiert, dass dies alleine meine Entscheidung ist, und hat sie dann auch mitgetragen. Bekäme ich noch ein drittes Kind – ich würde es auch nicht stillen."

* Namen von der Redaktion geändert