Geburt einleiten - sechs Methoden im Überblick

Nur etwa vier Prozent aller Kinder kommen am errechneten Geburtstermin zur Welt. Ein großer Teil lässt sich ein paar Tage länger Zeit. Was aber tun, wenn es gar nicht losgehen will – einleiten oder abwarten?

von Madlen Ottenschläger, aktualisiert am 01.10.2018
Schwangere

Immer noch im Bauch? Manche Babys kommen etwas später als geplant zur Welt


Manchmal machen es die Kleinen ganz schön spannend. Der errechnete Termin verstreicht, und es passiert – nichts! Etwa 37 Prozent aller Schwangeren bekommen ihr Baby später als erwartet. Ärzte sprechen zunächst von einer Terminüberschreitung.

Erst wenn sich ab der Schwanger­­schafts­woche (SSW) 42+0, also 14 Tage nach dem errechneten Termin, noch nichts getan hat, ist laut Definition von einer echten zeitlichen Übertragung die Rede. Die kommt hierzulande sehr selten vor. So zeigt eine Erhebung des Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheits­wesen in Deutschland (AQUA) aus dem Jahr 2011: Nur 0,6 Prozent aller Neugeborenen wurden übertragen.

Warum manche Kinder zu früh, andere auf den Tag genau geboren werden und manche Babys sich länger Zeit lassen, ist nicht komplett erforscht. Dennoch scheinen einige Faktoren die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ein Baby nach dem errechneten Termin zur Welt kommt. Erstgebärende etwa oder stark übergewichtige Frauen tragen ihre ­Kinder oft länger aus. Experten vermuten auch, dass die Gene des Kindsvaters eine Rolle spielen, ebenso ein männliches Geschlecht des Babys.

Das raten Experten

Was Geburtshelfer im Falle einer Terminüberschreitung oder Übertragung raten, steht in einer Leit­linie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Sie rät Ärzten, Schwangeren ohne erkennbarem Risiko wie etwa Diabetes oder einer Plazentaschwäche ab der Schwangerschaftswoche 41+0 eine Geburtseinleitung anzubieten und sie ab 41+3 zu empfehlen. Spätestens 14 Tage nach dem errechneten Geburtstermin ist eine Einleitung angezeigt.

Wieso die Geburt eingeleitet wird

Doch warum wartet man nicht einfach ab, bis sich von selbst etwas tut? "Zwar geht es bei allen Schwangeren irgendwann los", sagt Professor Dr. Franz Kainer, Chefarzt der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin der Klinik Hallerwiese in Nürnberg, der die Leitlinie mit erarbeitet hat. "Manchmal ist aber die Gesundheit von Mutter und Kind gefährdet, im schlimmsten Fall stirbt das Kind im Mutterleib." Das Sterbe­risiko des Ungeborenen steigt ab SSW 38 bis 42 zwar sehr gering, aber kontinuierlich an. Mit einer Einleitung ab SSW 41+0 sinkt es signifikant. Das zeigen Studien, die Kainer und seine Kollegen für die Leitlinie ausgewertet haben.

Gefährlich für das Baby kann es etwa werden, wenn die Fruchtwasser­menge zu stark abnimmt oder der Mutterkuchen das Baby im Bauch nur noch eingeschränkt versorgt. Aber auch wenn die Plazenta weiterhin gut arbeitet, kann es zu Komplikationen kommen: Das Geburts­gewicht von Kindern, die deutlich über Termin sind, liegt häufig über 4000 Gramm, sodass viele Frauen Geburtsverletzungen, etwa Dammrisse dritten und vierten Grades erleiden. Oft dauern die Geburten zudem länger.

