Was bei einem Blasensprung passiert

Wie eine Schutzhülle umgibt die Fruchtblase das Ungeborene. Reißt sie lange vor dem Geburtstermin, kann das für das Baby gefährlich werden

von Barbara Weichs, aktualisiert am 03.09.2018
Blasensprung

Die Fruchtblase umschließt den Fötus wie ein Ballon - und kann manchmal vorzeitig platzen


Die letzten Wochen vor der Geburt meines ersten Kindes bin ich nur noch mit einer Binde in der Handtasche außer Haus gegangen. Ich wollte vorbereitet sein, falls ich einen Blasensprung habe. Eine Freundin hatte mir den Tipp gegeben. Ich fühlte mich sehr sicher damit. Tatsächlich hatte ich dann einen vorzeitigen Blasensprung – vier Tage nach dem errechneten Geburtstermin. Ich wachte nachts auf, weil ich auf einmal im Nassen lag. Überrascht angesichts der Wassermenge, die unser Bett flutete, fragte ich mich nach dem ersten Schock, was mir die Binde unterwegs gebracht hätte.

So wie mir geht es rund zehn Prozent aller Schwangeren: Ihre Fruchtblase platzt nicht während der Geburt, sondern vorzeitig. Das Fruchtwasser geht ab, ohne dass die Frau Wehen hat. Die Vorstellung, auf einmal im Restaurant, Kino oder in der U-Bahn in einer großen Wasserpfütze zu stehen, beunruhigt viele Schwangere, weiß Rainhild Schäfers, Professorin an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Doch die Hebamme kann beruhigen: "Das kommt genauso selten vor wie die Geburt eines Kindes im Auto."

Die Aufgabe der Fruchtblase

Bis ein Baby zur Welt kommt, hat die Fruchtblase eine wichtige Funktion. Sie besteht aus zwei Eihäuten, die eine stabile, aber dünne Membran bilden. Wie ein Ballon umschließt  diese den Fötus samt Fruchtwasser und wächst mit ihm mit. Für das Ungeborene entsteht so eine komfortable Höhle: Schwerelos schwimmt es darin in angenehmer Temperatur, Stöße erlebt es abgemildert, Lärm hört es gedämpft, Keime dringen nicht ein.

Etwa eineinhalb Liter Fruchtwasser enthält die Blase zum Zeitpunkt der Geburt. Bis zur 38. Schwangerschaftswoche wird die Flüssigkeit alle drei Stunden erneuert, ab der zwölften Woche trinkt der Fötus davon.

Nach einem Blasensprung einleiten?

Wie es nach einem vorzeitigen Blasensprung weitergeht, hängt von seinem Zeitpunkt ab. "Nach der 37. Schwangerschaftswoche sind wir entspannt", sagt Prof. Dr. Richard Berger, Chef­arzt der Frauenklinik des Marienhaus Klinikums in Neuwied. Der Gynäkologe leitet die Leitlinien-Arbeitsgruppe, die momentan die Empfehlungen für Geburtshelfer zur Prävention und Therapie der Frühgeburt überarbeitet. Das Kind sei dann reif, es spreche also nichts dagegen, dass es nun auf die Welt komme.

Doch dafür braucht es auch Wehen. Bei mir hat es damals drei Stunden gedauert, bis ich das erste komische Ziehen im Bauch spürte. Ich war inzwischen im Krankenhaus, und eine Hebamme bestätigte mir, dass sich so Wehen anfühlen. Bleiben sie jedoch aus, helfen die Mediziner nach. "Es besteht die Gefahr, dass Infektionen über den Muttermund hochsteigen und dem Baby schaden", erklärt Richard Berger.

Wie lange Geburtshelfer abwarten, ob es von alleine zu einer Wehentätigkeit kommt, und wann sie eine Geburt einleiten, wird in den Kliniken unterschiedlich gehandhabt. "Von sechs bis 48 Stunden habe ich schon alles gehört. Wir warten 24 Stunden, denn in 80 bis 90 Prozent der Fälle entwickeln Frauen nach einem vorzeitigen Blasensprung von selbst Wehen", sagt der Frauenarzt.

