Wann eine Zahnspange nötig ist

Fast jedes zweite Kind trägt eine Zeit lang eine Zahnspange. Welche Fehlstellungen wann korrigiert werden müssen

von Tanja Pöpperl, 28.10.2015

Was fiebern Eltern beim Durchbrechen der ers­ten Zähnchen mit … Und dann wachsen sie beim Kind auf einmal schief und krumm! Doch woran liegt das? "Fehlstellungen der Zähne und Kiefer sind häufig erb­lich bedingt, oder sie entstehen durch schlechte Angewohnheiten wie Daumenlutschen und den zu langen Gebrauch von Schnullern", sagt die Hamburger Professorin Dr. dent. Bärbel Kahl-Nieke, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. "Manchmal ist die Ursache ­eine Kombination aus beidem."

Offener Biss führt oft zu Lispeln

Besonders häufig kommt es vor, dass Ober- oder Unter­kiefer zu weit vorstehen, landläufig als Über- oder Unter­biss bezeichnet. "Dadurch ist die Abbeiß- und Kaufunktion eingeschränkt. Sowohl die Zähne als auch der Zahnhalte­apparat können überlas­tet werden", sagt Bärbel Kahl-Nieke. "Wenn die Lippen nicht schließen, werden Kinder anfälliger für Karies sowie für Hals-, Nasen- und Rachenerkrankungen." Ähnlich problematisch ist es, wenn bestimmte Partien der Zähne beim Aufeinanderbeißen keinen Kontakt haben – meist im Front-, manchmal im Seitenzahnbereich. "Bleibt der ­offene Biss unbehandelt, haben Kinder Probleme beim Essen, beim Schlucken und Sprechen, viele lispeln", sagt die Kieferorthopädin. ­

Weniger offensichtlich ist der Kreuzbiss. Hier treffen die ­Zähne nicht richtig aufeinander. Daraus können Asymmetrien in der Zahnstellung und in der Kieferentwicklung entstehen. Manchmal herrscht auch schlicht Platzmangel in den Zahnreihen des Kindes, zum Beispiel weil der Kiefer zu schmal ausfällt. "Dann brechen die bleibenden ­Zähne zu dicht beieinander durch, verdreht, verspätet oder sogar gar nicht", erklärt Bärbel ­Kahl-Nieke. "Sie sind schwerer zu reinigen, und die Gefahr von ­Karies und Zahnfleischentzündungen steigt.

Rechtzeitig zum Kieferorthopäden

Bärbel Kahl-Nieke rät ­daher, bereits im Vorschulalter einmal mit dem Kind zum Kieferorthopäden zu gehen. Spätes­tens aber mit dem frühen Wechselgebiss um das achte Lebensjahr herum sollte man ihn einen Blick auf die ­Zähne werfen lassen. Der ­optimale Zeitpunkt für kiefer­orthopädische Korrekturen, speziell Klammer­behandlungen, liegt ­normalerweise in der Phase des späten Wechselgebisses, also im Alter zwischen 10 und 14 Jahren.

Ist eine Korrektur nötig, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. "Grundsätzlich unterscheidet man festgeklebte und herausnehmbare Varianten", erklärt Bärbel Kahl-Nieke. Wichtigster Unterschied: "Die festsitzenden Klammern ermöglichen eine gezielte drei­dimensionale Bewegung der ­Zähne. Herausnehmbare Klammern können lediglich kippende Zahnbewegungen durchführen." ­Welche Methode zum Einsatz kommt, entscheidet der Kieferorthopäde je nach Behandlungsziel und Alter des Patienten.

Unbelehrbare Daumenlutscher oder Schnullerfans werden oft mit einer Mundvorhofplatte therapiert. Dieses dem Schnuller ähnliche Gerät hilft, Nuckelgewohnheiten abzutrainieren. Ein offener Biss kann sich so zurückbilden oder zumindest nicht verschlechtern, bis eine altersgemäße Behandlung möglich wird.

Lose oder feste Spange?

Sollen Kiefer oder Zahnbogen geweitet werden, wird mit ­einer aktiven Platte oder Dehnplatte therapiert, eine ­lose, durch Dehnschrauben verstellbare Spange. Soll die Position beider Kieferhälften zueinander und das Vorstehen von Zähnen korrigiert werden, erhält das Kind ­einen Aktivator. Das ist eine herausnehmbare ­Spange, die an einem Stück auf Ober- und Unterkiefer wirkt. Muss die Stellung der Zähne von der Krone bis zur Wurzel verändert werden, wird eine feste Spange angebracht, ein Multi­bracket-Gerät. "­­Brackets" heißen die Plättchen aus Metall, Kunststoff oder Keramik, die auf die Zähne geklebt und mit elastischen Drahtbogen verbunden sind. Über die Bogen wird Druck ausgeübt, der die Zähne langfristig an den gewünschten Platz bewegt. Oft werden verschiedene Spangen auf­einander folgend eingesetzt. Wer sich unsicher ist, ob die vorgeschlagene Therapie für sein Kind die richtige ist, sollte eine Zweitmeinung einholen.

"Kinder und Eltern müssen in jedem Fall mitarbeiten, um ein gutes Ergebnis zu erreichen", sagt Bärbel Kahl-Nieke. "Das ­regelmäßige Tragen und Pflegen der Klammer ist entscheidend." Auch Geduld braucht es: Je nach Behandlungsziel dauert die Therapie in Deutschland drei Jahre oder mehr. In vielen europäischen Nachbarländern geht es schneller, zum Teil dauert die Therapie nur zwei ­Jahre. Eltern sollten bei ihrem behandelnden Kieferorthopäden nachfragen.

Kassenleistung

Anhand einer Indikationstabelle stuft der Kieferorthopäde die Schwere der Fehlstellung von Grad 1 bis 5 ein. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kos­ten für eine Klammerbehandlung, sobald Funktionen wie Abbeißen und Kauen beeinträchtigt sind (Grad 3 bis 5). Sie zahlen dann für die vorgesehenen Standardverfahren (für unauffälligere Varianten zahlt man zu). Zunächst muss man 20 Prozent Eigen­anteil tragen, bei weiteren Kindern zehn. Nach erfolgreichem Ende der Therapie erstattet die Kasse ihn zurück.