Ohrlöcher schon für Kinder?

Niedlich oder gar Körperverletzung? Ohrringe bei Kindern sehen viele Experten kritisch. Was Eltern bedenken sollten

von Julia Schulters, 11.04.2016

Es war ein ungewöhnlicher Fall, der im August 2012 die Diskussion um Ohrlöcher bei Kindern deutschlandweit anheizte: Die ­Eltern einer Dreijährigen hatten die Betreiberin eines Berliner Tattoo­-Studios verklagt, weil ihre Tochter nach dem Ohrlochstechen traumatisiert gewirkt hatte. Der Prozess endete mit einem Vergleich: 70 Euro Schmerzensgeld zahlte die Inhaberin dem Kind. Der Richter zog in Erwägung, die Staatsanwaltschaft zu informieren und prüfen zu lassen, ob die Eltern oder das Tattoo-Studio sich der Körperverletzung schuldig gemacht hatten.

Ohrlöcher: Gesetzliches Mindesalter gibt es nicht

Geändert hat sich seit dem Prozess an der Rechtslage nichts. "Ein gesetzlich vorgeschriebenes Mindestalter gibt es nicht", erklärt Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte e. V in Köln. "Bei Minderjährigen liegt die Entscheidung im Ermessen der Eltern." Aber auch die sind häufig mit der Frage überfordert: Ab welchem Alter darf man dem Nachwuchs Ohrringe erlauben?

Die Deutsche Gesellschaft für Piercing in Essen lehnt das Ohrloch­stechen bei Kindern unter 14 Jahre konsequent ab. Dabei sei die Nachfrage riesig, sagt deren Vorsitzende Martina Lehnhoff. "Da es sich aber um einen körperlichen Eingriff mit ­irreversiblen Folgen handelt, sind wir der Meinung, dass Kinder die Entscheidung ganz bewusst selbst treffen müssen", sagt sie. Kleine Kinder können das nicht. Trotzdem sieht der Arnsberger Kinder- und Jugendarzt Dr. Burkhard Lawrenz in seiner Praxis immer wieder Babys mit Ohrsteckern. "Rein medizinisch betrachtet, ist das nicht problematischer als bei ­älteren Kindern", sagt er. Die Frage sei vielmehr: Darf das Elternrecht wirklich so weit gehen?

Auswirkungen auf kleine Kinder schwer einzuschätzen

"Kinder haben ein Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit", findet der Kinderarzt. Zumal es beim Ohrlochstechen nicht um einen medizinischen Eingriff gehe, sondern nur um Schmuck. Lawrenz hält es sogar für nicht ausgeschlossen, dass das Ohrlochstechen traumatische Folgen für ein Baby haben könnte. "Wir können überhaupt nicht einschätzen, welche psychischen Auswirkungen es auf ein kleines Kind hat, wenn es völlig unerwartet unter Schmerzen ein Loch ins Ohr gestochen bekommt", sagt er. Der Pädiater plädiert deshalb dafür, mit dem Ohrlochstechen abzuwarten, bis das Kind selbst den Wunsch äußert. Meist sei das im Grundschulalter der Fall. "Wenn Kinder das wirklich wollen und in der Lage sind, die Konsequenzen wie Schmerz und mögliche Folgeentzündungen einzuschätzen, finde ich es okay", sagt Lawrenz.

Ohrlöcher stechen Juwelier oder Piercer

Entscheiden sich Kinder und ­Eltern für Ohrlöcher, gehen sie meis­tens zum Juwelier. Im Gegensatz zu Piercern, die Ohrlöcher mit einer sterilen Einwegnadel stechen, werden in Schmuckgeschäften Ohrlochstechsysteme mit sterilen Einmalkartuschen verwendet. "Die Geräte sehen zwar ähnlich aus wie Pistolen, es wird aber nicht mehr geschossen wie früher, sondern von Hand behutsam gedrückt", erklärt Joachim Dünkelmann. Als erste Ohrringe eignen sich Stecker aus einem antiallergischen Material wie Chirurgenstahl, Echtgold oder Titan. Die Ohrlöcher sollten in den ersten sechs Wochen zweimal täglich mit einem Ohrlochkosmetikum gepflegt werden, die Stecker bleiben dabei im Ohr. Entzündungen sollte sich immer der Kinderarzt ansehen. "Nicht selten ist eine antibio­tische Salbe notwendig", so Lawrenz. Von Hängerchen oder Creolen rät er übrigens ab. "Wenn Kinder damit hängen bleiben, ist schnell das Ohrläppchen eingerissen", sagt er. Besser geeignet seien Stecker.


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