Warum Beziehungen nicht (mehr) ewig halten

Warum tun wir uns manchmal so schwer mit der Liebe? Warum trennen wir uns häufig so schnell? Experten sind sich einig: Weil wir in der Partnerschaft zu viel wollen

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 14.09.2016

Beziehung: Ist Er wirklich der Richtige?


Früher, so heißt es im griechischen Aristophanes-Mythos, hatten die Menschen eine andere Gestalt als heute: Sie waren Kugeln mit vier Händen, vier Füßen, vier Ohren, zwei Gesichtern und zwei Geschlechtsteilen, glücklich, stark und mächtig – und den Göttern ein bisschen zu aufmüpfig. Deshalb teilten die Götter die Kugelgestalten. Seitdem laufen sie verzweifelt auf der Suche nach ihrer verlorenen Hälfte durch die Welt.

Ein Mythos, der auch heute große Aktualität hat  – glaubt man dem Berliner Soziologen und Autor Sven Hillenkamp. Ihm zufolge sind Menschen heutzutage mehr denn je auf der ständigen Suche danach, den einen, perfekten Partner zu finden. "Nie zuvor in der Geschichte waren Liebeshoffnung und Liebeserwartung der Menschen so groß", erklärt der Soziologe. Eine Ursache dafür ist unsere gewachsene Freiheit. Wir können Fernbeziehungen und Patchwork-Ehen führen, sind mobil, wechseln Arbeitsstellen und die Wohnorte. Wir können unser Leben optimieren – warum also sich mit einer Partnerschaft zufriedengeben, die vielleicht funktioniert, sich aber nicht perfekt anfühlt?

Kultur der Kurzfristigkeit

"Wir sammeln in einem einzigen Jahr mehr Eindrücke als Menschen vor 200 Jahren in einem ganzen Leben", schätzt der Heidelberger Paartherapeut und Autor Dr. Arnold Retzer. Der Paarpsychologe nennt das "den flüchtigen Zeitgeist". Ein gefährliches Modell: Denn daraus entsteht eine Kultur der Kurzfristigkeit, die auch vor der Liebe nicht haltmacht. Wir sind, sagt Retzer, eine Optionsgesellschaft, in der manchmal der Partner ersetzt werde wie das Auto im Zeitalter der Abwrackprämie. Soziologe Hillenkamp vermutet gar, dass die Liebe ausstirbt: "Sie verschwindet wie der Absolutismus und der Sowjetsozialismus." Die amerikanischen Sozialwissenschaftler Kim Marie Lloyd und Scott J. South ermittelten in einer Studie zu Partneralternativen und Ehescheidungen "dass viele Menschen ihre Partnersuche heute fortsetzen, während sie verheiratet sind".

Vielfältige neue Liebesmodelle

Mehrere neue Liebesmodelle machen Trendforscher und Psychologen dabei inzwischen aus. Für Peter Wippermann, Chef des Trendbüros in Hamburg, wird die Liebe künftig "projekthafter" sein. Will heißen: Partnerschaften werden schnell geschlossen, aber man trennt sich auch wieder, wenn ein Vorhaben, zum Beispiel Kinder zu bekommen, abgeschlossen ist. Experte Hillenkamp prognostiziert gar einen sogenannten polyamoren Lebensstil – gemeint sind Männer und Frauen, die nicht eine, sondern mehrere Partnerschaften parallel führen: jemanden fürs Bett, einen zum Reden und einen, mit dem sich der Alltag gut gestalten lässt. Bereits heute verzeichnen Psychologen einen Trend, vor allem bei jungen Paaren, zur Halbbeziehung: Man sieht sich, aber ohne Verpflichtung, hat Sex ohne Treueschwüre – eine Liebe mit unbegrenzter Kündigungsfrist, bei der beide offen lassen, ob man nun zusammen ist oder eben nicht.

Klingt alles hip, frei und unkompliziert. Aber es birgt große Probleme, gerade für Familien mit Kindern. Nach kurzer Zeit entsteht in ungeklärten Beziehungen immer ein Ungleichgewicht. Weil einer eben ein bisschen mehr liebt und darunter leidet, dass der andere sich seine Fluchttürchen offen hält. Weil dem einen das Herz wehtut und der andere die Fäden von Nähe und Distanz in der Hand hält. Wenn Uneindeutigkeit eine Liebe prägt, "kann kein roter Faden, kein gemeinsames Thema entstehen", warnt Psychologe Retzer. "Man verliert den Partner und schließlich sich selbst."

Experte: Abschied nehmen von der Idealvorstellung

Können wir es also schaffen, in der Liebe wieder beständiger und bescheidener zu werden? "Es lohnt sich, auch in schwierigen Zeiten beim Partner zu bleiben", sagt Retzer. "Einen besseren finden Sie vermutlich nicht." Denn auch in einer neuen Partnerschaft besteht die Gefahr, dass sich alte, zerstörerische Beziehungsmuster wiederholen. Mit dem bestehenden Liebsten dagegen haben wir die Chance, diese zu bearbeiten. Paartherapeut Retzer plädiert für einen "vernünftigen Umgang mit unseren Träumen von der ewigen Liebe". Das heißt als Erstes: Abschied nehmen von der Idealvorstellung der Liebe, vom Suchen nach der verlorenen Kugelhälfte, von der Sehnsucht nach dem einen, perfekten Partner.

"Ein gemeinsames Leben erfordert eine lebensfähige Organisation", sagt Retzer. "Es kommt also letztlich weniger darauf an, sich zu vertragen, sondern darauf, sich zu ertragen und mit Restriktionen zu leben, "Resignative Reife" nennt das der Paartherapeut. Sie bedeutet: Man akzeptiert, einen Menschen gefunden zu haben, mit dem sich zufrieden zusammenleben lässt, und bleibt bei ihm. Man gibt die Illusion auf, dass es immer nur herzerhebende Wahnsinnsgefühle geben muss.

Größter Fehler: Den Partner ändern wollen

Das hört sich so aufregend an wie ein Kuraufenthalt im Bayerischen Wald, ist aber durchaus erholsam. Vor allem für junge Eltern wird nämlich das Thema resignative Reife schnell entscheidend. Wenn das erste Kind zur Welt kommt, "ist es mit der Paar-Exklusivität vorbei", erklärt Psychologe Retzer. "Da geraten vor allem Männer in Schwierigkeiten, weil sie die Vorstellung nicht aufgeben können, dass es so romantisch weitergeht wie vorher."

Kein Wunder also, dass sich viele Eltern trennen, wenn die Kinder noch klein sind. Der größte Fehler, den Paare machen: den Partner ändern wollen. Wer am anderen herumnörgelt, drängt ihn in eine Verteidigungshaltung. Dann zeigen sich ungeliebte Eigenschaften erst recht. Der zweite Fehler: unlösbare Probleme lösen wollen. Der US-Paarforscher John Gottman hat in Studien mit 3000 Paaren festgestellt, dass die Mehrheit der Liebenden Streit nie gänzlich klärt – aber trotzdem im Gespräch bleibt. Glückliche Paare reagieren mit Humor, Ablenkung und Respekt, und sie verzichten auf verbale Verletzungen. Das Allerwichtigste aber: Sie glauben daran, dass der andere einfach in Ordnung ist.


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