Erst abwarten, dann einleiten

Schwangere werden daher nach Terminüberschreitung engmaschig kontrolliert. Ab dem errechneten Termin empfehlen Mediziner die Untersuchung am CTG (Wehenschreiber) beim Arzt oder in der Geburtsklinik alle zwei Tage. "Außerdem wird die Gesundheit von Mutter und Kind regelmäßig per Ultraschall überwacht", erklärt Klaudyna Golkowski, leitende Hebamme am Klinikum St. Marien in Amberg. Ist das Baby im Mutterleib gut versorgt, kann noch ein paar Tage gewartet werden.

Tut sich allerdings bis zur SSW 41+3 nichts, sollte laut Leitlinie sicherheitshalber eingeleitet werden – wobei immer die werdende Mutter das letzte Wort hat. "Keine Frau kann zu einer Einleitung gezwungen werden", sagt Golkowski. In der Regel lässt die Klinik sich aber unterschreiben, dass die Mutter in diesem Fall auf eigenes Risiko handelt.

Um die Wehentätigkeit anzuregen, gibt es im Krankenhaus verschiedene Möglichkeiten. Nicht alle Verfahren eignen sich allerdings für jede Frau. Ein Überblick:

Eipolllösung

1. Eipol-Lösung

Was wird da gemacht? Die Fruchtblase wird mit dem Finger vom Gebärmutterhals gelöst.

Warum leitet das die Geburt ein? Die Ablösung setzt Prostaglandine frei, die dafür sorgen, dass der Muttermund weich wird und sich öffnet.

Für wen eignet sich diese Methode? Erstgebärenden empfehlen Kainer und Golkowski die Ablösung weniger, denn bei ihnen kann sie sehr schmerzhaft sein. Die Methode kommt eher für Frauen infrage, die schon mal ein Kind bekommen haben und deren Gewebe gut vorgedehnt ist.

Was sollten Schwangere wissen? Wird es (zu) schmerzhaft, sollte sofort abgebrochen werden. Klarer Vorteil: Kommt es zu Wehen, sind diese natürlich.

2. Ballon-Katheter

Was wird da gemacht? Der Frau wird ein Ballonkatheter eingeführt.

Warum leitet das die Geburt ein? Der Ballon drückt auf den Muttermund, was Wehen auslösen kann.

Für wen eignet sich diese Methode? "Für Frauen, die noch keine Wehen haben. Auch der Muttermund muss für diese mechanische Methode nicht reif sein", erklärt Kainer. Nach einem Blasensprung ist der Ballon jedoch tabu. "Das Infektionsrisiko ist dann zu hoch", erläutert Golkowski.

Was sollten Schwangere wissen? "Manche Frauen empfinden den Ballon als sehr störend", sagt Hebamme Golkowski. Fühlt die Gebärende sich jedoch wohl, bleibt der Katheter bis zu 24 Stunden im Körper.

3. Wehencocktail

Was wird da gemacht? Die Schwangere trinkt eine Art Cocktail aus Saft (meist Aprikose), Rizinusöl, Pflaumen- oder Mandelmus.

Warum leitet das die Geburt ein? Rizinusöl, gewonnen aus den Samen des Wunderbaums, wirkt abführend und verursacht starke Darmbewegungen. Das regt die Gebärmutter an, sich zusammenzuziehen.

Für wen eignet sich diese Methode? "Erstgebärenden und Schwangeren mit noch nicht geburtsbereitem Mutter­mund rate ich dringend ab", sagt Kainer. Bei ungeöffnetem Mutter­mund gehe die Geburt nicht los – trotz ausgelöster und teils heftiger Wehen. Der Wehencocktail sei deswegen – wenn überhaupt – für Frauen mit geburtsbereitem Muttermund geeignet, die schon mindestens ein Kind geboren hätten.

Was sollten Schwangere wissen? Der Cocktail kann Übelkeit, Durchfall und schwere Darmkrämpfe verursachen. Deshalb gilt: ihn nie alleine zu Hause mit einem Rezept aus dem Internet ausprobieren, sondern nur in Absprache mit einer Hebamme oder dem Gynäkologen trinken! Sie sollten auch die korrekte Mischung des Getränks überwachen. Unter Experten ist die Methode sehr umstritten.