Frühzeitiger und vorzeitiger Blasensprung

Ganz anders sieht es aus, wenn eine Fruchtblase lange vor dem errechneten Geburts­termin reißt. Als relativ problemlos stufen Gynäkologen die Situation noch ein, wenn der Blasensprung nach der 34. Schwangerschaftswoche stattfindet. "Die Lungen des Ungeborenen sind dann bereits gereift. Im Prinzip ist auch hier die Infektionsgefahr das größte Risiko", sagt Richard Berger.

Bis vor zwei Jahren lautete die Empfehlung noch, die Geburt sofort einzuleiten. Allerdings, so der Mediziner, zeigen neue Studien, dass es beim Baby nicht vermehrt zu Infektionen oder Atemproblemen kommt, wenn noch abgewartet wird. "Letztlich ist unser Ziel immer, das Baby solange wie möglich im Bauch der Mutter zu halten, damit es dort reifen kann und nach der Geburt weniger Anpassungs­probleme hat."

Das gilt auch für den Fall, dass die Fruchtblase zwischen der 21. und der 34. Woche platzt. Ärzte versuchen dann eine drohende Früh­geburt, so lange es geht, hinauszuzögern. Schwangere müssen dafür in die Klinik, um engmaschig beobachtet werden zu können. "Eine Infektion durch unterschiedliche Erreger wie zum Beispiel Streptokokken bedeutet eine große Gefahr für das Kind", erklärt Richard Berger. Die Organe des Babys könnten dauerhaft Schaden nehmen, sein Kreislauf könnte kollabieren.
Deshalb kontrollieren die Ärzte regelmäßig die Herztöne des Babys sowie die Entzündungswerte der Mutter. Parallel dazu bekommt die Schwangere ein Antibiotikum und verschiedene Medikamente, um die Reifung der Lungen des Ungeborenen zu fördern, sein Gehirn zu schützen und Wehen zu hemmen.

Ursachen eines vorzeitigen Blasensprungs

Manchmal verschließen sich Risse in der Fruchtblase auch wieder, und das abgegangene Fruchtwasser wird durch neues ersetzt. "Die große Kunst ist, den richtigen Zeitpunkt für die Geburt nicht zu verpassen", sagt der Gynäkologe. Einem Drittel aller Frühgeburten ging ein Blasensprung voraus.

Warum Fruchtblasen zu einem so frühen Zeitpunkt in der Schwangerschaft platzen, kann mehrere Gründe haben. "Normalerweise schütten Mutter und Kind Hormone aus, die dem Körper die Bereitschaft zur Geburt signalisieren und die Eihäute porös werden lassen", erklärt Rainhild Schäfers. In einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft sind die Ursache häufig Infektionen, die über den Mutter­mund aufsteigen. Aber auch vermehrte Blutungen im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel, ein verkürzter Muttermund und eine Mehrlingsschwangerschaft zählen zu den Risikofaktoren.

Manchmal bleibt eine Fruchtblase während der Geburt intakt. Geburtshelfer öffnen sie dann, wenn sie in Sorge sind, dass das Baby im Stress ist. "Eine Hebamme darf eine Fruchtblase erst dann künstlich öffnen, wenn diese zu sehen ist", sagt Schäfers. Oft reicht dafür schon ein Stupser mit dem Finger.

Urin oder Fruchtwasser?

Nicht immer geht das Fruchtwasser bei einem vorzeitigen Blasensprung schwallartig ab. Von Urin lässt es sich trotzdem recht leicht unterscheiden: "Fruchtwasser ist geruchlos. Im Gegensatz zu Urin lässt es sich nicht zurückhalten, sondern tröpfelt bei jeder Bewegung weiter", erklärt Rainhild Schäfers.

In der Schlussphase meiner zweiten Schwanger­schaft habe ich mir die Binde in der Handtasche gespart. Ich wusste jetzt, dass ich damit nicht viel erreiche. Diesmal platzte die Fruchtblase zwei Tage vor dem Termin, morgens auf dem Weg zur Toilette. Wieder schwall­artig. Die erste Wehe kam eine halbe Stunde später im Auto auf dem Weg ins Krankenhaus. Vier Stunden später hielt ich unseren Sohn im Arm.


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