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Herzrhythmusstörungen bei Babys

Bei Säuglingen schlägt das Herz immer schneller als bei Erwachsenen. Doch wenn es anfängt zu rasen, kann eine Herzrhythmusstörung dahinterstecken. Das Wolff-Parkinson-White-Syndrom (WPW-Syndrom)

von Peggy Elfmann, 17.03.2019
WPW-Syndrom bei Babys

Zum Schlafen schließen Neos Eltern ihn an einen Überwachungsmonitor an


Neo liegt auf der Wickelkommode und strampelt mit seinen kleinen dicken Beinchen. Dabei quiekt der vier Monate alte Junge lautstark. "Er hat seine Stimme entdeckt", freut sich seine Mutter Talita M. Sein Vater Mirko zieht ihn liebevoll zum Wickeln aus. Als er den Body öffnet, kommen drei Kabel zum Vorschein: rot, gelb und schwarz. Die Elektroden dazu kleben auf Neos Brust. "Die gehören einfach zu Neo dazu", erzählt Talita M. Genauso wie ein Monitor, Medikamente und Termine beim Kinderkardiologen. Denn Neo hat das Wolff-Parkinson-White-, kurz: WPW-Syndrom.

Kurzschluss im Herzen

"Das WPW-Syndrom ist angeboren und die häufigste Herzrhythmusstörung im Kindesalter. Ein bis drei von 1000 Kindern sind betroffen", sagt Prof. Dr. Thomas Paul, Leiter der Klinik für Pädiatrische Kardiologie und Intensiv­­medizin am Universitätsklinikum Göttingen. Bei ihnen gibt es im Herzen eine zusätzliche Leitungsbahn. "Diese kann zu einem Kurzschluss im Herzen und zum Herzrasen führen", erklärt der Experte (siehe Grafik). Das Organ arbeitet zwar auf Hochtouren, kann aber nicht genug Blut in den Körper pumpen. Je länger das Herz rast, umso mehr strengt es den kleinen Körper an. "Wenn das Herzrasen längere Zeit anhält, werden die Babys schlapp, blass und kaltschweißig. Sie wollen oft nicht mehr trinken. Im schlimmsten Fall kann es zu einem Kreislaufversagen kommen", erläutert Dr. Roman Gebauer, Oberarzt und Leiter der Kinderrhythmologie am Herzzentrum in Leipzig. Wenn ein Säugling diese Symptome zeigt, sollten die Eltern mit ihm zum Kinderarzt oder in die Kinderklinik fahren, raten beide Experten. Im Zweifel kann man auch den Notarzt holen.

Ein Herzschlag von 260

Wie bei etlichen anderen Babys fiel das Herz­rasen bei Neo auf, noch bevor er Symp­tome zeigte. Zwei Tage nach seiner Geburt stellte eine Schwester einen erhöhten Puls fest. Das Elektrokardiogramm (EKG) bestätigte den stark erhöhten Herzschlag. Bei Neugeborenen schlägt das Herz immer schneller als bei Erwachsenen: Bis zu 160-mal pro Minute gilt als normal. Bei Neo schlug es 260-mal. "Das war ein Schock. Ich war glücklich, weil die Geburt gut verlaufen und Neo endlich da war. Und plötzlich stimmte etwas mit dem Herzen nicht", erinnert sich Talita M. Ihr Mann Mirko sagt: "Es war schlimm, weil wir nicht wussten, welche Folgen das haben kann."

Das Wolff-Parkinson-White-Syndrom

Bei der Herzrhythmusstörung kommt es bei Säuglingen zum typischen Herzrasen

WPW-Syndrom

Schnelle Hilfe dank Eisbeutel

Die Diagnose­stellung ist eindeutig. "Sieht man im EKG eine sogenannte Deltawelle, handelt es sich ganz klar um das WPW-Syndrom", erklärt Kardiologe Paul. Die Ärzte versuchen das Herzrasen zunächst mit einem einfachen Mittel zu unterbrechen. "Bei einem Drittel der Kinder gelingt das mit dem Vagusmanöver", sagt Paul. Dabei legen die Ärzte beispielsweise einen Eisbeutel kurz auf die Brust oder das Gesicht des Kindes. "Das löst den Tauchreflex aus, und der Herzschlag normalisiert sich", so Paul. Gelingt dies nicht, spritzen die Ärzte Adenosin. Das Medikament wirkt sehr schnell. Es blockiert kurz die Übertragung im Atrioventrikular-(AV)-Knoten und stoppt das Herzrasen (siehe Grafik). "Die Wahrscheinlichkeit eines neuen Anfalls ist bei Babys aber relativ groß", sagt Gebauer. "Unser Ziel ist es, dem vorzubeugen. Daher bekommen alle Kinder eine Therapie." Die Ärzte machen ein Langzeit-EKG über 24 Stunden, um herauszufinden, wie oft und wie lange das Herzrasen auftritt. Davon hängt ab, welche Arznei das Kind erhält und wie hoch sie dosiert wird. "Diese Antiarrhythmika sind starke Medikamente, aber sie haben keine bleibenden Nebenwirkungen", sagt Thomas Paul.

