Mein Kind lügt wie gedruckt – was tun?

Lügen, flunkern, Geschichten erzählen: Irgendwann fangen die meisten Kinder an, die Wahrheit zu verdrehen. Was können Eltern tun?

von Sabine Hoffmann, aktualisiert am 08.03.2018

Die Puppe hat sich die Haare selbst abgeschnitten, den Kakaobecher hat der Wind umgeweht, und die Schokolade wurde heimlich vom Teddybär vernascht: Solche oder ähnliche Schwindeleien bekommen alle Eltern irgendwann aufgetischt. Anfangs sagen Kinder uns noch ungeschminkt jede Wahrheit ins Gesicht. Aber irgendwann fangen sie auch an, Dinge zu erzählen, die gar nicht wahr sein können.

Fantasie und Wirklichkeit

Wir Eltern reagieren dann oft verunsichert und verärgert, manchmal sogar verletzt und grübeln: Was habe ich falsch gemacht? Vertraut mein Kind mir nicht mehr? Bodo Reuser, Diplom-Psycho­loge, Kinder- und Jugendlichenpsychothera­peut sowie stellvertretender Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung aus Mannheim, beruhigt: "Wenn ein Kind schwindelt, brauchen sich Eltern nicht gleich Sorgen machen. Das Spiel mit der Wahrheit ist Teil der kindlichen Entwicklung."

Affen, die spontan aus dem Bilderbuch springen, Stofftiere, die dem Kind heimlich etwas zuflüs­tern – solche wunderlichen Geschichten erzählen schon die ganz Kleinen. Mit zwei, drei Jahren vermischen sich Fantasie und Wirklichkeit. In diesem Alter flunkern Kinder noch nicht bewusst. Erst mit etwa vier, fünf Jahren können Kinder zwischen wahr und unwahr, Realität und Fantasie unterscheiden. In diesem Alter merken die Kleinen, dass ein anderer Mensch das, was sie wissen, nicht automatisch auch weiß. War der andere nicht dabei, kann ich ihm also erzählen, was ich will.

"Lügen setzt ein gewisses Maß an strategischem Denken voraus, das sich erst in diesem Alter zu entwickeln beginnt", erklärt Reuser. "Zudem muss das Gewissen so weit ausgebildet sein, dass Kinder unterscheiden können, was in einer bestimmten Situation richtig oder falsch ist."

Darum lügen Kinder

Natürlich macht es Spaß, mal auszutesten, ob man Mama oder Papa hinters Licht führen und eine frei erfundene Geschichte vom Krokodilbesuch auf dem Spielplatz als wahr verkaufen kann. "Solche Flunkereien sind harmlos", sagt Reuser. Allerdings ist Lügen weitaus komplexer. Meist steckt dahinter die Angst des Kinds geschimpft oder bestraft zu werden. Geht beim Spielen aus Versehen die neue Hose kaputt, ist der Bruder schuld, weil er einen geschubst hat – obwohl man in Wahrheit verbotenerweise auf einen Baum geklettert ist. Auch wenn sich ein Kind überfordert fühlt, kann das ein Grund sein zu lügen: Spürt das Kind, dass seine Leistungen nicht den Erwartungen der Eltern entsprechen, fängt es vielleicht an, Erfolge zu erfinden.

Einer der häufigsten Gründe zu lügen ist aber Loyalität: Niemals würde Jonas verraten, dass sein bester Kumpel Tom den neuen Spielzeughubschrauber zerdeppert hat. Und natürlich würde er nach der Trennung der Eltern seiner geliebten Mama niemals auf die Nase binden, dass er Papas neue Freundin echt cool findet – selbst wenn die Mutter ihn nach seiner ehrlichen Meinung fragt. "Manchmal wird die Wahrheit auch aus Scham verbogen und eine erträumte Geschichte erzählt", sagt Reuser. Schämt sich das Kind etwa für die Armut der Eltern, prahlt es stattdessen vielleicht mit der ultracoolen Eisenbahn, die es angeblich zum Geburtstag bekommen hat.

Der Lüge auf der Spur

Egal, aus welchem Grund das Kind schwindelt: "Eltern sollten ihm keine Vorwürfe machen, es schimpfen oder bestrafen", rät Reuser. "Das führt nicht dazu, dass das Kind beim nächs­ten Mal die Wahrheit sagt. Im Gegenteil: Es verschweigt dann nur mehr." Lieber einfühlsam auf das Kind eingehen und nach der Ursache suchen, indem man schlicht fragt: "Warum hast du nicht gleich die Wahrheit gesagt?" Antwortet das Kind, dass es sich nicht getraut hat, heißt es für Eltern: Mut machen und sagen, dass es immer alles erzählen darf.

Auch diese Frage ist sinnvoll: "Was hast du denn davon gehabt, dass du diese Geschichte erzählt hast?" So kommen Eltern auf den Kern des Problems, und das Kind entwickelt ein Verständnis von Realität und Fantasie. Erzählt das Kind allerdings permanent haarsträubende Geschichten, verdreht alles und lebt in einer Scheinrealität, ist das bedenklich. Hier kann eine Erziehungsberatungsstelle weiterhelfen.

Ein gutes Vorbild sein

Natürlich wünschen sich Eltern, dass ihr Kind immer die Wahrheit sagt. "Das funktioniert nur, wenn Eltern authentisch und aufrichtig sind", sagt Reuser. Neigen wir vielleicht selbst etwas zu Übertreibungen oder leichtem Verbiegen der Wahrheit, ohne uns darüber bewusst zu sein, ahmt das Kind dies nach. Der Psychologe rät, sich selbst und das eigene Verhalten öfter zu hinterfragen. Authentisch und ehrlich zu sein und so auch mit seinem Kind umzugehen: das sei der beste Weg, damit die Kleinen lernen, bei der Wahrheit zu bleiben.