Ultraschall gegen Myome: Röhre statt OP

Hochfokussierter Ultraschall ist ein neues Verfahren, um gutartige Gebärmutterwucherungen zu bekämpfen – ganz ohne Skalpell. Wie die Methode funktioniert

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 26.11.2015

Oft ist die Sorge groß, wenn sie per Zufall beim Gynäkologen als Knoten ertastet oder im Ultraschall entdeckt werden: Myome, Wucherungen der Gebärmuttermuskelschicht. Angst vor Krebs müssen Frauen mit dieser Diagnose aber nicht haben. "Bei Myomen handelt es sich um die häufigsten gutartigen ­Tumore des weiblichen Genitaltrakts", erklärt Dr. med. Kati Hasenbein, Chef­ärztin der Gynäkologie am ­Vivantes Humboldt-Klinikum Berlin. "Sie entstehen durch ein verstärktes Wachstum gutartiger Muskelzellen der Gebärmutter." In ­Europa ist nach Schätzungen ­jede vierte bis sechste Frau im gebär­fähigen Alter betroffen, ab 35 Jahren steigt die Wahrscheinlichkeit für die Ausprägung von Myomen.

Gefährlich sind die Wucherungen nicht, und bei vielen Frauen bestehen sie vollkommen unbemerkt. Doch in rund einem Drittel der Fälle treten Beschwerden auf, meist abhängig von Größe, Anzahl und Position der Myome. "Es sind unter anderem verstärkte oder sogar dauerhafte Blutungen möglich, ein Druckgefühl im Unterleib und je nach Lage und Volumen ein erhöhter Druck auf Blase oder Darm", sagt die Gynäkologin. Außerdem verhindern Myome manchmal eine ersehnte Schwangerschaft, etwa weil Myome im Bereich der Gebärmutterschleimhaut die Einnistung verhindern oder Frühgeburten verursachen.

Fokussierter Ultraschall: Alternative zum Skalpell?

Lange Zeit galt die operative Entfernung, bei ausgeprägten Beschwerden sogar die komplette Gebärmutterentfernung als medizinischer Standard. Doch inzwischen gibt es Alternativen zum chirurgischen Eingriff. Als innovativste und schonendste ­Methode wird momentan die Behandlung mit fokussiertem Ultraschall, kurz FUS oder HIFU ("High Intensity Focused Ultrasound"), angesehen.

Die Technik, die schon seit Längerem bei der Therapie von Pros­tatakrebs eingesetzt wird, soll Myome durch gezielte Hitzeeinwirkung geradezu schmelzen. "Wir bündeln dabei Ultraschallwellen und applizieren die Energie Punkt für Punkt im Myom­­gewebe", erklärt ­Matthias Matzko, Chefarzt der Diagnostischen und Interventionellen Radio­logie am Klinikum Dachau. "Das Gewebe wird durch die Schall­einwirkung in Schwingung und Reibung versetzt, wobei Temperaturen zwischen 65 und 80 Grad Celsius entstehen." Die fokussierte Hitzeenergie schädigt die Eiweißstrukturen der Zellen dauerhaft, das Myom­­gewebe wird somit verödet und stirbt ab. Man nennt das Verfahren auch Thermoablation.

Überwach­ung durch Magnet­reso­nanz­­tomografie

Klingt ein wenig nach ­Science Fiction – und die benötigte Apparatur entspricht tatsächlich höchster Medizintech­nologie. Denn ­parallel zum gebün­delten Ultraschall kommt zur Überwach­ung auch die Magnet­reso­nanz­­tomografie (MRT) zum Einsatz. Daher hat sich auch die Bezeichnung MR-FUS oder auch MRgFUS durchgesetzt. "Die Patientin liegt während der Behandlung im Magnetresonanztomografen mit eingebautem Ultraschallgerät auf dem Bauch, möglichst bequem ­positioniert auf einem Gelkissen im Wasserbad", erklärt der Radiologe. Sie erhält ­einen Stoppknopf, mit dem sie die Behandlung jederzeit unterbrechen kann, falls zu starke Schmerzen auftreten.

Anhand der dreidimensionalen Computerbilder im MRT wird die Lage des Myoms exakt bestimmt, sodass der Ultraschall punkt­genau ins Gewebe abgegeben werden kann. Auf 20- bis 30-sekündige Beschallungsphasen folgt immer eine Kühlphase, damit ­keine Verbrennungen auftreten. "Eine Vollnarkose ist nicht notwendig, wir verabreichen vorab ein Beruhigungs- und Schmerzmittel. Aber die Patientin bleibt bei Bewusstsein", so Matzko. "Die meis­ten Frauen sagen hinterher, dass sie bis auf ein gelegentliches Ziepen der Gebär­mutter und ein leichtes Hitze­gefühl auf der Haut nichts gespürt haben." Nach rund drei Stunden Behandlungsdauer lässt sich so ein mittelgroßes ­Myom veröden.

