Schwere Geburt: Weshalb Reden hilft

Die Geburt eines Kindes ist überwältigend, manchmal ­schwierig. Viele Mütter bekommen in der Klinik keine Gelegenheit, darüber zu sprechen. Das sollte sich ändern
von Peggy Elfmann, 07.04.2016

Eine Geburt kann belasten. Müttern hilft es, darüber zu sprechen

Getty Images/Taxi

Anstrengend, aber schön – so ­stellte sich Anja R.* aus Berlin die Geburt vor. Die Schwangerschaft der 30-Jährigen war ­ohne Probleme verlaufen, also ­­würde auch die Entbindung normal vor sich gehen – so dachte sie. Aber dann kam es anders: Geburts­einleitung, plötzlich ­heftige ­Wehen und ein Muttermund, der sich kaum öffnete. Etliche Interventio­nen und 24 Stunden ­­später machte die Ärztin ­einen Kaiserschnitt.

Als Max* neben ihr lag, war erst mal alles in Ordnung. Doch die negativen Gefühle und Gedanken aus dem Kreißsaal ließen ­Anja R. nicht los. "Jeden, der mich besuchte, begrüßte ich mit meinem Heulen", erzählt sie. Ärzte, Schwes­­tern, Hebammen, Physiotherapeuten seien in ihr Zimmer gekommen, um das Kind zu untersuchen, ihre Narbe zu prüfen oder zu Rückbildungs­übungen anzuleiten. Aber keiner reagierte auf sie und fragte: Wie war die Geburt für Sie?

Prof. Dr. Petra Kolip ist Studiendekanin der Fakultät für Gesundheits- wissenschaften an der Universität Bielefeld

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Reden über Geburt wichtig – aber zu selten

Anja R.s Fall ist keine Ausnahme, sondern beinahe Alltag in deutschen Kliniken. Eine Befragung der Gesundheitswissenschaft­lerin Prof. Dr. Petra Kolip von der Universität Bielefeld unter 654 Frauen bestätigt das Versorgungs­defizit: Mehr als die Hälfte der Frauen hat kein Gespräch mit dem bei der Geburt anwesenden Arzt geführt. 46 Prozent der Frauen sagten, sie konnten nicht mit der beteiligten Hebamme über die Geburt sprechen. Und falls es zu einem Gespräch kam, dauerte es meist nicht mehr als zehn Minuten. Dabei wäre der Bedarf immens.

"Die Mehrheit der Frauen hat das Bedürfnis, die Geburt zu reflektieren", sagt Petra Kolip. Vor allem nach einem Kaiserschnitt oder ­einer Saugglocken­geburt ist das der Fall. "Aber auch, wenn alles ohne Komplikationen verlaufen ist, suchen viele Frauen nach einer Einschätzung", so Kolip. Zwar würden Schwangere ­heute gut vorbereitet in die Geburt gehen. "Aber das ist so ein existenzielles Erlebnis. Da kann man noch so gut informiert sein, es fühlt sich anders an, und häufig läuft es auch nicht nach Plan", sagt Kolip. Daher seien Gespräche mit den beteiligten Personen wichtig.

Astrid Saragosa ist Familientherapeutin in Weilheim, führt Nachsorgegespräche durch und schult Fachkräfte zum Thema „Geburtstrauma“

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Viele Frauen suchen die Schuld bei sich

Auch Astrid Saragosa wünscht sich, dass jede Frau nach der Geburt die Gelegenheit zu einem Gespräch bekommt. Die Weilheimerin bietet Nachsorgegespräche nach belastenden Geburten an. "Während der Wehen sind die Frauen vollends mit ­ihrem Körper und ihren Gefühlen beschäftigt. Informationen von Ärzten oder Hebammen können sie oft nicht richtig aufnehmen, Erlebnisse häufig nicht richtig einordnen", sagt Saragosa.

Läuft nicht alles nach Plan, würden sich viele Frauen danach die Schuld geben. "Dabei könnte eine ­klärende Einordnung, warum der Arzt oder die Hebamme bestimmte Maßnahmen gewählt haben, sehr hilfreich sein für die Verarbeitung des Geburtserlebnisses", meint Saragosa. Viele Frauen würden sonst von eigenen Fehlern ausgehen.

Dr. Annekathrin Bergner ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Berlin

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Hektik und Personalwechsel oft belastend

Anja R. verstand, warum der Kaiserschnitt notwendig war. Max lag falsch herum, sein Kopf steckte fest, es ging nicht vorwärts. Aber sie haderte mit dem Ablauf im Kreißsaal. "Ich habe mich ausgeliefert gefühlt", erzählt sie. Immer wieder schrieben Ärzte und Hebammen ein CTG, um die Herztöne zu prüfen, und tasteten den Muttermund ab. "Ich empfand das als extrem schmerzhaft und unangenehm, auch weil es immer jemand anderes gemacht hat und alles so technisch ablief. Auf meine Gefühle ist keiner eingegangen", berichtet sie. "Ich habe mich so ­alleine gefühlt."

