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MIH: Brüchige Kreidezähne bei Kindern

Zahnärzte entdecken bei Kindern manchmal bleibende Zähne, die brüchig und schmerzempfindlich sind. Dahinter steckt die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH). Experten klären auf

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 24.09.2020

Es ist der Albtraum aller Eltern, die bei ihrem Nachwuchs von Anfang an Wert auf gute Zahnhygiene gelegt haben: Zu Beginn des Grundschulalters brechen die ersten bleibenden Zähne durch – und weisen von Anfang an gelblich-braune Stellen auf, sind schmerzempfindlich und brüchig. Karies? Trotz gründlicher Pflege?

"Nein, die genannten Symptome sind Anzeichen einer Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation. Dabei enthält der Zahnschmelz einzelner Zähne zu wenig Kalzium und Phosphat, ist damit zu weich und kann seine Schutzfunktion nicht erfüllen", erklärt Prof. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Vor allem die ersten bleibenden Backenzähne (Molaren) und die ersten bleibenden Frontzähne (Inzisiven) sind betroffen. Neben den sichtbaren Verfärbungen sind Schmerzen beim Zähneputzen oder Heiß-Kalt-Empfindlichkeit Hinweise. Im schlimmsten Fall halten die Zähne dem Kaudruck nicht stand und Zahnhartsubstanz splittert ab.

Die betroffenen Kinder, die zu Katrin Bekes in die Spezialambulanz kommen, haben fast immer starke Zahnschmerzen und Angstzustände. "Wir haben Kinder, denen allein der thermische Reiz eines kalten Instruments oder des wärmenden Lichts der OP-Lampe schmerzt", sagt die Professorin für Kinderzahnheilkunde an der Medizinischen Universität Wien. Viele wollen sich erst gar nicht in den Mund schauen lassen.

Ein neues Krankheitsbild?

Seit rund 30 Jahren berichten Zahnärzte weltweit bei Kindern im Schulalter von einer mangelhaften Mineralisierung mit den beschriebenen Folgen, im Jahr 2001 führte die Europäische Akademie für Kinderzahnheilkunde den Begriff der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH, ein.

"Etwa 14 Prozent sind weltweit betroffen", sagt Bekes, die auch Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde ist. Die Zahlen schwankten aber stark von Studie zu Studie. In Deutschland leiden sogar 28 Prozent der Zwölfjährigen an MIH, wie die 5. Deutsche Mundgesundheitsstudie in der ersten bundesweiten Untersuchung herausfand. Bei dem Großteil davon treten allerdings nur Verfärbungen auf.

Ob es sich tatsächlich um eine Zunahme der Erkrankung handelt, steht nicht fest. "Möglicherweise wurden MIH-Fälle früher von verbreiteten Karieserkrankungen verschleiert", mutmaßt Dietmar Oesterreich. "Denn erst in den letzten 20 Jahren gingen die Karieszahlen in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen durch verbesserte Vorsorge und Mundhygiene und durch den Einsatz von Fluoriden um rund 80 Prozent zurück." Es ist also denkbar, dass mindermineralisierte Zähne vorher schlicht für kariös gehalten und dementsprechend behandelt wurden.

Ursachen ungeklärt

Auf die Entstehung von MIH hat die Ernährung genauso wenig Einfluss wie das Zähneputzen. Die Wiener Expertin Bekes trifft oft auf verzweifelte Eltern, die sich Vorwürfe machen. "Die Eltern müssen wissen, dass sie nichts falsch gemacht haben", sagt sie.

"Ich versuche, verzweifelte Mütter und Väter damit zu trösten, dass von 32 Zähnen grundsätzlich nur wenige betroffen sind und dass es gute Therapien gibt", sagt Christian Splieth, Professor für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde an der Universität Greifswald. "Da die Zähne bereits geschädigt durchbrechen, muss das Problem schon Jahre vorher, nämlich in der Mineralisierungsphase aufgetreten sein. Also gegen Ende der Schwangerschaft, rund um Geburt und im ersten Lebensjahr." Diese Tatsache macht es so schwer, rückwirkend die störenden Einflüsse zu erkennen.

Als Auslöser kommen unter anderem Antibiotika, Infektionskrankheiten, die Ernährung in der Schwangerschaft, Umwelteinflüsse wie Dioxine oder die Chemikalie Bisphenol A (BPA) infrage. "Es gibt immer noch viel Forschungsbedarf", sagt Kinderzahnheilkunde-Experte Norbert Krämer vom Universitätsklinikum Gießen. Inzwischen ist bekannt, dass auch andere bleibende Zähne betroffen sein können. Und auch die zweiten Milchbackenzähne können Mineralisierungstörungen aufweisen – Milchmolaren-Hypomineralisation genannt. Bei diesen Kindern sei die Wahrscheinlichkeit elffach höher, das sie auch unter MIH litten, sagt Krämer.

Doch eben weil die Ursachen für MIH noch nicht bekannt sind, ist Prävention nicht möglich. Eltern können nach Ansicht von Krämer trotzdem etwas tun: Die Zähne ihrer Kinder genau beobachten und schon früh mit ihnen regelmäßig zum Zahnarzt gehen, damit sie sich daran gewöhnen und später keine Angst haben.

Bei MIH gut Zähneputzen

Welche Maßnahmen ergriffen werden, entscheidet sich nach dem Schweregrad der Krankheit. Da der minderwertige Zahnschmelz Karies nicht gut abwehren kann, sollten Eltern besonders auf sorgfältige Zahnpflege achten. In leichteren Fällen bietet sich das regelmäßige Versiegeln der Zahnfurchen (Fissuren) und das Auftragen von Fluoridlacken an, bei stärkeren Ausprägungen werden Spezialfüllungen aus mineralischem Zement oder Komposit eingesetzt. Manchmal kann schon im Kindesalter eine Überkronung anstehen. Und zum Teil ist es sogar die beste Lösung, den kranken Zahn zu entfernen. Dann können nachkommende gesunde Backenzähne durch kieferorthopädische Maßnahmen die entstehende Lücke schließen.


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