Zweiter Kaiserschnitt lässt sich oft vermeiden

Kam das erste Kind per Kaiserschnitt zur Welt, ist das beim zweiten oft auch so. Dabei wäre häufig eine natürliche Geburt möglich

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 25.08.2015

Der Arzt wägt ab, ob nach einem Kaiserschnitt eine natürliche Geburt ratsam ist


Glücklich damit, zufrieden, enttäuscht oder gar traumatisiert – ein Kaiserschnitt wirkt bei betroffenen Frauen sehr unter­schiedlich nach. ­­Entsprechende Gedanken machen sie sich, wenn sie ein weiteres Kind erwarten. ­Einige bestehen auch bei der nächs­ten Geburt auf einer Sectio. 70 Prozent der Frauen wünschen sich aber eine vaginale Geburt, zeigen Unter­­suchungen. Dennoch kommt bei der Mehrzahl das Kind wieder per Kaiserschnitt auf die Welt.

Auf Kaiserschnitt folgt häufig erneuter Kaiser­schnitt

Der Zustand nach Sectio, wie ein vorangegangener Kaiserschnitt unter Medizinern heißt, ist der häufigste Grund für einen Kaiser­schnitt. Die Re-Sectiorate bei Einlingen von Müttern mit Kaiser­schnitt lag im Jahr 2013 bei 68 Prozent, so das Institut für Angewandte Qualitätsförderung und Forschung im ­Gesundheitswesen. Die Rate schwankt zwischen den Kliniken: in Hessen etwa von 49 bis 84 Prozent. Der Fakten­check Gesundheit der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass vor allem die Re-Sectio für den Anstieg der Kaiserschnitt­rate sorgt. Die ­Autoren warnen vor einem Selbstverstärkereffekt.

Operation birgt immer Risiken

Auch wenn ein Kaiserschnitt heute ein Routine-Eingriff ist, bleibt er eine Operation. "Die Frauen haben mehr Schmerzen nach der Geburt und ein erhöhtes Risiko für Infek­tionen. Auch die Wundheilung dauert länger", erklärt Professor Kurt Hecher, der Direktor der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppen­dorf.

Auch für das Baby kann ein Kaiserschnitt negative Folgen haben. Dänische Forscher analy­sierten die Entwicklung von fast zwei Millionen Kindern: Bei Kaiserschnitt-Kindern war die Gefahr, später Asthma zu entwickeln, um 23 Prozent erhöht. Auch das Risiko für entzündliche Darmerkrankungen, Immundefekte oder Rheuma war größer.

Nützliche Bakterien werden nicht übertragen

Denn: Nach einem Kaiserschnitt ist die Darmflora des Kindes anders zusammengesetzt als nach einer vaginalen Geburt. Normalerweise werden bestimmte Bakterien, die für eine ausgewogene Entwicklung des Immunsystems wichtig sind, im Geburtskanal auf das Kind übertragen. Bei einer Sectio findet dieser Prozess nicht statt. "Mit nicht eindeutig indizierten Kaiserschnitten tragen wir Frauenärzte eine Mitverantwortung, dass die Erkrankungen in der Kinderheilkunde derart zugenommen haben", sagt Professor Frank Louwen, Leiter der Abteilung für ­Geburtshilfe und Pränatalmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Manchmal gibt es zwingende Gründe

Langsam setzt ein Bewusstsein für das Problem ein, und immer mehr Mediziner plädieren dafür, öfter eine vaginale Geburt nach einem Kaiserschnitt zu ermöglichen. Ausnahme: Es sprechen zwingende Gründe für ­eine Sectio. Solche absoluten Indikationen umfassen rund zehn Prozent der Kaiserschnitte: etwa, wenn das Kind zu groß ist für das mütterliche Becken oder die Plazenta vor dem Muttermund liegt. Dann wäre eine vaginale Geburt zu gefährlich.

