Warum Schwindel auch junge Frauen betrifft

Beunruhigend, wenn die Welt sich plötzlich dreht. Schwindel kann viele Ursachen haben – und großen Leidensdruck erzeugen. Manche Arten treffen besonders häufig junge Frauen

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 23.07.2018
Schwindelanfall

Alles dreht sich: Schwindel-Attacken sind oft sehr beängstigend


Plötzlich steht die Welt kopf. Alles dreht sich, die Augen scheinen nicht mehr richtig fokussieren zu können. Manche Menschen haben das Gefühl, es zieht ihnen schier den Boden unter den Füßen weg. Andere wissen nicht mehr, wo oben und unten ist. Beängstigend – aber mit etwas Glück schnell vorbei.

Schwindel ist ein häufiges Phänomen. "Fast ein Drittel ­aller Menschen macht einmal im Leben eine Schwindelerkrankung durch", sagt Professor Dagny Holle-Lee. Die Fachärztin für Neurologie ist Leiterin des Schwindel-Zentrums in Essen. Die Attacken dauern von wenigen Sekunden bis mehrere Tage. Oft stecken harmlose Gründe dahinter, wenn sich die Welt um einen herum dreht. In seltenen Fällen ist der Schwindel aber auch ein Hinweis auf eine ernste Erkrankung, einen Tumor zum Beispiel oder multiple Sklerose.

Gleichgewicht: Komplexes Zusammenspiel nötig

Ohnehin ist es ein Wunder, dass es uns so selten dreht. Damit wir aufrecht durchs Leben gehen, müssen nämlich mehrere Sinnes­systeme präzise zusammenarbeiten: Dazu gehört das empfindliche Gleich­gewichtssystem, das Gleichgewichts­organ und -nerv umfasst. Tast- und Tiefensinn und die Augen ermöglichen es uns, oben und unten zu erkennen und zu wissen, wo wir uns im Raum bewegen. Dieses Zusammenspiel kann schnell gestört werden.

Zu wenig getrunken? Zu große Hitze? Zu schnell aufgestanden? Oder die Periode steht kurz bevor und der Kreislauf ist im Keller? Frauen kennen viele Situationen, in denen alles schwankt. In der Regel ist dies ein harmloser diffuser Schwindel. "Wem nur kurz schwindelig wird und danach ist alles wie vorher, der muss in der Regel nicht zum Neurologen", sagt Holle-Lee.

Verschiedene Arten des Schwindels

Hat der Schwindel eine Richtung, handelt es sich um einen sogenannten Drehschwindel. Dann sollte man zum Arzt. Das gilt ebenfalls unbedingt, wenn Symp­tome wie ein Taubheitsgefühl des Körpers, Sprechstörungen oder Bewegungsprobleme hinzukommen. Auch wenn der Schwindel nicht nach wenigen Minuten verschwindet, sollte man zu einem Spezialisten.

Mit zunehmendem Alter wird das Gleichgewichtssystem störanfälliger. So tritt der Lagerungsschwindel am häufigsten zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr auf. Dabei dreht sich alles, wenn man lediglich die Lage des Kopfes verändert.

Folgende Erkrankungen treffen aber häufig auch schon jüngere Menschen:

Phobischer Schwankschwindel

"Bei jüngeren Menschen ist ­dies die häufigste Ursache für das unangenehme Schwindelgefühl", sagt Expertin Holle-Lee. Es dauert wenige Minuten bis mehrere Stunden an. Patienten mit phobischem Schwankschwindel leiden unter keiner körperlich bedingten Störung des Gleichgewichts. Meist stecken psychische Gründe dahinter, zum Beispiel eine Angsterkrankung oder starker Stress. "Oft bessern sich die ­Schwindelanfälle schon, wenn Patienten wissen, dass ihnen körperlich nichts fehlt", sagt Holle-Lee. Darüber hinaus helfen Gleichgewichtsübungen beim Physiotherapeuten und in manchen Fällen eine Psychotherapie. "Schwankschwindel lässt sich gut behandeln, aber man muss Geduld haben", so Dagny Holle-Lee.

Morbus Menière

Von einem Moment auf den nächs­ten setzt der Schwindel ein, es kommt zu starkem Drehgefühl, oft verbunden mit Übelkeit. Patienten hören schlechter, haben ein Pfeifen oder Rauschen im Ohr. Bei der Menière-Krankheit handelt es sich vermutlich um einen Druckanstieg der Endolymphe im Innenohr, der dann zum Einreißen der umgebenden Membran führt. Während eines akuten Anfalls helfen bestimmte Medikamente. Außerdem verabreicht der Arzt, wenn nötig, Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen. "Vielen Patienten kann mit Gleichgewichtstraining und Entspannungsübungen geholfen werden", sagt Holle-Lee.

Vestibuläre Migräne

Bei etwa zehn Prozent der Migränepatienten begleiten Schwindel­attacken einen Kopfschmerzanfall oder gehen ihm voraus. Dabei handelt es sich, so Holle-Lee, "um ­eine elektrische Leitungsstörung im Gehirn". Sie sorgt dafür, dass das Gleichgewichtsorgan falsch aktiviert wird. Ausdauersport und regelmäßiger Schlaf können die Anfälle reduzieren. Außerdem helfen Medikamente wie Beta-Blocker, bestimmte Anti-Depressiva und Anti-Epileptika.

Neuritis vestibularis

Dahinter steckt eine Entzündung­ des Gleichgewichtsnervs. Es kommt plötzlich zu starkem Schwindel, oft verbunden mit Erbrechen. Die Symptome können tage­lang anhalten. "Ein Grund, in die Klinik zu gehen, am besten in ein Schwindelzentrum", sagt Holle-Lee. Die Informationen des Gleichgewichts­­organs in einem Ohr gelangen nicht mehr zum Gehirn, das Gleichgewichtsorgan­ fällt aus. Ein dramatisches Krankheitsbild – mit guter Prognose. Meist kompensiert das andere Gleichgewichts­organ den Verlust. Das kann mehrere Wochen dauern. Auch hier helfen Gleichgewichtstraining und Bewegung.


Empfinden/empfanden Sie schwanger sein eher als schön oder als beschwerlich?
Zum Ergebnis
Haben Sie Ihr Kind schon einmal krank in die Kita geschickt?
Zum Ergebnis