{{suggest}}


Klumpfüße: Wie Ärzte behandeln

Etwa zwei von 1000 Babys kommen mit einem Klumpfuß zur Welt. Eine frühzeitige Therapie kann die Fehlbildung gut korrigieren. So wie bei Bastian

von Andrea Schmidt-Forth, 09.03.2020

Fragt man Bastian H., was er am liebsten macht, antwortet er prompt: "Fußball spielen!" Für einen Fünfjährigen mag das erst einmal nichts Ungewöhnliches sein. Für Bastian schon. Denn dass der Junge uneingeschränkt und ohne Schmerzen laufen, kicken, rollern, Rad fahren kann, ist ­keine Selbstverständlichkeit. "Bas­tian kam mit einem stark verdrehten und verformten rechten Fuß zur Welt. Er hatte ­einen Klumpfuß", sagt seine Mutter Steffi.

Zweithäufigste Fehlbildung

In Deutschland kommen von 1000 Kindern ein bis zwei mit einem Klumpfuß zur Welt. Nach der Hüftdysplasie ist dies die zweithäufigste angeborene Skelettfehlbildung. Bei Jungen tritt das Phänomen häufiger auf als bei Mädchen. Die eine Hälfte der Kinder hat wie Bastian nur ein Füßchen verdreht, bei der anderen sind beide Füße betroffen.

Die Ursachen können vielfältig sein und reichen von einer Verfestigung des Gewebes am Fußinnenrand bis zu einer veränderten Muskelstruktur. Selten entwickelt sich ein Klumpfuß später, etwa als Folge ­einer neuro­logischen Erkrankung.

Typischerweise treten Hohl-, Sichel- sowie Spitzfuß auf. Oft haben die Kinder eine stark verkürzte Achilles­sehne, die die Ferse nach oben zieht. Zudem ist der Fußaußenrand nach unten gedreht. "Wird der Klumpfuß nicht behandelt, versteift er nach und nach in der angeborenen Fehl­stellung", erklärt Dr. Ute Brückner, leitende Kinderorthopädin und Klumpfuß-Spezialistin im Klinikum Bremen-­Mitte. Die Folge: "Das Kind wird ihn beim Gehen nur auf dem Außen­rand oder sogar nur auf dem Fußrücken aufsetzen können, jede Belastung schmerzt."

Klumpfüße frühzeitig behandeln

Heute können Ärzte derartige Folgen verhindern. "Frühzeitig und konsequent behandelt, lässt sich ein Klumpfuß sehr gut korrigieren. Die betroffenen Kinder können in der Regel ganz normal und gut laufen lernen, haben ­keine funktionellen Einschränkungen", sagt Orthopädin Brückner.

Daher kommt es auf eine frühe Diagnose an. Häufig wird die Fehl­bildung beim Feinultraschall in der 19. bis 22. Schwangerschaftswoche entdeckt. Ein Spezialist berät dann die Eltern in der Regel schon vor dem Geburtstermin. Bei Bastian wurde die Fehlbildung kurz nach der Geburt festgestellt. Drei Tage später erklärte der Arzt in Augsburg den Eltern in wenigen klaren Sätzen den Behandlungsverlauf. "Und 20 Minuten später hatte unser Kleiner seinen ersten Gips", erinnert sich Bastians Vater Dieter H.

Keine große OP mehr nötig

Meist genügt eine Therapie aus Gipsen, einer Schiene und eventuell Krankengymnastik. Anders als früher operieren Ärzte nur noch selten. Vielmehr gilt etwa seit der Jahrtausendwende eine von Dr. Ignacio Ponseti in den USA entwickelte Methode als Standard. Sie ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. Dabei dehnt der Arzt das Gewebe des Füßchens über ­einige Wochen hinweg vorsichtig ­immer weiter und korrigiert so nach und nach sanft die Fehlstellung.

Anschließend hält ein neuer Gips die erreichte Position. Je nach Schwere­grad der Fehlstellung sind mindestens vier bis sechs Gipse in Folge nötig. Bastian bekam in den ersten acht Lebenswochen jede ­Woche einen neuen Gips.

