Dammschnitt: Nur mit guten Gründen

Noch vor einigen Jahren war ein Dammschnitt während der Geburt praktisch ein Standardeingriff. Heute kommt er seltener zum Einsatz. Was Sie darüber wissen sollten

von Sandra Schmid, aktualisiert am 21.06.2016

Etwas Angst vor der Entbindung – und einem Dammriss – ist völlig normal


Der Kopfumfang des Babys misst kurz vor der Geburt etwa an die 35 Zentimeter. Viele werdende Mütter stellen sich da natürlich angstvoll die Frage: Wie kann der Kopf durch die Scheide passen? Es ist schmerzvoll, aber meist geht das. In einigen Fällen ist die Öffnung allerdings so eng, dass durch die starke Dehnung der vaginalen Öffnung bei der Geburt der Damm zu reißen droht. Damm, das ist die Region zwischen Anus und dem hinteren Schamspaltenwinkel. Um solch einem Riss vorzubeugen, wurde früher oft der so genannte Dammschnitt angewendet.

Dammschnitt: Was ist das genau?

Mediziner nennen die Methode auch "Episiotomie". Darunter versteht man einen Eingriff, mit dessen Hilfe der Scheideneingang – meist während einer Presswehe – erweitert wird.

Dabei wird der Damm mit einer speziellen Schere eingeschnitten. Der Schnitt wird anschließend vernäht. Während der Geburt wird die Frau kaum etwas von dem Schnitt spüren. Der Arzt kann die werdende Mutter auch zusätzlich mit einem lokalen Betäubungsmittel versorgen.

Der Dammschnitt kommt normalerweise erst zum Einsatz, wenn der sogenannte Dammschutz keine ausreichende Wirkung verspricht. Als Dammschutz bezeichnet man Maßnahmen, mit denen die Geburtshelfer zu verhindern versuchen, dass der Damm einreißt, indem sie eine Hand ganz fest auf den Damm legen und mit der anderen das Köpfchen des Kindes führen, um die Geschwindigkeit des Durchtritts zu kontrollieren. Reicht der "Dammschutz" nicht aus und/oder muss die Geburt – zum Beispiel wegen abfallender Herztöne des Babys – schnell erfolgen, entscheiden sich die Geburtshelfer bisweilen für einen Dammschnitt.

Dammschnitt – früher und heute

Viele Kliniken setzen teilweise bis ins neue Jahrtausend hinein den Dammschnitt quasi als Routineeingriff ein. Ärzte nahmen an, dass die sogenannte Episiotomie unregelmäßige Dammrisse vermeidet und den Beckenboden entlastet. Inzwischen sehen Mediziner den Dammschnitt insgesamt kritischer. Dr. Christian Dannecker, Leitender Oberarzt an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Großhadern, wies bereits im Jahr 2000 darauf hin, dass die Vorteile eines Dammschnitts "der kritischen Prüfung mittels klinischer Studien" nicht Stand halten.

Heute ist Dannecker froh, dass seine und auch Studien von Kollegen aus aller Welt zu einem Umdenken in Sachen Routine-Dammschnitt geführt haben. "Ich habe diesen Artikel zu einem Zeitpunkt geschrieben, als noch viele Kliniken in Deutschland eine Dammschnittrate von 60 oder 70 Prozent hatten." Inzwischen ist die Rate stark gesunken.

Nur wenige Indikationen für Dammschnitt

Der Grund dafür: "Es gibt nur wenige Indikationen für einen Dammschnitt mit gesichertem Nutzen für Mutter und Kind". So hat die häufigere Anwendung des Dammschnitts keine Reduktion höhergradiger Damm- und Scheidenrisse zur Folge. Selbst die oft genannte schnellere Wundheilung gegenüber einem Dammriss stellte Dannecker damals bereits in Frage: "Im Vergleich zum spontanen Riss weist der Dammschnitt keine bessere Wundheilung auf".

