Endometriose: Der verkannte Schmerz

Starke Schmerzen im Unterleib oder Probleme, schwanger zu werden. Dennoch können Jahre vergehen, bis der Arzt auf eine Endometriose kommt. Was bei der Gebärmuttererkrankung hilft

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 23.09.2015

Jeden Monat starke Schmerzen? Das könnte ein Hinweis auf eine Endometriose sein


Diese quälenden Unterleibsschmerzen vor und ­während der Regel jeden Monat. Dazu besonders starke Blutungen, Beschwerden beim Sex oder beim Toi­lettengang – und vielleicht das sehnsüchtige Warten auf ­eine Schwangerschaft, die sich einfach nicht einstellen will. Trotzdem rät der Frauenarzt zum Abwarten oder erklärt womöglich ­alles für ganz normal? Das kommt durchaus vor. Denn die genannten Symp­tome, die bei der gutartigen Gebärmutter­erkrankung Endome­triose auftreten können, stellen viele Mediziner noch ­immer vor ein Rätsel.

Endometriose: Weg zur Diagnose ist oft lang

"Oft vergehen bis zu zehn Jahre bis zur Diag­nose, und die Betroffenen suchen im Durchschnitt fünf verschiedene Ärzte auf", sagt Professor Stefan ­Renner, stellvertretender Direktor der Frauen­klinik des Universitätsklinikums Erlangen und Leiter des Endometriosezentrums Franken. "Das liegt zum Teil daran, dass Patientinnen selbst ­ihre Beschwerden nicht zur Sprache bringen, aber auch daran, dass die Symptome sehr unspezifisch ausfallen." Zudem erfordert das ausführliche Abfragen der einzelnen Krankheitskriterien Zeit, die vielen Gynäkologen im Praxisablauf fehlt.

Ursachen noch unklar

Warum gut zwei Millionen Frauen in Deutschland unter Endome­triose leiden und ­jährlich etwa 40 000 Neuerkrankun­gen hinzu­kommen, darüber gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Zwar konnten Wissen­schaftler bei ­nahen Verwandten und ­speziell eineiigen Zwillingen eine familiäre Häufung beobachten, was für ­einen gene­tischen Einfluss spricht. Dennoch liegen die eigentlichen Auslöser im Dunkeln. Bei der chronischen Erkrankung treten Zellansammlungen aus der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle auf. Wie das geschieht, darüber gibt es unterschiedliche Theorien. Mög­licher­weise werden Gebärmutterstammzellen über die Eileiter oder Blut- und Lymphbahnen verschleppt.

Verwachsungen und Zysten im Bauch

"Die Zellverbände können sich in der Gebärmutterwand und auf dem Bauchfell, aber auch im Eier­stock in Form von Zys­ten ansiedeln und weiterentwickeln. Manchmal sind auch der Darm, die Blase oder sogar die ­­Scheide von größeren Herden betroffen", erklärt Privatdozentin Dr. ­Sylvia Mechsner, Spezialistin für Endometriose an der Frauenklinik der Berliner Charité. So entstehen Gebär­mutterschleimhaut-ähnliche Herde, teilweise auch Verwachsungen, die bei Routineunter­su­chungen im Ultraschall nicht unbedingt sichtbar sind.

"Cha­rak­teris­tisch ist das zyklische Auf­treten der Beschwerden. Oft klagen Patien­tinnen schon seit der ers­ten Regelblutung im Jugend­alter ­jeden Monat wieder über starke Regel- und Unter­­leibsschmerzen", so Mechsner. "Manchmal sind ­diese verbunden mit ausstrahlen­den Schmerzen in den Rücken oder die Beine." Der Grund für die zyklische Wiederkehr: Endometrioseherde wachsen im Verlauf des Monatszyklus unter Hormoneinfluss parallel zur Gebärmutterschleimhaut an und verursachen so Druckschmerzen oder ver­stärkte Blutungen.

 

Warnsignal unerfüllter ­Kinderwunsch

Spätestens bei einer über ­längere Zeit ausbleibenden Schwangerschaft oder wenn sich bestehende Beschwerden durch die Ein­nahme der Antibabypille nicht bessern, sollte der behandelnde Gynäko­loge an Endometriose denken. "Bei 30 bis 40 Prozent der Frauen mit ­unerfülltem Kinderwunsch ­werden endo­metrische Wucherungen oder Zys­ten festgestellt", ­berichtet ­Sylvia Mechsner. "Das bedeutet aber nicht, dass jede Frau mit Endome­triose auto­matisch Probleme mit der Fruchtbarkeit hat."