Oft ist spontane Geburt möglich

In den meisten Fällen beruht die Entscheidung für das Skalpell jedoch auf relativen Indikationen – eine Abwägungsentscheidung. "Jede Geburt ist individuell und neu zu beurteilen", sagt Hecher. "Besonders gut stehen die Chancen für eine natürliche Geburt nach vorangegangener Sectio, wenn die Ausgangssituation ­eine andere ist." War etwa der Kaiserschnitt beim ers­ten Kind notwendig, weil sich dessen Herztöne während der Geburt verschlechterten, müsse­ sich das beim zweiten Kind nicht wiederholen. Ähnlich sieht es aus, wenn die erste Sectio wegen ­einer Becken­endlage gemacht wurde, das zweite Kind aber mit dem Kopf unten liegt.

Beide Experten wollen Schwan­gere zu einer spontanen Geburt ermutigen. Denn mit jedem Kaiserschnitt nehmen die Risiken für gesundheitliche Beschwerden der Mutter und in Folgeschwangerschaften zu, etwa für Plazentationsstörungen. "Nach zwei Kaiserschnitten ist zum Beispiel das Risiko um elf Prozent erhöht, dass die Plazenta in die Gebärmutter einwächst", erklärt Louwen. Falls sie sich nach der Geburt nicht löst, muss die Gebärmutter oft entfernt werden.

Probleme mit der Plazenta

Risiko für Gebärmutterriss nach Kaiserschnitt erhöht

"Viele Frauen fürchten, dass ihre Gebärmutter bei einer vaginalen Geburt an der Narbe reißen könnte", sagt Beraterin Heinrike Pfohl von der Kaiserschnittstelle in Hannover. Deshalb tendieren sie zu einem erneuten Kaiserschnitt. Ein Riss in der Gebärmutter stellt ­eine gefährliche Komplikation dar. "­Eine Uterusruptur ist jedoch selten. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 0,7 Prozent", so Hecher. Mit jeder Sectio steigt jedoch das Risiko. ­Britische Forscher zeigten jüngst, dass man die Wahrscheinlichkeit eines Gebärmutterrisses anhand einer Ultraschall-Untersuchung der ­Narbe erkennen kann. "Das Risiko ist umso größer, je dünner die Gebärmutterwand ist", sagt Kurt Hecher. "­Eine verlässliche Diagnose lässt sich aber auch mit einem Ultraschall nicht stellen." Denn Kaiserschnitt­narben können sich in einer erneuten Schwangerschaft unterschiedlich verhalten. Manche Narben sind im Ultraschall nicht einmal mehr zu sehen. Oder sie sind relativ dick, aber das Gewebe um sie herum ist nicht belastbar.

Dennoch raten die Experten zur Ultraschall-Kontrolle der Narbe im Verlauf der Schwangerschaft. "Falls das Gewebe um die Narbe sehr dünn ist, also weniger als drei Millimeter, sollte man einen Kaiserschnitt empfehlen", so Louwen. Das gelte auch, wenn die Sectio weniger als ein Jahr zurückliegt oder ein Längsschnitt gemacht wurde.
"Wegen des erhöhten Risikos sollten die Frauen als Geburtsort die Klinik wählen", rät Louwen.

Art der Geburt gut abwägen

Heinrike Pfohl weiß, dass sich viele Frauen eine vaginale Geburt wünschen, aber zögern. Sie empfiehlt ihnen, im Bericht der ersten Geburt nachzulesen, wann und warum die Entscheidung für eine Sectio fiel. Eine gute Vorbereitung sei auch das Gespräch mit einer Hebamme. "Wichtig ist es, dass die Frau mit ihrem Körper in Kontakt kommt und gestärkt in die nächste Geburt geht", so Pfohl. Und dass sie sich auch auf einen Kaiserschnitt einstellt: "Gut vorbereitet kann das ein versöhnendes Erlebnis sein." Idealerweise sollten Frauen den Partner einbeziehen und ihm ihre Wünsche sagen und aufschreiben – etwa dass das Baby nach der Sectio nackt auf ihren Bauch gelegt wird.

Mediziner Louwen rät Schwangeren zu einem gesunden Lebensstil mit viel Bewegung und gesunder Ernährung: "Das erhöht die Chance auf eine spontane Geburt." Auch solle man in der Klinik nach der Re-Sectio-Rate fragen. "Eine niedrige Rate ist mit viel Aufwand und Kosten verbunden, aber für die Frauen und Kinder ist es gesünder."


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