Organscreening oder Basis-Ultraschall?

Ist das Baby gesund? Das untersucht der Arzt in der Mitte der Schwangerschaft entweder mit dem Basis- oder dem Feinultraschall. Was Schwangere über die Wahl wissen sollten
von Peggy Elfmann, aktualisiert am 29.06.2017

Auf Wunsch schauen Frauenärzte beim Ultraschall genauer hin

Banana Stock/ RYF

Für werdende Eltern sind es ganz besondere Momente, wenn sie beim Ultraschall ihr Baby sehen. Am Anfang kaum mehr als ein klopfendes Pünktchen, hat sich nach 20 Wochen schon ein kleines Kind entwickelt, das am Daumen lutscht, greift und strampelt. Drei Ultraschalluntersuchungen gehören zur Routine-Schwangerschaftsvorsorge. Der Frauen­arzt überprüft dabei, ob sich das Ungeborene altersgemäß entwickelt.

Fehlbildungen früh zu entdecken kann lebensrettend sein

Seit 2013 können Schwangere in der 19. bis 22. Woche zwischen zwei Untersuchungen wählen: dem herkömmlichen Basis-Ultraschall und einer erweiterten Form davon, die ein Organscreening beinhaltet.

Prof. Dr. med. Ulrich Gembruch ist Direktor der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Bonn

W&B/Privat

Die Anforderungen im Ultraschall-Screening waren nach Meinung von Experten zuvor nicht mehr zeitgemäß. Deshalb wurde dessen Qualität verbessert. "Wenn Fehlbildungen frühzeitig diagnostiziert werden, kann das für das Baby lebensrettend sein", sagt Professor Dr. Ulrich Gembruch, Direktor der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Bonn.

Basis- oder Feinultraschall: Die Unterschiede

Beim Basis-Ultraschall in der bisherigen Form misst der Arzt unter anderem die Größe von Babys Kopf und Bauch, die Länge der Oberschenkelknochen sowie die Position der Plazenta in der Gebärmutter. Beim Organ-Screening hingegen sollen Organe und Strukturen des Ungeborenen systematisch begutachtet werden.

Dr. med. Ute Germer leitet das Zentrum für Pränatalmedizin an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Caritas-Krankenhaus St. Josef, Regensburg

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"Neu ist, dass es eine Art Checkliste für die Untersuchung gibt und nicht mehr nur allgemein nach Hinweisen für Entwicklungsstörungen gefragt wird", erklärt Dr. Ute Germer, Leiterin des Zentrums für Pränatalmedizin am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg. Zu dieser Checkliste gehören unter anderem Fragen wie: Ist das Kleinhirn sichtbar? Zeigen sich Unregelmäßigkeiten am Rücken? Lassen sich alle vier Herzkammern zeigen? Ist die vordere Bauchwand geschlossen? "Studien haben gezeigt, dass mehr Fehlbildungen entdeckt werden, wenn der Ultraschall systematisch durchgeführt wird", sagt Ute Germer, die auch die Sektion Gynäkologie und Geburtshilfe in der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin leitet.

Umfassende Beratung inklusive

Drei bis vier Prozent aller Neugeborenen kommen mit einer Fehlbildung zur Welt. Ein Drittel davon ist schwerwiegend, die meisten leicht- bis mittelgradig. Zu den schwerwiegenden Erkrankungen gehören häufig Herzfehler. "Im Mutterleib werden sie oft nicht erkannt, weil die Ungeborenen keine Symp­­tome zeigen, da sie noch über die Plazenta versorgt werden", erklärt Germer. Nach der Geburt können die betroffenen Kinder aber einen lebensbedrohlichen Sauerstoffmangel erleiden. "Wenn solche Fehlbildungen vor der Geburt bekannt wären, könnten Ärzte das Kind direkt nach der Geburt oder frühzeitig im Mutterleib behandeln", so Germer.

Die Mutterschaftsrichtlinien sehen auch eine umfassende Beratung zum Ultraschall vor. Der Frauenarzt soll die Schwangere über Ziele, Inhalte und Grenzen der Untersuchung informieren. Befragungen haben gezeigt, dass viele werdende Eltern zu wenig über die Untersuchungen und die möglichen Konsequenzen wissen: Fast alle Eltern gingen davon aus, dass beim zweiten Ultraschall auch früher schon eine genaue Diagnostik stattfand. "Das ist aber nicht so", sagt Ulrich Gembruch. Der Arzt habe zwar zum Beispiel Oberschenkel oder -arm vermessen, dagegen aber nicht kontrollieren müssen, ob alle vier Gliedmaßen oder alle Finger da sind. Das Organ-Screening ist detaillierter, aber eine genaue Suche nach allen möglichen Fehlbildungen hat auch diese Untersuchung nicht zum Ziel. Ärzte führen eine sogenannte Fein­diagnostik, die noch über das Organ-Screening hinausgeht, nur bei Risikoschwangeren durch oder wenn sie im einfachen Ultraschall oder im Organ-Screening Auffälligkeiten entdeckt haben. Dazu werden die Frauen oft an Spezialisten überwiesen. Diese besitzen häufig die Qualifikation der Stufe II oder III der DEGUM.

Auf Qualifikation des Arztes achten

"Herzfehler zu erkennen ist schwierig", sagt Ute Germer. Dazu sei Training nötig. Zudem seien ­einige Fehlbildungen so selten, dass mancher Arzt sie noch nie gesehen habe. Stu­dien bestätigen, dass höher qualifizierte und erfahrenere Ärzte mehr Fehlbildungen entdecken. Deshalb dürfen laut Berufsverband der Frauenärzte den erweiterten Basisultraschall nur Gynäkologen durchführen, die eine zusätzliche Prüfung abgelegt haben. "Die Qualifikation entspricht weitgehend den Anforderungen, die wir an Ärzte stellen, die sich nach DEGUM Stufe I zertifizieren", erklärt DEGUM-Sprecherin Professor Dr. Annegret Geipel, Leitung Pränatale Medizin in der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatale Medizin am Universitätsklinikum Bonn und Vorstandsmitglied der DEGUM. "Dabei handelt es sich um eine gute Basisqualifikation".

Schwangere hat Recht auf Nichtwissen

Aber selbst bei bester Qualifikation und größter Sorgfalt der Ärzte bleibt manches unentdeckt. "Stoffwechsel- oder Chromosomenstörungen können nicht erkannt werden", erklärt Ute Germer. Allerdings können Ärzte beim Ultraschall Hinweise auf Chromosomenstörungen wie eine Trisomie 21 finden, nämlich wenn diese mit Fehlbildungen wie Herzfehlern einhergehen. Für eine Untersuchung der Chromosomen sind aber weiterhin Chorionzottenbiopsie und Fruchtwasser­punktion­ nötig. "Der behandelnde Gynäkologe soll die Schwangere darüber aufklären, dass er beim Organ-Screening etwas heraus­finden könnte, was sie in Gewissenskonflikte bringt", sagt Germer. Wer damit Probleme hat, kann von seinem Recht auf Nichtwissen Gebrauch machen und auf die Untersuchung verzichten. "Jede Schwangere muss letztlich selbst entscheiden, wie viel sie erfahren möchte. Aber von einer Fehlbildung zu wissen bedeutet auch eine große Chance", sagt Ärztin Ute Germer. Die erweiterte Ultraschalluntersuchung wird von den Krankenkassen bezahlt.


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