Selbst die früher oft erwähnte Verhinderung der Inkontinenz durch diesen Eingriff konnten Ärzte nicht belegen. Im Gegenteil: Ein Dammschnitt wird inzwischen eher als Risikofaktor und als Belastung für den Beckenboden angesehen.

Dennoch: Auch heute noch gibt es Indikationen, die einen Dammschnitt notwendig machen. Dann zum Beispiel, wenn es schnell gehen muss, weil Leben von Mutter oder Kind in Gefahr sind. Wenn das Kind unter massiven Stress steht und es raus muss, ist ein Dammschnitt oft unausweichlich, weiß auch Astrid Giesen, erste Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbandes. Ein anderes Beispiel sind Frühgeburten, wenn der Druck auf den kindlichen Kopf zu groß wird.

Alternative: Dammriss?

Manchmal kommt es ohne Schnitt zum Dammriss. Je nach Rissstärke und -weite werden diese Verletzungen in vier Schweregrade eingeteilt. Die kleineren Risse können teilweise ohne Naht heilen, während tiefere genau wie der Dammschnitt auf jeden Fall medizinisch versorgt und genäht werden müssen.

Es gibt Frauen, die die Wahl der Entbindungsklinik abhängig von der Dammschnittrate machen. Bei Kreißsaalführungen hat Dannecker auch schon derartiges erlebt: "Als der Dammschnitt noch mehr in der Diskussion stand und die einen Kliniken noch hohe Dammschnittraten hatten und die anderen schon niedrige, haben Frauen schon oft nachgefragt." Inzwischen habe sich das entspannt.

Falls es für Sie ein Thema ist, sollten Sie sich bei ihrem Kreißsaalbesuch auf jeden Fall erkundigen, welche Indikationen dort Episiotomien rechtfertigen. Wenn Sie diesen Eingriff nur im äußersten Notfall möchten, müssen Sie das im Vorfeld unbedingt äußern.

Dem Dammriss vorbeugen – geht das?

Immer wieder liest man von Möglichkeiten, einem Dammriss beziehungsweise einem möglichen Dammschnitt vorzubeugen, indem man das Gewebe an Damm und Scheide so weich und elastisch wie möglich macht. Die Wirkung von Damm-Massagen ist allerdings umstritten. "Es gibt eine Untersuchung, die belegt, dass diese Massagen nicht helfen", weiß Hebamme Astrid Giesen. Trotzdem haben diese Massagen für sie einen positiven Aspekt. Denn durch die intensive Beschäftigung mit dieser Körperregion erhalten die Frauen oftmals ein viel besseres Gespür für ihren Körper. "Diese Frauen haben dann bei einer Geburt viel mehr das Gefühl, selbst aktiv etwas tun zu können", so Gießen. Sprechen Sie über das Thema Vorbeugung von Dammrissen am besten mit Ihrer Hebamme oder Ihrem Frauenarzt beziehungsweise Ihrer Frauenärztin.

Wie wird die Dammnaht behandelt?

Während und kurz nach der Geburt spüren Frauen von Dammschnitt oder -riss recht wenig. Aber irgendwann schmerzt die genähte Wunde dann doch. Vor allem Toilettengänge können sehr unangenehm werden. Um den Stuhlgang nach der Geburt so weich wie möglich zu halten, hilft eine ausgewogene Ernährung mit vielen Ballaststoffen und ausreichend Flüssigkeitszufuhr. In den ersten Tagen nach der Geburt sollten Mütter zudem jegliche Belastung der Wunde vermeiden.

Von Kamillenbädern oder ähnlichen Zusätzen raten sowohl Arzt Dannecker als auch Hebamme Giesen ab. Als Wundhygiene einfach mit klarem Wasser spülen – am besten nach jedem Toilettengang – und danach die Naht trocken halten.


Wann hatten Sie nach der Geburt Ihres Kindes zum erstem Mal wieder Sex?
Ergebnis
Mit dem Nachwuchs in die Ferien: Was überwiegt?
Ergebnis