4. Prostaglandin

Was wird gemacht? Die Schwangere schluckt eine Prostaglandin-Tablette, oder es wird ihr ein Prosta­glandin-Zäpfchen oder -Gel in die Scheide eingeführt.

Warum leitet das die Geburt ein? Pros­taglandin ist eine hormonähnliche Substanz, die den Muttermund weich macht.

Für wen eignet sich diese Methode? Für Schwangere, bei denen der Mutter­­mund noch unreif, also nicht ge­burtsbereit ist. Bei Frauen, die in der Vergangenheit einen Kaiserschnitt hatten, darf nur mit Gel oder Zäpfchen eingeleitet werden.

Was sollten Schwangere wissen? Auch wenn Prostaglandine in­zwischen sehr individuell dosiert werden: "Es kann zu einer Überstimu­lation kommen", warnt Kainer. Das bedeutet nicht, dass eingeleitete Wehen schmerzhafter sind als natürliche, wie es immer wieder heißt. "Das Problem ist eher, dass eine Wehe nach der anderen kommt, ohne Pause", sagt Kainer. Manchmal brauche es dann einen Wehenhemmer.

Außerdem gibt es Frauen, die auch nach mehreren Versuchen nicht auf das Medikament ansprechen. Dann steigt das Risiko für einen Kaiserschnitt. Übrigens: Eine eingeleitete Geburt dauert nicht länger als eine natür­liche. Manche rechnen aber ab Medikamentengabe. Korrekt wäre, die Stunden ab den Wehen zu zählen.

Gel oder Tablette? "Falls möglich: Tablette", sagt Golkowski. "Das Gel macht die Scheide trockener und vaginale Untersuchungen etwas unangenehmer." Außerdem lassen sich die Tabletten besser dosieren als das Gel.

5. Oxytocin

Was wird da gemacht? Die Frau erhält eine Infusion mit Oxy­tocin.

Warum leitet das die Geburt ein? Das Hormon Oxytocin löst Kontrak­tionen der Gebärmuttermuskulatur aus – sprich Wehen.

Für wen eignet sich diese Methode? Für Frauen, deren Muttermund schon gut drei Zentimeter geöffnet ist, die aber keine oder zu schwache Wehen haben.

Was sollten Schwangere wissen? "Weil der Tropf schlicht ausgeschaltet oder die Dosierung einfach verringert werden kann, ist eine Überstimulation selten", sagt Franz Kainer. Dafür schränkt die Infusion die Bewegungsfreiheit ein. Auch, weil permanent ein CTG ge­schrieben wird, um die Gesundheit des Babys zu überwachen.

Blasenöffnung

6. Blasenöffnung

Was wird da gemacht? Mit einem Blasensprenger (einem win­zigen Fingerling mit Häkchen vorne dran) wird die Fruchtblase angepikst. Das Fruchtwasser geht ab.

Warum leitet das die Geburt ein? Ein Blasensprung ist für das Ungeborene wie ein Startschuss. Meist setzen danach die Wehen ein.

Für wen eignet sich diese Methode? "Nur für sehr wenige Schwangere, ungefähr fünf Prozent", sagt Geburtsmediziner Franz Kainer. Denn die Fruchtblase darf grundsätzlich nur bei einem reifen Muttermund und guter Lage des kindlichen Köpfchens geöffnet werden.

Was sollten Schwangere wissen? Es besteht eine erhöhte Infektions­gefahr. Kommen keine Wehen, erhält die Schwangere ein Antibiotikum, nach spätestens 24 Stunden wird dann aber medikamentös eingeleitet. Liegt das Un­geborene ungünstig, kann es im schlimmsten Fall zu einem Nabelschnurvorfall kommen; ein Notkaiserschnitt ist dann unumgänglich.


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