Zweites Kind: Wollen wir noch ein Baby?

Ein bisschen schwanger gibt es nicht. Doch wie kann die Lösung aussehen, wenn Sie ein zweites Kind möchte, Er aber nicht? Der Weg zum Kompromiss

von Barbara Weichs, aktualisiert am 12.03.2018

Zeit für ein zweites Kind? Da sind sich Paare nicht immer einig


Eigentlich ist gerade alles wunderbar, denkt er sich: Das Baby ist aus dem Gröbsten raus, endlich wieder ein bisschen mehr Zeit für mich. Mir fehlt was, denkt sie sich: Das Kind schläft endlich durch, ich habe wieder mehr Kraft und Zeit. Zeit für ein zweites Kind. Doch so groß ihr Kinderwunsch auf einmal ist, für den Mann kommt im Moment ein zweites Kind nicht infrage. Und nun? Einfach die Verhütung hinter seinem Rücken absetzen?

"Das wäre nun wirklich kein guter partnerschaftlicher Umgang", sagt Dorothea Fischer, Eheberaterin und Mediatorin in Berlin. Auch wenn das Vorgehen vielleicht zu einer Schwangerschaft und dem von ihr ersehnten Kind führt, meist zahlen Paare einen hohen Preis dafür. Denn die Auswirkungen einer solchen Eigenmächtigkeit können die Beziehung dauerhaft belasten: "Das Vertrauen ist gestört, noch Jahre später werfen sich Paare das vor", weiß Fischer aus ihrer langjährigen Beratungstätigkeit.

Unterschiedliche Wünsche sind normal

In Beziehungen gibt es immer wieder Phasen, in denen nicht beide das Gleiche wollen. Und oft ergibt sich, wenn etwas Zeit vergangen ist und jeder den Wunsch des anderen auf sich hat wirken lassen, wie von selbst eine Lösung. Doch was können Mann und Frau, deren Positionen scheinbar unüberbrückbar gegenüberstehen, tun?

Genug Argumente für seinen Standpunkt findet jeder. Den Konflikt lösen diese aber nicht. Denn auf der Suche nach dem besten Argument bleibt auf beiden Seiten eines oftmals auf der Strecke: Verständnis für den Partner und seine Position. Zu sehr drehen sich die Gedanken im Kreis. Im Fokus steht das, was man selbst will. Keine gute Basis, um eine Lösung zu finden für ein so wichtiges Thema wie die zukünftige Familienplanung. "Besonders Frauen leiden sehr darunter, wenn der Partner kein weiteres Kind möchte. Seine ablehnende Haltung beziehen sie schnell auf sich, sie fühlen sich als Person von ihm abgelehnt", erklärt Dorothea Fischer.

Suche nach tiefer liegenden Gründen

In ihren Gesprächen mit betroffenen Paaren macht sich die Beraterin deshalb auf die Suche. Auf die Suche nach dem verloren gegangenen gegenseitigen Verständnis. Dabei stellt sich oft heraus, dass bei Paaren, die nicht zu einem befriedigenden Ergebnis kommen, Probleme im Verborgenen schlummern. "Schritt für Schritt versuche ich herauszufinden, was bewegt die Frau, was den Mann tatsächlich." Viele müssen sich erst einmal bewusst darüber werden, warum sie etwas möchten. Warum sie also ein weiteres Kind will, er aber nicht. Vielleicht macht ihr eigentlich die kriselnde Beziehung Angst. Ein Baby soll sie kitten. Vielleicht ist sie mit ihrem Job unglücklich. Die Suche nach einem neuen wäre überflüssig. Vielleicht hat sie aber auch ihr Familienbild, das ein Kind als zu wenig ansieht, noch nie hinterfragt. Ein zweites Kind würde jedenfalls all diese Probleme lösen – wenn auch nur für eine bestimmte Zeit.

Auch bei Männern entdeckt die Eheberaterin oft, dass die Ablehnung tiefer liegende Gründe hat. Sie fürchten vielleicht die zusätzliche finanzielle Belastung, die bedeuten würde, dass sich die Familie einschränken muss, zum Beispiel was den Urlaub oder das Hobby angeht. Oder dass ihnen noch weniger Zeit für Zweisamkeit bleibt. Mancher steckt vielleicht gerade in einer heiklen Jobsituation, muss eventuell die Arbeitsstelle wechseln und dafür sogar in eine andere Stadt ziehen. Es gibt aber auch Männer, die mit ihrer Vaterrolle schon beim ersten Kind nicht zurechtkamen oder das Gefühl haben, dass es in der Beziehung momentan nicht rund läuft. Ein zweites Kind würde all diese Probleme nur noch verschärfen.

Zweites Kind: Meist ist eher der Mann skeptisch

Eher selten hat Dorothea Fischer Paare erlebt, bei denen der Mann noch mal Papa werden möchte und seine Frau das komplett ablehnt. Während sie vielleicht Angst um ihre Karriere hat, ist er einem traditionelleren Familienbild verhaftet: Er sieht seine Frau in erster Linie als Mutter seiner Kinder, während er als Ernährer das Geld nach Hause bringt. "Letztlich kommt es auch bei dieser Konstellation darauf an, herauszufiltern, was die beiden eigentlich umtreibt", sagt die Expertin.

Sobald das gelungen ist, die Partner also ihre Sehnsüchte, aber auch ihre Zweifel und Ängste erkannt und ausgesprochen haben, wird etwas möglich, das in den erbitterten Debatten vorher nicht denkbar war: Der Blick auf den anderen verändert sich. Die Haltung der beiden steht nicht mehr feindlich im Raum. Vielmehr erkennt das Paar, dass jeder Standpunkt seine Berechtigung hat. "Die beiden finden wieder Worte, sich über die jeweiligen Bedürfnisse auszutauschen", erklärt die Expertin. Gemeinsam kann es nun gelingen, nach Strategien zu ihrer Erfüllung zu suchen.

Verständnis für den anderen bringt Annäherung

Wer außerdem die eigenen Beweggründe klarer sieht, hält meist nicht mehr bedingungslos an seiner Position fest. Der eigene Wunsch relativiert sich, kann vielleicht sogar zurückgestellt werden. "Jemand, der sieht, dass er alles für die Erfüllung seines Wunsches getan hat, kann sich eher damit arrangieren, wenn dieser nicht erfüllt wird", sagt Fischer. Viele Paare einigen sich auch darauf, das Thema etwas später neu zu verhandeln. Denn in einem halben Jahr kann viel passieren. Und wer weiß, vielleicht werden aus den dreien doch – schneller als gedacht – vier.


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