In 80 bis 95 Prozent der Fälle erschwert eine stark verkürzte Achillessehne die Korrektur des Fußes. Dann wird bei einem kleinen Eingriff, der sogenannten Achillotenotomie, die Achillessehne mit einem wenige Milli­­meter langen Hautschnitt durch­trennt und die Ferse nach unten geholt. Dieser Eingriff wurde auch bei Bastian H. vorgenommen. Danach erhielt er für weitere drei Wochen einen Gips. "In dieser Zeit wächst die Sehne von alleine wieder zusammen", erklärt die Kinderorthopädin Ute Brückner.

Nur noch mit Schiene

Danach folgt die Schienenbehandlung. Auch Bastian bekam dazu zwei Therapieschuhe angepasst. Sie wurden in einem bestimmten Winkel auf ­einer Metallschiene befestigt, ähnlich einer Bindung auf einem Snowboard. Bastian trug seine ­Schiene in den ersten drei Monaten Tag und Nacht. "Nur zum Waschen, Baden, An- und Ausziehen konnten wir sie abnehmen", sagt Bastians Mutter. Danach reichte es, die ­Schiene vor allem zum Schlafen, insgesamt 14 Stunden am Tag, zu tragen. Bastians Eltern legten sie ihm ­­immer schon abends um 18 Uhr an und ließen sie bis zum nächsten Morgen dran. Sie empfanden dies als prak­tischer, als die Schiene auch zum Mittagsschlaf anzuziehen.

Die Schienen-Behandlung dauert in der Regel bis etwa zum fünften Lebensjahr, weil dann "die meisten Knorpelkerne zu Knochen geworden sind, der Fuß in der gewünschten Form bleibt", so Ute Brückner. Bas­tian durfte die Schiene zu seinem vierten Geburtstag ablegen. Solange er noch wächst, geht er alle vier, fünf Monate zu ­einem Kon­trolltermin in die Klinik.

Konsequenz bringt Erfolg

Nur das konsequente Tragen der Schiene bringt Erfolg. Andernfalls droht die Gefahr, dass der Fuß wieder zurück in die Fehlstellung geht, erneut mit Gipsen korrigiert und eventuell doch aufwendiger operiert werden muss. Je kleiner das Kind, umso größer ist dieses Risiko. Die Rückfallquote bei einem Behandlungs­abbruch liegt bei bis zu 85 Prozent. Deshalb nimmt sich Ute Brückner in ihrer Klumpfuß-Sprechstunde viel Zeit für die Beratung der Eltern und hat zudem einen leicht verständ­lichen Patientenratgeber verfasst.

Steffi und Dieter H. setzten die Behandlungsempfehlungen des Arztes konsequent um. "Schon ab dem ersten Gips war zu sehen, dass etwas vorwärtsgeht. Bastian gewöhnte sich schnell an die Schiene und hat nie gemault. Wahrscheinlich stören sich Erwachsene mehr daran als das Kind", meint ­Steffi H. rückblickend. Der Junge schlief mit der Schiene in jeder Position. Selbst robben, krabbeln und laufen konnte er damit. "Für Basti war es das reinste Fitnesstraining. Er hat richtig Muskeln an Bauch und Oberkörper bekommen", staunt seine Mutter.  

Keine Einschränkungen

Die Eltern haben Bastians Schiene insgesamt nicht als Einschränkung empfunden. Das Einzige: Einer von ihnen blieb abends immer zu Hause, um die Schiene bei ihrem Sohn selbst anzulegen.

Und Bastis Entwicklung? "Er hat genauso schnell krabbeln und laufen gelernt wie jetzt sein kleiner Bruder Julian", sagt seine Mutter. Beruhigende Ergebnisse liefern aktuelle wissenschaftliche Studien. Gießener Entwicklungspsycho­loginnen untersuchten, inwieweit die einge­schränkte Mobilität die Kinder in ­ihrer motorischen und kognitiven Entwicklung beeinflusst.

Defizite werden aufgeholt

Demnach konnten die Kleinen anfängliche motorische Defizite bis zum dritten Geburtstag gut aufholen. In den kognitiven Fähigkeiten gab es zwischen ihnen und Kindern ohne Klumpfuß keine Unterschiede. "Nur beim visuell-räumlichen Gedächtnis hatten gesunde Kinder einen kleinen Vorsprung", sagt Entwicklungspsychologin Dr. Julia Dillmann, die an den Studien mitgewirkt hat.


Ab welchem Alter konnte Ihr Kind laufen?
Zum Ergebnis
War die Geburt für Sie traumatisch?
Zum Ergebnis