Wie kommt die Medizin ins Kind?

Auch Snjezana N. kennt den Alltag mit WPW sehr gut. Bei ihrem Sohn Samuel stellten die Ärzte bei einer Routinekontrolle kurz nach der Geburt Herzrasen und das WPW-Syndrom fest. "Samuel seine Medizin zu geben war anfangs schwierig. Das Medikament muss in bestimmten Zeitabständen gegeben werden, und zu Beginn haben wir uns sehr unter Druck gesetzt", erzählt sie. "Samuel wollte die bittere Medizin nicht schlucken. Also haben wir ein wenig experimentiert, und mit Fencheltee klappte es." Diese Strategie empfiehlt Kinderkardiologe Gebauer auch den Eltern in seiner Klinik: "Probieren Sie aus, womit und wie Ihr Kind die Medizin gut nimmt. Ob aus einer Spritze, einem kleinen Becher oder einem Sauger – das ist egal. Wichtig ist, dass man das Pulver nicht in zu viel Flüssigkeit auflöst. Denn das Kind muss die ganze Menge nehmen."

Als Familie einen Weg finden

"Wir haben am Anfang versucht, uns streng an den Acht-Stunden-Rhythmus zu halten. Groß war die Panik, wenn Samuel etwas Medizin aus­spuckte oder sich verweigerte", erzählt ­Samuels Vater Simon H. "Ich glaube, wir haben unsere Panik auf Samuel übertragen. Im Laufe der Zeit sind wir entspannter geworden", erzählt seine Mutter. "Wenn wir geduldig waren, hat er die Medizin besser getrunken. Mir hat es geholfen, dass mein Mann und ich uns unterstützt haben."

Auch Talita und Mirko M. zeigen jeden Tag Teamwork. Neo trinkt seine Medizin am besten, wenn sie mit Mineralwasser angerührt wird. "Er nimmt sie aber nur vor dem Stillen. Wenn ich sie ihm danach geben will, würgt er", sagt Neos Mutter. "Anfangs haben wir ihn mitten im Schlaf geweckt, aber das war Stress für ihn und uns. Jetzt warten wir, bis er aufwacht, und geben ihm das Medikament dann." Auch die Kardiologen beruhigen. "Es kommt nicht auf die Minute an bei der Medikamentengabe. Morgens, mittags, abends – am besten so, wie es zum Rhythmus des Kindes passt", sagt Paul. Um zu prüfen, ob die Medizin wirkt, müssen die kleinen Patienten regelmäßig zum Kardiologen für ein EKG. Falls notwendig, erhöht der Arzt die Dosis oder verschreibt ein anderes Mittel. "Tritt bei Patienten zu Hause das Herzrasen auf, kann man erst einmal abwarten. Es ist kein lebensbedrohlicher Notfall. Hält das Herzrasen länger als 20 Minuten an, sollte man in die Klinik fahren", rät Gebauer.

Sehr gute Selbstheilungsrate

Manche Kinder, die häufige und lange Anfälle von Herzrasen haben, bekommen für zu Hause einen Überwachungsmonitor. So wie Neo. "Ihn nachts an den Monitor anzuschließen gibt uns die Ruhe zum Schlafen, weil wir wissen, dass wir bei einem Anfall sofort alarmiert werden", sagt Mirko M. Allerdings gibt es auch Fehlalarme. Deshalb sind Samuels Eltern froh, dass sie keinen Monitor hatten. "Wir wussten aber, dass Samuel sehr gut eingestellt war. Er hatte nie mehr Anfälle", sagt Snjezana N. "Ich habe immer neben ihm geschlafen und meine Hand oft auf ihn gelegt. Die Nähe hat mich beruhigt."

Gegen Ende des ersten Lebensjahres wird das Medikament meist abgesetzt. "Fast 95 Prozent der Kinder, die als Neugeborene Anfälle von Herzrasen hatten, sind dann gesund", beruhigt Kardiologe Paul. Denn die zusätzliche Leitungsbahn verwächst sich in der Regel im Laufe des ersten Jahres. "Zu wissen, dass die Krankheit fast immer von alleine heilt, macht uns Mut", sagt Mirko M. Bei Samuel ist die Therapie bereits Vergangenheit. Vor vier Wochen setzte der Arzt die Medizin ab. Das Kontroll-EKG war normal. "Jetzt ist alles gut", sagt seine Mutter.

Hilfe finden

Sie haben Fragen zum WPW-Syndrom oder anderen Herzfehlern? Infos sowie eine Sozialrechts-Beratungsstelle finden Sie beim Bundesverband Herzkranke Kinder unter www.bvhk.de und www.herzklick.de oder Tel. 0241/91 23 32.
Auch die Kinderherzstiftung der Deutschen Herzstiftung informiert und hilft weiter unter www.kinderherzstiftung.de und Tel. 069/95 51 28 145.


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