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Schilddrüsenunterfunktion bei Schwangeren

Das kleine Organ arbeitet zu Beginn einer Schwangerschaft für zwei – nämlich für Mutter und Kind. Schwächelt sie, kann das kritische Folgen fürs Baby haben

von Tanja Eckes, 12.07.2019
Frau bei der Blutabnahme

Die Schilddrüsenwerte lassen sich im Blut ermitteln – jedoch auf eigene Kosten


Sie ähnelt einem daumengroßen Schmetterling und wiegt mit 20 Gramm gerade mal so viel wie fünf Stückchen Würfelzucker. Doch für unseren Organismus leistet die Schilddrüse Erstaunliches: Sie reguliert die Herz-Kreislauf-Funktion, das Verdauungssystem und beeinflusst die psychische Verfassung. Eine Schwangerschaft stellt die Hormondrüse, deren Flügel sich rechts und links der Luftröhre unterhalb des Kehlkopfs befinden, vor Herausforderungen. "Das Organ arbeitet in den ersten Schwangerschaftswochen mehr, da die Mutter Hormone für das Kind mitproduziert und über die Plazenta überträgt", sagt Dr. Inge Reckel-Botzem, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin aus Hainburg. Erst um die zwölfte Schwangerschafts­woche herum beginnt die Schilddrüse des Kindes, selbst Hormone herzustellen.

Risikofaktor Jodmangel

Gerade weil diese körpereigene Hormonfabrik so unterschied­liche Aufgaben erfüllen und fein abgestimmt Botenstoffe produzieren muss, kommt es relativ häufig zu Störungen. Laut Deutschem Schilddrüsenzentrum ist schätzungsweise jeder dritte Erwachsene im Lauf des Lebens von einer Schilddrüsenerkrankung betroffen. Zum Beispiel von entzündlichen Veränderungen, Knotenbildung, einer zu hohen oder zu niedrigen Aktivität, genannt Über- oder Unterfunktion.

Vor allem Unterfunktionen treten hierzulande gehäuft auf. Nach Arzneiverordnungsreport aus dem Jahr 2018 sind circa fünf Millionen Menschen in Deutschland davon betroffen. Ein Grund: "Wir leben in Westeuropa in einem Jodmangelgebiet. Das Spurenelement benötigt der Körper aber in ausreichender Menge, um Schilddrüsenhormone produzieren zu können", so Inge Reckel-Botzem. Kleinere Mengen nehmen wir beispielsweise über Jodsalz, Milch und Seefisch zu uns.

Für Schwangere gelten als Richtwert 230 Mikrogramm täglich. "Da eine ausreichende Versorgung alleine über die Nahrung nur schwer zu gewährleisten ist, wird Schwangeren empfohlen, Jodtabletten als Nahrungsergänzung einzunehmen", so die Ärztin. Als gängige Dosis enthalten Zusätze für Schwangere ohne bekannte Schildrüsenfehlfunktion bis zu 150 Mikrogramm Jod – oft kombiniert mit Folsäure.

Müdigkeit und Haarausfall bei Unterfunktion

Gerade eine leichte Unterfunktion bleibt oft lange unentdeckt und macht sich in vielen Fällen erstmals in der Schwangerschaft bemerkbar. Anzeichen sind starke Müdigkeit, Haarausfall und Konzentrationsschwäche. "Bei Frauen, deren Schilddrüse vorher am unteren Rand der Normwerte arbeitete, kann mit Beginn der Schwangerschaft ein Mangel an Schilddrüsenhormonen auftreten", sagt Prof. Dr. Matthias M. Weber, Leiter der Abteilung für Endokrinologie am Universitätsklinikum Mainz.

Das ist für die Mutter nicht akut bedrohlich. "Für die Entwicklung des Kindes kann es aber gravierende Folgen haben und sollte deshalb frühzeitig festgestellt und behandelt werden", so der Endokrinologe. Die Auswirkungen eines Mangels reichen von einem erhöhtem Fehl- und Frühgeburtsrisiko über die Ausbildung einer Verdickung der Schilddrüse (Struma oder Kropf genannt) bis hin zu geistigen Entwicklungsstörungen des Kindes. Laut Weber sind etwa drei Prozent aller Schwangeren von einer latenten Unterfunktion betroffen. Seltener (0,1 bis ein Prozent) tritt eine Überfunktion auf, die sich aber im Verlauf der Schwangerschaft oft von selbst bessert.

Blutuntersuchung gibt Aufschluss

Um eine Schilddrüsenunterfunktion festzustellen, wird bei einer Blutuntersuchung zunächst der TSH-Wert ermittelt. Das Steuerungshormon TSH veranlasst die Ausschüttung von Boten­stoffen in der Schilddrüse und kann erste Hinweise auf eine Erkrankung geben. "Sind die Werte auffällig, werden weitere Schilddrüsenwerte im Blut ge­messen, das Organ im Ultraschall begutachtet und eine geeignete Therapie eingeleite", sagt Weber. Im Zweifel überweist der Gynäkologe oder der Hausarzt die Patien­tin an einen Endokrino­logen. Eine Unterfunktion behandeln Ärzte mit Schilddrüsenhormonen in Tablettenform. Aller­dings verändere sich der Normbereich des TSH-Wertes während der Schwangerschaft, was bei der Diagnostik und Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen dann berücksichtigt werden müsse, so Weber.

Werte werden nicht routinemäßig überprüft

Doch obwohl viele Experten nach einer standard­mäßigen Überprüfung der Schilddrüsenhormone während der Schwangerschaft verlangen, ist dieser Check bisher nicht im Mutterpass vorgesehen.

Lediglich bei bekannter Schilddrüsenerkrankung übernimmt die Krankenkasse die Kosten der Untersuchung und natürlich auch bei entsprechendem Verdacht. Gynäkologin Reckel-Botzem rät Frauen, bei ihrer Krankenkasse nachzufragen. "Viele Kassen bieten Leistungen an, die über die reguläre Vorsorge hinausgehen, bei manchen ist auch die Kostenübernahme für eine Schilddrüsen­kontrolle in der Frühschwangerschaft inbegriffen", so die Ärztin. Zahlt die Kasse nicht, können werdende Mütter den Bluttest als IGeL-Leistung machen lassen. Die Kosten belaufen sich auf 20 bis 30 Euro.


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