Wenn Medikamente nicht auf Lager sind

Das Rezept vom Kinderarzt wirkt oft wie eine Erlösung für Eltern kranker Kinder. Nur: Manchmal muss der Apotheker das Medikament erst bestellen. Was steckt dahinter?

von Marian Schäfer, 24.04.2018

Durch Roboter können Apotheken schnell auf notwendige Medikamente in ihren Lagern zurückgreifen


Warum ist das Medikament nicht da?

Thomas Preis, der in Köln eine Apotheke führt und zudem Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein ist, erklärt den Hauptgrund am Beispiel von Antibiotika: "Es gibt viele verschiedene, die wiederum von diversen Herstellern in unterschied­lichen Packungsgrößen und Dosierungen angeboten werden."

Auf Rezepten vermerkt seien in der Regel nicht bestimmte Präparate, sondern nur der gewünschte Wirkstoff, die Packungsgröße, die Darreichungsform sowie die Dosierung. Was theoretisch zu einer Auswahl führe, werde praktisch durch Rabattverträge der Krankenkassen eingeschränkt: "Ich darf an Versicherte der einen Kranken­kasse nur das Antibiotikum des einen Herstellers abgeben", erklärt Preis. So könne es vorkommen, dass er zwar passende Präparate, etwa mit dem Wirkstoff Amoxicillin, vorrätig hat, trotzdem aber noch ein anderes bestellen müssen.

Hat der Apotheker einen Entscheidungsspielraum?

Grundsätzlich gilt immer zuerst das Wohl des Patienten. Ist ein sofortiger Therapiebeginn notwendig, kann der Apotheker auf ein gleichwer­tiges Präparat zurückgreifen, muss dies aber der Kasse gegenüber ausreichend begründen. "Dafür halten wir immer Rücksprache mit dem Arzt – oder versuchen es zumindest. An Wochenenden zum Beispiel, wenn Familien vom Notdienst kommen, ist das oft nicht so einfach", erklärt Thomas Preis. Handelt der Apotheker dann auf eigene Faust, geht er unter Umständen ein finanzielles Risiko ein: Sobald er sich nicht an das Rezept hält und/oder die Rabattverträge der entsprechenden Kasse missachtet und diese das für nicht ausreichend begründet hält, bleibt der Apotheker auf den Kosten für das Medikament sitzen.

Gibt es Medikamente, die immer vorrätig sein müssen?

Apotheker müssen die Arzneimittel­versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Entsprechend sind sie dazu verpflichtet, alle Arzneimittel sowie apothekenpflichtige Produkte, die für dieses Ziel notwendig sind, in ausreichender Menge vorzuhalten. "Konkret muss jede Apotheke mindes­­tens den durchschnittlichen Wochenbedarf auf Lager haben", erklärt Thomas Preis. Geprüft wird dies regelmäßig von den jeweiligen Aufsichtsbehörden. In Nordrhein-Westfalen sind das zum Beispiel die Gesundheitsämter und in Niedersachsen die Apothekerkammern. In Bayern kontrollieren Apotheker, die als Pharmazieräte ehrenamtlich in der staat­­lichen Apothekenüberwachung eingesetzt werden.

Wo bestellen Apotheker die benötigten Medikamente?

Verschriebene Medikamente, die nicht auf Lager sind, bestellen Apotheker so gut wie nie beim Hersteller ­direkt, sondern beim Großhandel. Der besteht in Deutschland aus elf Unternehmen. Sie sehen sich als Bindeglied zwischen den rund 1500 Herstellern und den knapp 20 000 öffentlichen Apotheken.

Wie lange dauert es, bis das Medikament in der Apotheke ankommt?

"Der Großhandel hat deutschlandweit 113 Niederlassungen und garantiert uns Lieferungen innerhalb von maximal 24 Stunden", erklärt Thomas Preis. "In aller Regel geht es sogar schneller. Gerade in großen Städten werden die Präparate oft innerhalb von zwei, drei Stunden geliefert." Laut PHAGRO, dem Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels, vergehen weniger als 45 Minuten, bis bestellte Ware im Auslieferungsfahrzeug landet. Durchschnittlich wird dem Verband zufolge jede Apotheke in Deutschland dreimal am Tag beliefert – zweimal tagsüber und einmal nachts.

Liefern Apotheken auch zu mir nach Hause?

"Dieser Service ist sehr verbreitet und wird von Patienten vor allem auf dem Land, aber auch in der Stadt immer häufiger in Anspruch genommen", erklärt Thomas Preis. Der Bundesver­einigung Deutscher Apothekerverbände zufolge finden bereits fünf Prozent aller Arzneimittelabgaben über Botendienste statt – Tendenz steigend. "Dies ist aber ein freiwilliger Service, der – leider – nicht von den Kassen bezahlt oder unterstützt wird", sagt Preis. Manche Apotheken verlangen daher einen Aufpreis.

Können Boten auch beraten?

Jein: Wurde das Rezept in der Apo­theke abgegeben, hat also der sogenannte Erstkontakt dort stattgefunden, schicken Apotheker meist kein pharmazeutisch ausgebildetes Personal, um den Patienten ihr Medikament zu bringen. "Findet er aber zu Hause statt, muss die Apotheke immer einen Mitarbeiter mit pharmazeutischer Ausbildung schicken, der dann auch beraten darf", erklärt Preis.


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