Kaiserschnitt auf Wunsch: Pro und Contra

Fast jedes dritte Kind in Deutschland kommt derzeit per Kaiserschnitt auf die Welt. Verrat an der Natur oder risikoarme Alternative?
von Daniela Frank, aktualisiert am 07.02.2018

Eine Geburt per Kaiserschnitt hat Vor- und Nachteile für Mutter und Kind

iStock/arcticFlea

Die Betäubung im Rückenmark ist rasch gesetzt, ein schneller Schnitt knapp über dem Schambein und schon ist das Baby auf der Welt – ein Kaiserschnitt dauert in der Regel nicht mal eine Stunde. Inklusive Zunähen. Keine stundenlangen Wehen, kein Pressen, kein Dammriss. Etwa jedes dritte Kind wird heute per Kaiserschnitt entbunden, fast doppelt so viele wie noch vor 25 Jahren.

Häufig keine zwingenden Gründe für einen Kaiserschnitt

Kann sich also jede Frau einfach einen Kaiserschnitt wünschen? Nein, denn: "Die Krankenkassen bezahlen keine Wunschkaiserschnitte", sagt Hebamme Professor Mechthild Groß, Leiterin der AG Hebammenwissenschaft an der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Arzt muss also einen triftigen Grund für den Kaiserschnitt angeben. Manchmal sind es Gründe, die zwar dafür sprechen, den Kaiserschnitt aber nicht zwingend notwendig machen. "Oft ist das eine Kombination aus mehreren Faktoren. Die persönliche Angst und schlechte Erfahrungen, die im Bekanntenkreis der Schwangeren aufgetreten sind, können dabei eine Rolle spielen", sagt Groß. Im Prinzip wäre also eine vaginale Geburt möglich.

Trotzdem ist es für den Arzt nicht ratsam, die Schwangere gegen ihren Willen zu einer natürlichen Geburt zu drängen: "Geht etwas schief, könnte ein Gutachter bemängeln, warum nicht früher oder von vornherein ein Kaiserschnitt gemacht wurde", sagt Professor Ernst Rainer Weissenbacher, Belegarzt in der Frauenklinik Dr. Geisenhofer am Englischen Garten München.

Warum sich Frauen für einen Kaiserschnitt entscheiden:

  • Alter: Frauen werden heute oft später Mütter. Um mögliche altersbedingte Risiken zu begrenzen, ziehen manche einen Kaiserschnitt vor. Dabei ist das Risiko für die Mutter, bei dem Eingriff zu sterben zwar winzig, aber trotzdem zwei bis dreimal höher als bei einer natürlichen Geburt. Besonders riskant sind allerdings Notfalleingriffe - geplante Kaiserschnitte sind hier im Vergleich sicherer.
  • Kindeswohl: Dagegen ist das Risiko für Komplikationen beim Baby bei einem Kaiserschnitt etwa zwei bis dreimal geringer. "Das ist für viele Frauen ausschlaggebend", sagt Weissenbacher.
  • Angst vor Dammriss und Inkontinenz: Viele Frauen wollen im Genitalbereich unversehrt bleiben oder fürchten eine Beckenbodenschwäche. Forscher vom Royal Infirmary of Edinburgh stellten tatsächlich fest, dass ein Kaiserschnitt statt einer natürlichen Entbindung langfristig das Risiko für Inkontinenz und Probleme mit dem Beckenboden senken kann.
  • Angst vor den Wehen: "Manche Mütter haben diffuse Ängste, einige wollen sich nicht mit dem Geburtsvorgang befassen", sagt Mechthild Groß. Diese Einstellung sieht die Hebamme sehr kritisch. Es ist wichtig, dass sich die werdenden Eltern mit ihrer künftigen Rolle auseinandersetzen. "In solchen Fällen verlange ich zumindest ein Zertifikat über einen Geburtsvorbereitungskurs, bevor ich dem Kaiserschnitt zustimme."
  • Planbarkeit: Die Planbarkeit des Geburtstermins spielt laut Weissenbacher kaum eine Rolle. "Auch ein Wunschkaiserschnitt ist nicht so genau planbar: In der Klinik gehen Notkaiserschnitte vor."

Was gegen einen Kaiserschnitt spricht:

  • Höheres Risiko für die Mutter: Ein Kaiserschnitt ist eine größere Bauchoperation mit dem Risiko für Verletzungen anderer Organe, Wundheilungsstörungen, Infektionen, Thrombosen, Verwachsungen und Narbenproblemen.
  • Atemprobleme beim Baby: Kaiserschnittbabys haben häufiger Probleme mit der Atmung, zum Beispiel durch Fruchtwasser in der Lunge. "Das liegt aber eher daran, dass Kaiserschnitte oft zu früh durchgeführt werden", sagt Weissenbacher. "Manche Ärzte setzen die Operation zwei bis drei Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin an." Ideal sei ein Datum sieben bis zehn Tage vor dem errechneten Termin. Auch Mechthild Groß warnt: "Zu früh auf die Welt geholte Kinder können sich schlechter anpassen, haben häufiger Atemprobleme, Probleme mit dem Blutzuckerspiegel und dem Temperaturhaushalt."
  • Fehlender Geburtsstress: Studienergebnisse lassen die Vermutung zu, dass Kaiserschnittkinder wegen der fehlenden Hormone, die bei einer natürlichen Geburt ausgeschüttet werden, häufiger unter Anpassungsstörungen leiden. Mütter, die ihr Kind vaginal geboren hatten, reagieren einer Studie zufolge ausgeprägter auf das Schreien des Kindes. Das ist jedoch nicht ausreichend belegt.
  • Fehlende Keimbesiedelung: Bei einer vaginalen Geburt wird die Bakterienflora des Geburtskanals auf das Baby übertragen, seine Haut und sein Darm schneller mit wichtigen Bakterien besiedelt. Laut Studien haben Kaiserschnittkinder später ein höheres Risiko, Übergewicht oder Asthma zu entwickeln.
  • Komplikationen bei Folgeschwangerschaften: Möchte eine Frau nach einem Kaiserschnitt auf natürlichem Weg entbinden, ist das Risiko eines Gebärmutterrisses erhöht. "Wenn keine weiteren Risikofaktoren vorliegen, kann sie aber zu 74 Prozent vaginal entbinden", sagt Groß. Zusätzlich ist laut Studie das Risiko höher, eine Fehl- oder Totgeburt zu erleiden. Auch Probleme bei der Plazenta treten vermehrt auf, wie beispielsweise die vorzeitige Ablösung.

Fazit der Experten: "Die vaginale Geburt ist etwas Natürliches", sagt Weissenbacher. "Bei Patientinnen ohne erkennbares Risiko empfehle ich, es damit zu versuchen." Wünscht die Frau trotzdem einen Kaiserschnitt, kläre er sie über die Risiken auf und diskutiere mit ihr die optimale Lösung.

Hebamme Groß sieht das Thema kritischer. "In Deutschland arbeiten wir verstärkt daran, dass sich die allgemeine Geburtskultur ändert. Dazu ist es wichtig, dass gänzlich von Wunschkaiserschnitten abgeraten wird und Abstand genommen wird von der Möglichkeit, dass alles möglich ist. " Als Beispiel nennt sie die skandinavischen Länder. Dort ermutigen die Hebamme und der Arzt der Schwangeren, dass sie Kraft habe zu gebären.

Übrigens: In Puncto Figur bringt der Kaiserschnitt keinen Vorteil. Was die Frau in der Schwangerschaft zugenommen hat, muss sie in beiden Fällen später wieder abnehmen.


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