Pro und Contra des ­Ultraschall-Verfahrens

Die Vorteile der Methode liegen auf der Hand: Sie verläuft vollkommen unblutig, da der Ultraschall durch die intakte Haut hindurch in tiefere Gewebsschichten vordringen kann. Somit entfallen häufige OP-Komplika­­tionen wie Nachblutungen, Wundheilungsstörungen oder Narbenbildung. Das durch Hitze verödete Gewebe­ wird in den Monaten nach dem Eingriff vom Immunsystem abgebaut und abtransportiert. Da die neue Methode tagesstationär eingesetzt wird, muss die Patientin hinterher nur einige Stunden zur Beobachtung bleiben und kann am selben Tag in Begleitung die Klinik verlassen. Wichtig für Frauen mit Kinderwunsch: Die Gebärmutter bleibt dabei erhalten, die Chancen auf ­eine spontane Schwangerschaft steigen so anschließend.

Allerdings gibt es ein paar Aspekte, die der Therapie­methode enge Grenzen stecken. ­Matthias Matzko bestätigt: "Es müssen viele Kriterien erfüllt sein, damit wir MRgFUS überhaupt einsetzen können. Nur rund 20 bis 25 Prozent der Frauen mit Myomen eignen sich für die Thermoablation." Wie groß ist der Tumor, gibt es mehrere­ ­einzelne Knoten oder einen gro­ßen Myomherd, an welcher Stelle sitzt die Wucherung, kann der ­Ultraschall ohne Hindernis am gewünschten Brennpunkt ankommen? Solche und weitere Fragen müssen die behandelnden Radiologen vorab klären.

Vorderwandmyome etwa sind leichter zu beschallen als Hinterwandmyome, kleinere leichter als sehr große. Je näher die Wucherung an einem Knochen oder einem Nervenstrang liegt, desto schwieriger wird es, die Ultraschall­­energie zu applizieren, ohne gesundes Gewebe zu schädigen. Auch dürfen keine Darmschlingen den Schallweg versperren. Zusätzlich kann Übergewicht ein Ausschlusskriterium sein.

Myome können wieder nachwachsen

"Es ist schwierig, die Methode uneingeschränkt zu empfehlen, da es so viele Ausschlusskriterien gibt", sagt daher auch Kati Hasenbein. "Außerdem bieten erst ­einige wenige Zentren in Deutschland das Verfahren an, die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht auto­matisch." Dazu besteht, genau wie bei einer medikamentösen oder der Embolisations-Therapie, langfristig immer die Gefahr, dass die ­Myome nachwachsen und wieder Beschwerden verursachen. "Bei einer Gebärmutterentfernung hingegen kann man dieses Risiko ausschließen", so die Gynäkologin.

Operation ja oder nein? Steht die Entscheidung im Raum, sollte man sich genau informieren. "Vor allem Frauen mit Kinderwunsch kann ich nur ans Herz legen, Kontakt zu einem ­MRgFUS-Zentrum aufzunehmen und sich untersuchen zu lassen", sagt Matthias Matzko.

Myome behandeln – dies sind die gängigen Methoden:

Hormontherapie: Durch GnRH-Analoga wird der Körper künstlich in die hormonelle Situation der Wechseljahre versetzt. Wegen der Nebenwirkungen (etwa Hitzewallungen und starke Stimmungsschwankungen) ist die Einnahme auf sechs Monate begrenzt und wird oft im Vorfeld einer Opera­tion empfohlen. Ebenfalls vorbereitend auf einen Eingriff raten Ärzte bei starken Blutungen teilweise auch zu Mitteln mit Ulipris­talacetat für einen Zeitraum von drei Monaten. Das soll das Wachstum der Myome hemmen und diese vor einem operativen Eingriff verkleinern. Dabei kann es zu ­einer Amenorrhoe kommen, das heißt, die Frauen bluten nicht mehr. ­Dies kann bei Frauen mit einer myombedingten Blutarmut sinnvoll sein.

Operation: Je nach Lage und Größe der Myome können sie chirurgisch durch die Scheide und per Bauchspiegelung (minimal-invasiv) oder durch einen Bauchschnitt abgetragen werden. Wenn möglich, wird die Gebärmutter erhalten. Somit treten nicht abrupt die Wechseljahre ein, da die Hormonproduktion weiterläuft. Aller­dings bleiben Blutungen aus.

Embolisation: Hierbei werden die Blutgefäße, die das Myom versorgen, gezielt verschlossen. Der Arzt führt einen Katheter durch die Leis­tenarterie bis in die Uterus­arterie ein und bringt unter Röntgenkontrolle winzige Partikel ein, die die Gefäße verschließen. In der ­Folge schrumpfen die Myome, innerhalb eines Jahres im Schnitt auf ­etwa zehn Prozent der Ausgangsgröße.

Wo bilden sich Myome?

Myome entstehen an verschie­denen Stellen in der Gebär­mutter und werden danach be­nannt: Das intramurale Myom wächst in der Muskelschicht der Gebärmutter. Das subseröse bildet sich an der Umkleidung der Gebärmuttermuskulatur, das submuköse  unter der Gebär­­mutterschleimhaut. Manche Myome sind nur über einen Stiel mit der Gebärmutter verbunden, sogenannte gestielte Myome .


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