Diese kann eingeschränkt sein, wenn Ablagerungen und Verklebungen an Ei­leitern oder Eierstöcken ein mechanisches Hindernis darstellen und den Transport oder das Einnisten der Ei­zelle erschweren. Auch bei unauffälligen Eileitern und Eier­stöcken können Frauen mit Endometriose manchmal Schwierigkeiten ­haben, schwanger zu werden. Das ­könn­te an immunologischen Störungen liegen. "Ein nicht erfüllter Kinderwunsch beschleunigt oft die Diagnose und eine angemessene Therapie, da diese Patien­tinnen sich nicht leicht abfertigen lassen und schnell eine Lösung finden möchten", be­obachtet Renner.

Bauchspiegelung: Diagnose und Therapie zugleich

Was aber tun, wenn ein Verdacht auf Endometriose besteht? Da äußer­liche Untersuchungsverfahren wie Ultraschall oder Abtasten nur ­äußerst selten klare Ergebnisse liefern, kommen Betroffene meist nicht um einen Eingriff herum. "Nur mit ­einer Lapa­ro­skopie, einer Bauchspiegelung, lässt sich ­eine sichere Dia­gnose stellen", so Stefan Renner. Dabei wird das Gewebe durch einen kleinen Bauchschnitt mithilfe eines feinen optischen Unter­­suchungsgeräts begutachtet. Häufig entnimmt der Gynäkologe ­eine Gewebeprobe – und entfernt die sichtbaren Endometrioseherde gleich mit. So kann auch der Schweregrad der Krankheit diagnostiziert werden – von 1 (leicht) bis 4 (schwer). Im Anschluss steht immer eine feingewebliche Untersuchung des entnommenen Gewebes, um die Krankheit sicher nachzuweisen oder auszuschließen. "Der Eingriff ist ambulant möglich. In der Regel emp­fiehlt man aber eine stationäre Aufnahme über wenige Tage", so der Experte.

Leider hat sich das Problem mit einer einmaligen Operation oft nicht erledigt. "Es handelt sich um eine hormonell beeinflusste Erkrankung mit hoher Rückfallrate. Daher müssen betroffene Frauen über die gesamte fruchtbare Zeitspanne damit rechnen, dass auch nach einer Operation erneut Endometrioseherde auftreten", sagt Mechsner. Bei jedem Eingriff wird zudem auch gesundes Ge­webe zerstört, und es kann zu Vernarbungen kommen. Daher lässt sich nicht unbegrenzt nach­operieren – von der Belas­tung durch den psychischen Stress, den Bauchschnitt und die Vollnar­kose ganz abgesehen.

Wie Medikamente helfen können

Weil die meisten Formen der Endometriose unter Östrogeneinfluss zyklisch aufblühen, kommt alternativ oder anschließend an eine Opera­tion eventuell eine Hormon­therapie infrage. Dabei werden oft reine Gelbkörperhormon-präparate oder soge­nannte GnRH-Analoga eingesetzt. "Gelbkörperhormone wirken ähnlich wie die Antibabypille, wobei man dem Körper eine künstliche Schwangerschaft vorspielt. Das Reifen der Eizellen und eine Hormonproduktion des Eierstocks bleiben aus. Die Gebärmutterschleimhaut und damit auch die Endometriose wächst nicht weiter", erklärt Stefan Renner. Mit GnRH-Analoga versetzt man den Körper in künstliche Wechseljahre, um bestehende Endometrioseherde auszutrocknen. Aller­dings können auch sämtliche Nebenwirkungen wie Hitzewallungen oder Stimmungsschwankungen ­auftreten. "Bestimmte Formen der Hormontherapie können im Vorfeld ­einer geplanten künstlichen Befruchtung eingesetzt werden, da sich dann die Chance auf eine Schwangerschaft nachweislich verbessert", so Stefan Renner. Die Aussicht auf ­eine Spontanschwangerschaft erhöht die Behandlung dagegen nicht.

Den Kinderwunsch nicht gleich aufgeben

Der Experte macht betroffenen Frauen mit Kinderwunsch aber Mut: "Letztendlich ist die Sterilitäts­rate im Vergleich zu gesunden Frauen nur leicht erhöht, viele Patien­tinnen werden ­ohne größere Probleme schwanger." Er rät: "Lesen Sie ­keine Horror­geschichten in Internet­foren, sondern wenden Sie sich an ein zerti­fiziertes Endometriosezen­trum." Falls nach der Behandlung die Empfängnis erschwert oder unmöglich ist, kommt ­eine künstliche Befruchtung ­infrage.


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