Seh-Screening bei Kleinkindern

Inzwischen bieten manche Kinderärzte ein Seh-Screening für Kleinkinder an, das ohne lästige Augentropfen funktioniert. Doch wie zuverlässig sind die Ergebnisse?

von Tanja Pöpperl, 15.02.2018

"Siehst du mich, Kleines?" Die Sehleistung lässt sich jetzt leichter messen


Brille ja oder nein? Ein neues Verfahren verspricht, die Diagnose von Fehlsichtigkeit bei Kindern zu erleichtern und schon ab dem sechsten Lebensmonat möglich zu machen. "Mit dem sogenannten Vision Screener kann man unter anderem Fehlsichtigkeit in Dioptrien, Hornhautverkrümmung und eine Abweichung der Sehachse, also Schielen, messen", sagt Kinder- und Jugendarzt Dr. Mat­thias Krueger aus Klingenberg am Main, der die Methode in seiner Praxis anwendet.

Messung per Infrarot

Bei dem Messinstrument handelt es sich um ein mobiles Refraktometer, einen handlichen Apparat, der je nach Modell ein wenig an einen großen Föhn, an einen Tablet-PC oder eine frühere Fotokamera erinnert. Das Funktionsprinzip ist einfach und für das Kind ungefährlich: "Infrarotstrahlung wird mithilfe des Geräts in das Auge des Kindes projiziert", erklärt Prof. Dr. Klaus Rüther, Facharzt für Augenheilkunde aus Berlin. Zur Messung muss das Kind etwa einen Meter Abstand zum Messgerät haben und direkt hineinschauen, die Untersuchung kann bequem auf Mamas oder Papas Schoß stattfinden. Das Screening-Protokoll listet diverse Messwerte auf, die Hinweise geben auf Fehlsichtigkeit, auf Funktionsstörungen der Pupillen oder Unregel­mäßigkeiten und Trübungen der Augenlinse.

Schmerzfreie und unbedenkliche Methode

Vorteil der Methode: Weder Tropfen zur Erweiterung der Pupillen noch eine direkte manuelle Untersuchung des Auges sind notwendig. "Das Gerät gibt Töne von sich, zum Beispiel Vogelgezwitscher, und zeigt farbige Lichter, was den Blick der Kleinen automatisch anzieht", so Matthias Krueger. "Bei unruhigen Kindern muss man die Messung manchmal ein paarmal wiederholen, aber da wir nur wenige Sekunden für eine Aufnahme brauchen und beide Augen gleichzeitig testen können, haben wir meist in kurzer Zeit gut auswertbare Ergebnisse, selbst bei den unter Einjährigen." Bei Auffälligkeiten wird das Kind zum Augenarzt überwiesen, um weitere Tests vorzunehmen und eventuell eine Behandlung einzuleiten.

Falsch-positive Ergebnisse möglich

Laut Hersteller entspricht die Messgenauigkeit der einer sogenannten Skiaskopie – einer Beurteilung der Brechkraft des Auges –, die der Augenarzt bei erweiterten Pupillen mit einem lichtdurchlässigen Spiegel durchführt. Klaus Rüther weist jedoch darauf hin, dass die beiden Methoden nicht in jeder Hinsicht vergleichbar sind. "Um eine Weitsichtigkeit zuverlässig festzustellen, müssen Augentropfen verabreicht werden."

Als weiteres Manko nennt der Augenarzt Messungenauigkeiten: "Manche Kinder, die als kontrollbedürftig eingestuft wurden, sind bei der anschließenden augenärztlichen Unter­suchung gar nicht auffällig." Umgekehrt können bestehende Augen­erkrankungen unentdeckt bleiben, zum Beispiel ein sehr kleiner Schielwinkel. "Für ein Massenscreening ist diese Messmethode daher nicht geeignet, obwohl ich das Funktionsprinzip des Geräts insgesamt gut finde", so Rüthers Ein­schätzung.

Test dient als Anhaltspunkt

Trotz dieser Vorbehalte rät Augenarzt Rüther nicht kategorisch von dem einfachen Sehtest ab: "Man sollte die Ergebnisse nur nicht als definitive Diagnose ansehen. Auch bei unauffälligem Test empfehle ich für alle Kinder eine augenärztliche Untersuchung zwischen dem 30. und 42. Lebensmonat." Und Kinderarzt Matthias Krueger hält den Einsatz des Screening-Ins­­truments vor allem dann für sinnvoll, wenn die Eltern nicht genau über Risikofaktoren wie Augenerkrankungen in der familiären Vorgeschichte informiert sind. "Dann kann die Messung dazu beitragen, frühzeitig eine mögliche Amblyopie, eine nicht wiederbringliche Einschränkung der Sehfähigkeit, darzustellen oder auszuschließen." Das Seh-Screening ist eine IGeL-Leistung (ca. 20 Euro), doch manche Krankenkassen übernehmen bereits die Kosten. Nachfragen lohnt sich.


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