Hebammen-Apps: Nützlich oder überflüssig?

Per Smartphone mit der Hebamme chatten, sich online Still-Hilfe holen – neue Plattformen und Apps machen es möglich. Aber bringt das was?

von Peggy Elfmann, 18.06.2018

Schnelle Antwort: Online-Angebote werben mit ständiger Erreichbarkeit


Welche Medikamente darf ich als Schwangere nehmen? Wieso trinkt mein Baby nicht? Warum schreit es? Werdende und junge Mütter stellen ihre Fragen immer häufiger nicht nur ihrer Hebamme oder ihrem Arzt, sondern suchen Rat auf digitalen Hebammen-Plattformen. "Wir Hebammen haben eine kompetente Ausbildung und großes medizinisches Wissen. Warum sollten wir nicht beraten?", fragt Sabine Kroh, die vor zwei Jahren die Plattform "call a midwife" gegründet hat.

Immer mehr Start-ups

Was als spontane Hebammenhilfe für Frauen im Ausland begann, gilt mittlerweile als "innovative Lösung", um Schwangere auch hierzulande zu betreuen, und Kroh wird als Gründerin mit Preisen ausgezeichnet. Schwangere und Mütter finden auf ihrer Plattform Heb­ammen, die per Chat, Mail oder Telefon individuell beraten, an 365 Tagen im Jahr, beinahe rund um die Uhr, in neun Sprachen. Ebenfalls digital unterwegs ist das Start-up "Kinderheldin". Hebammen wie Nicole ­Höhmann beantworten per Live-Chat Fragen rund um Schwangerschaft, Ge­burt und Baby. Ähnlich bietet das Start-up "Onelife Health" mit einer medizinischen App Schwangeren ein individuelles Coaching mit Hebammen und anderen Experten.

Hebammenberatung per Smartphone – kann das funktionieren?

"Der Hebammenberuf ist ein sehr haptischer Beruf. Ich untersuche die Frau oder das Baby mit den Händen und führe oft sehr persönliche Gespräche. Nur so kann ich eine Frau gut beraten", sagt Daniela Erdmann, Hebamme in Köln und Beirätin im Deutschen Hebammenverband. Und genau diese körperlichen Unter­suchungen und die enge persönliche Nähe fehlen im Digitalen.

Auch wenn sich eine Schwangere theoretisch per Smartphone und Laptop durch die neun Monate begleiten lassen kann: "Wir wollen die Hebamme vor Ort gar nicht ersetzen, und das können wir auch nicht", wendet Sabine Kroh ein. "Natürlich hat das Angebot Grenzen. Alles, was ich messen oder durch Tasten klären muss, kann ich digital nicht beurteilen", erklärt die Hebamme.

Zwei von drei Patienten informieren sich im Internet

Eine Beratung sei aber in vielen Fällen möglich. "Es hat mich überrascht, wie gut man mit einer Chatberatung helfen kann", meint Nicole Höhmann. Häufig hätten Schwangere kein dringendes Problem, sondern es gehe um allgemeine Fragen oder Erklärungen. "Viele Frauen wenden sich nach einem Termin beim Frauen­arzt an uns", sagt Höhmann. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt dies. Zwei von drei Patienten suchen nach einem Arztbesuch im Internet nach Informa­tionen. Aber die Studie zeigt auch: Die Vielfalt der Informationen verwirrt und verunsichert.

Ein Kritikpunkt: die Kosten

Davon profitieren die Hebammen-Angebote. Über die Plattformen kommuniziert man zwar digital, aber mit einer "echten Hebamme". Über die App können Frauen sogar ihre Daten aufzeichnen und mit der Hebamme besprechen. Doch: Alle Angebote kosten auch. Der erste Kontakt ist oft gratis, danach zahlt man für eine Monats-Flatrate bis etwa 50 Euro oder bucht einzelne Chats. Bei der App muss man ein Premium-­Abo abschließen, um das Coaching zu nutzen. Erst wenige Kranken­kassen übernehmen diese Kosten.

Ein Luxus für die, die es sich leisten können, meinen Kritiker. ­Daniela Erdmann sagt: "Hebammenberatung sollte allen Frauen zur Verfügung stehen – unabhängig vom Geldbeutel. Ich sehe es kritisch, dass die Frauen zu Zahlungen verpflichtet werden für Leistungen, die sie kostenfrei durch ihre Versicherung bekommen können."

Viele Hebammen nutzen bereits ihr Smartphone, um schnell auf Fragen ihrer Frauen zu reagieren. Laut der Gebührenverordnung übernehmen die Kassen sogar die Beratung per Kommu­nikationsmedium. Sie ist jedoch beschränkt auf zwölf Mal während der ganzen Schwangerschaft. Wer keine Hebamme gefunden hat, viele Fragen hat oder wessen Hebamme nur Hausbesuche macht, begibt sich trotzdem auf die Suche im Netz. Deshalb arbeitet der Hebammenverband laut Daniela Erdmann auch an einem Konzept zur Digitalisierung.

Darin sehen Experten einen Vorteil

Durchaus positiv bewertet Privatdozent Dr. Urs-Vito Albrecht, Arzt und Medizininformatiker an der Medizinischen Hochschule Hannover, die neuen Angebote: "Es ist ein schöner Weg, um unkompliziert Hilfe zu bekommen, und ein ressourcenschonendes Vorgehen, von dem beide Seiten profitieren." Digital seien kurze Nachfragen möglich, ohne dass dafür viel Aufwand betrieben werden müsse. "Gefahren können entstehen, wenn der Technik zu viel zugetraut wird. Diagnostische Aufgaben kann diese nicht sicher leisten", sagt Albrecht.

Die Online-Hebammen müssten sich ebenso an die Anforderungen zu Qualität und Datenschutz halten. Um ein Angebot einordnen zu können, sollte man sich vorab informieren. "Sicher wird die Zahl der digitalen Angebote steigen", prophezeit Albrecht. "Aber eine App oder Plattform wird nie eine Hebamme ersetzen können! Sie sind eine Unterstützung. Richtig eingesetzt, stärkt die Digitalwelt die Bindung zwischen beiden Seiten."

Kurzer Check

Diese Fragen helfen, sich über die Qualität der Plattform/App zu informieren:

  • Wer ist der Anbieter? Ist das Angebot unabhängig? Interessenkonflikte?
  • Sind die Berater qualifiziert? Orientieren sie sich an Leitlinien?
  • Wo werden die Daten gespeichert? Werden sichere Video- und/oder Chatprogramme verwendet?

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