Als feststand, dass ein Kaiserschnitt notwendig würde, sei Hektik unter den Beteiligten ausgebrochen, und Anja R. bekam Angst. Nach der Geburt blieben die negativen Gefühle, auch wegen der ­Reaktionen in der Klinik: "Meine Hebamme ­meinte, ich solle mich nicht so anstellen. Schließlich ­hätte ich ein gesundes Kind." Doch in den Wochen danach ging es Anja R. immer schlechter: "Ich ­konnte mich nicht über meinen Sohn ­freuen und habe mich von allem überfordert gefühlt."

Schlimmstenfalls droht ein Geburtstrauma

Stimmungsschwankungen nach der Geburt kennen viele Frauen, doch manchmal halten sie länger an und können zu einer postpartalen ­­Depression werden. Stammen die negativen Gedanken von der Erfahrung bei der Entbindung, sprechen Psychologen von Geburtstrauma. "Ob eine Geburt traumatisierend ist, hängt nicht nur vom Verlauf ab", erklärt Dr. Anne­kathrin Bergner, Psychotherapeutin in Berlin. Häufig seien Komplikationen der Auslöser. "Auch ­lange Wehen mit zunehmender Erschöpfung, der erlebte Kontrollverlust oder unachtsame Äußerungen des Personals können dazu führen", so Bergner. Wenn sich Stress auf die Gebärende überträgt, schüttet ihr Körper vermehrt Adrenalin aus.

Weil die natürliche Reaktion auf bedrohliche Situationen – Kampf oder Flucht – nicht möglich ist, kommt es zu einer Art Erstarrung. ­Circa zwei Drittel der Frauen würden traumatisierende Geburts­verläufe alleine verarbeiten. "Etwa drei Prozent entwickeln ­eine ernste see­lische Störung", sagt ­Bergner. Symp­tome seien ­­Ängste, wiederkehren­de Erinnerungen, ­Selbstzweifel, Schlafstörungen, Bindungs­probleme. Studien geben Hin­weise darauf, dass ein Gespräch in der Klinik vorbeugen kann.

Schwierig, aber wichtig: Über das Geburtserlebnis sprechen

Am wichtigsten sei es, die Sprachlosigkeit zu überwinden – da sind sich alle Expertinnen ­einig. "Von der Geburt zu erzählen hilft den meisten", sagt Saragosa. Das kann auch mit einer Freundin sein, wenn diese einfach nur zuhört, ­ohne das Geschehen zu beurteilen. Denn ungebetene Ratschläge oder Geburtsberichte anderer würden nur zusätzlich verunsichern. Am besten wäre ein einordnendes Gespräch noch in der Klinik. Kolip sagt: "Die Kliniken bemühen sich heute sehr, die Geburt angenehm zu gestalten, mit warmen Farben im Kreißsaal oder Gebärwannen." Was die Frauen aber wirklich brauchen, seien einfühlsame Geburtsbegleiter, die auch Zeit zum Zuhören haben. "Denn Gesprächsbedarf haben alle", sagt Kolip.

Anja R. sprach kaum über ihre Gefühle. "Nach der barschen Reaktion meiner Hebamme habe ich mich nicht mehr getraut", erzählt sie. Selbst mit ihrem Partner tauschte sie sich irgendwann nicht mehr darüber aus. "Es fällt vielen Paaren schwer, gemeinsam darüber zu reden, weil das Erlebte mit Schamgefühlen und Ängsten verbunden ist", so Bergner. Aber wenn es gelingt, kann der Partner ­eine wichtige Stütze sein. Und er kann manchmal offene Fragen beantworten, weil er während der Geburt mehr mitbekommen hat. "Der Partner ist auch wichtig, weil er die Frau entlasten kann, indem er das ­Baby mitversorgt", sagt Saragosa.

Vielen Frauen hilft es, sich an Außenstehende zu wenden, wie ­eine Heb­amme oder Therapeutin, und gemeinsam die Geburtsakte durchzugehen (­siehe Kasten unten). "Die Frauen kommen leider meist sehr spät zu mir", sagt Bergner. "Dabei können Gespräche schnell helfen." Und wer sich öffnet, erfährt, dass er nicht ­alleine ist. Auch Anja R. ging zu ­einer Therapeutin, als Max zwei Monate alt war. "Mir hat es geholfen zu hören, dass meine Gefühle normal sind und es auch anderen so geht. Heute ist mein Baby sechs Monate alt, und ich genieße es", sagt sie. "Ich wünschte nur, mich hätte vorher mal jemand gefragt: Wie geht es Ihnen?"

Recht auf Einsicht der Akte

Ist kein Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder der Klinikhebamme möglich, kann man in der Kranken­akte den Geburtsverlauf nach­lesen. Experten empfehlen, dies ­gemeinsam mit der Nachsorgehebamme oder Psycho­therapeutin zu tun.

Jeder Patient hat laut Bürgerlichem Gesetzbuch, Paragraf 630 g, ein Recht darauf, ­seine Akte einzusehen. Fragen Sie dazu in der Klinikverwaltung nach (mit Namen, Geburtsdatum sowie wann und in welcher Abteilung Sie behandelt wurden). Gut zu wissen: Ärzte dürfen für die Kopie 50 Cent pro Seite abrechnen, häufig ist sie aber kostenlos.


* Namen von der Redaktion geändert


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