Vorsorge: Zur Ärztin oder zur Hebamme?

Wohin werdende Mütter zur Vorsorge gehen, steht ihnen in Deutschland offen. Unsere Expertin erklärt, was Schwangere bei der Wahl zwischen Hebamme und Arzt beachten sollten
von Julia Schulters, aktualisiert am 05.04.2017

Ultraschalluntersuchungen sind Aufgabe des Frauenarztes

Banana Stock/ RYF

Mit der Hebamme haben die meisten Frauen dann zu tun, wenn es ernst wird: im Kreißsaal. Und auch in den Wochen nach der Geburt ist sie für Mutter und Kind da, sie gibt Tipps in Sachen Babypflege und hilft bei Stillproblemen. Aber während der Schwangerschaft? Ist da nicht eher die Frauenärztin zuständig?

Ultraschall muss der Arzt machen

"Nicht nur", sagt Dr. med. Silke Jung, Gynäkologin aus Frankfurt am Main, die selbst mit Hebammen eines Geburtshauses zusammenarbeitet. "Sie ist nur eine von zwei möglichen Ansprechpartnerinnen." Was nämlich viele gar nicht wissen: Schwangere können die Vorsorge auch bei ihrer Hebamme machen.

Einzige Ausnahme: die drei Ultraschallschalluntersuchungen am Anfang, in der Mitte und am Ende der Schwangerschaft. "Zu diesen Terminen müssen Schwangere in eine Frauenarztpraxis kommen", erklärt Jung. Bei allen anderen Untersuchungen, die im Rahmen der Mutterschaftsrichtlinien von der Krankenkasse bezahlt werden, können sich Frauen aussuchen, von wem sie betreut werden wollen. Auch abwechselnde Termine bei Arzt und Hebamme sind möglich.

Dr. med. Silke Jung ist Gynäkologin in Frankfurt am Main

W&B/Privat

Hebamme kann fast alles übernehmen

"Bis auf den Ultraschall sind die Untersuchungen dieselben", sagt Jung. Gewicht, Herztöne, die Lage des Kindes und den Zustand der Gebärmutter kann auch die Hebamme kontrollieren. Sie darf wie der Arzt Blut abnehmen und den Urin untersuchen. Treten Auffälligkeiten auf, schickt sie die Schwangere sofort zum Arzt.

Um eine Schwangerschaft festzustellen, rät die Gynäkologin allerdings, zunächst zum Frauenarzt zu gehen. "Mithilfe eines vaginalen Ultraschalls kann der Arzt gleich am Anfang der Schwangerschaft überprüfen, ob sich der Embryo richtig in die Gebärmutter eingenistet hat", erklärt sie. Etwa ab der siebten Schwangerschaftswoche kann man außerdem das Herz des ungeborenen Babys auf dem Monitor schlagen sehen. Mit dem sogenannten Dopton, das die Hebamme benutzt, lassen sich die Herztöne erst am Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels akustisch nachweisen.

"Wenn alles in Ordnung ist, spricht bei gesunden Frauen aber nichts dagegen, die Vorsorgeuntersuchungen bei der Hebamme machen zu lassen", sagt Silke Jung. Risikoschwangere, die etwa an einer chronischen Erkrankung wie Bluthochdruck oder Diabetes leiden, sind allerdings besser beim Arzt aufgehoben. Gleiches gilt für Frauen, die in ­einer vorhergehenden Schwangerschaft einmal Probleme hatten. Bei Komplikationen wie vorzeitigen Wehen, Wachstumsstörungen des Babys oder anderen Auffälligkeiten im Ultraschall, sollten Frauen ebenfalls zum Arzt.

Viele Vorteile: Hebamme und Ärztin im Wechsel

Wer sich für eine gemeinsame Schwan­gerschaftsbetreuung durch Arzt und Hebamme entscheidet, habe durchaus Vorteile, meint Jung: "Hebammen können sich mehr Zeit nehmen als Gynäkologen im stressigen Praxisalltag." Viele Frauen empfinden es zudem als angenehm, schon während der Schwangerschaft die Hebamme kennenzulernen, die sie auch später begleiten wird.

Als Konkurrenten sollten sich Ärzte und Hebammen nicht verstehen, findet Gynäkologin Silke Jung. Die gemeinsame Betreuung sei vielmehr eine optimale gegenseitige Ergänzung. "Am Ende wollen wir ja alle dasselbe", sagt die Frauenärztin, "eine gesunde­ Mutter und ein gesundes Kind."

Die richtige Wahl: Zwei Frauen berichten

Vorsorge bei der Ärztin
Maria A. aus Troisdorf ging für die Vorsorge zur Frauenärztin: "Als ich mit unserem Sohn ­Luca schwanger war, wusste ich gar nicht, dass es die Möglichkeit gibt, die Vorsorge auch bei einer Hebamme machen zu lassen. Trotzdem war es für mich damals genau richtig, zur Frauenärztin zu gehen. Unser Sohn hat ­einen Herzfehler. Schon während der Schwangerschaft wurden bei ihm auffällige Herzaktivitäten entdeckt. Luca kam schließlich durch einen Notkaiserschnitt zur Welt. Klar, ist es in einer Arztpraxis ein bisschen unpersönlich, es kann auch mal schwierig sein, einen Termin zu bekommen. Manchmal schafft man es in der kurzen Zeit gar nicht, ­alle seine Fragen zu stellen. In meiner Situation damals hat es mir aber große Sicherheit gegeben, dass ­immer ein Arzt auf mich und mein Baby geschaut hat. Heute ist Luca übrigens fast gesund. Die Ärzte wissen noch nicht, ob er überhaupt operiert werden muss."

Vorsorge bei der Hebamme
Verena U. ist mit ihrem dritten Kind schwanger und macht die ­Vorsorge bei der Hebamme: "Ich habe schon während meiner ersten beiden Schwangerschaften gute Erfahrungen mit der Vorsorge bei der Hebamme gemacht. Deshalb habe ich mich auch bei meiner jetzigen Schwangerschaft dafür entschieden. Nur für die Ultraschalluntersuchungen gehe ich zum Arzt. Meine Hebamme nimmt sich bei jedem Termin unheimlich viel Zeit für mich, manchmal mehr als ­eine Stunde lang. Was für mich als zweifache Mutter besonders praktisch ist: Meine Hebamme kommt entweder zu mir nach Hause, oder ich kann die Kinder zu den Vorsorgeuntersuchungen mitbringen. Beim Frauenarzt ist mir das immer ein wenig unangenehm. Schön finde ich auch, dass ich meine Hebamme jederzeit anrufen kann. Sie hat auch sonntagabends um acht noch ein offenes Ohr für meine Probleme. Mit der Zeit hat sich ein echtes Vertrauensverhältnis zwischen uns aufgebaut. Das gibt mir für die Geburt Sicherheit. Auch im Kreißsaal wird meine Hebamme mit dabei sein."


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