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Warum Eltern ihre Kinder siegen sehen wollen

Vorsingen, Judoprüfung, Klavierspielen oder Wettkämpfe: Wenn Kinder etwas darbieten sollen, zittern die Eltern mit. Warum eigentlich?

von Roberta Gollier, 20.07.2015
Kind beim Vorspielen

Mein Kind, ein Talent am Klavier: Eltern wollen stolz auf ihren Nachwuchs sein


Es ist bloß eine Judogürtel­prüfung. Es ist kein Vorstellungsgespräch, keine Operation am offenen Herzen, kein Staats­examen. Und trotzdem schnürt es mir die Kehle zu, wenn ich meinen siebenjährigen Sohn im Turnverein auf der blauen Matte stehen sehe, umgürtet mit einem weißgelben Judo-Gürtel. Schafft er die Prüfung, kriegt er einen gelben Gürtel. Und wenn nicht?

Das Kind wirkt relaxt. Es verbeugt sich souverän vor dem Schiedsrichter. Mir bricht der Schweiß aus. Natürlich soll mein Sohn nicht merken, wie es um mich steht. Nicht, dass er nervös wird. "Das schaffst du!", rufe ich dem kleinen Kerl zu, der mich prompt fragend ansieht. Im Gegensatz zu mir hat er offenbar keinen Zweifel daran.

Mal ehrlich: Eltern wollen einen Teil vom Ruhm

Es ist mir selbst peinlich, dass ich mitzittere, wenn meine Kinder performen sollen. Nur weiß ich leider nicht, wie ich es abstellen soll, für an­dere mitzuleiden. Sie davor bewahren zu wollen, dass sie scheitern könnten, ist ja eigentlich ein schöner Zug. Und es zeigt, dass wir Menschen empathiefähig sind. Schließlich kennen wir alle das furchtbare Gefühl, an einer Aufgabe zu zerschellen – und das auch noch öffentlich. Aber wenn ich ehrlich bin, will ich, dass mein Kind auch deswegen den gelben Gürtel schafft, weil dann ein Teil des Glanzes auf mich abfällt. Schließlich bin ich seine Mutter!

Da kann viel schiefgehen. Das ­habe ich neulich beim Kleinkunst­abend in der Schule erfahren. Mein älterer Sohn singt dort im Unterstufenchor, läuft also glücklicherweise unter ferner liefen. Die Tochter meines Sitznachbarn dagegen sollte den Chor auf dem Klavier begleiten. Das Problem: Sie spielte statt der Melodie die ­ganze Zeit den immer gleichen Ton. Nach kurzer Zeit war Kichern im Publikum zu hören. Mein Sitznachbar knetete sich die Hände.

Leistungsdruck? Kennen Kinder noch nicht

Das Problem: Kinder haben beim Thema Performance andere Prioritäten. Im Grunde ist es ja erfrischend, dass sie noch nicht unter Leistungsdruck stehen. Und dennoch laufen in elterlichen Köpfen Horrorfilme ab, wenn ihre lieben Kleinen nicht liefern. Welche tiefen Gründe das haben kann, erkannte ich im letzten Sommer. Segeln ist schon seit Generationen unser Familiensport. Mit acht Jahren war mein älterer Sohn so weit, dass wir ihn die erste Wettfahrt mitmachen ließen.

Sehr zu meiner Freude lag der Filius am Ende der Wettfahrt weit vorn – um dann, ­wenige Meter vor dem Ziel, abzudrehen. "Mann, fahr über die Linie!", schrie ich vom Ufer aus und vollführte verzweifelte ­Bocksprünge. Natürlich hörte mich das Kind auf die Distanz nicht. Später bekam ich heraus, was passiert war: Kurz vor dem Ziel war eine ­Gruppe kleiner Enten am Schiff meines Sohnes vorbeigeschwommen. Den Sieg hatte er verschenkt, um ein paar flauschige Baby­vögel zu beob­achten. Eigentlich süß. Aber nur eigentlich. Für mich war das nämlich blöd.

Siegen, wo die Eltern scheiterten

Nicht nur, dass ich mich vor den spöttischen Bemerkungen der Vereinskameraden fürchtete. Das Ganze hatte einen tieferen, seelischen Grund. Ich war als Kind ­eine ziemliche Segler-Niete und hatte Angst vor zu viel Wind. Bei Regatten, zu denen meine Eltern mich und meine Geschwister regelmäßig zwangen, staubte ich höchs­tens den Trostpreis ab, was mir unendlich peinlich war.

Deshalb wünsche ich mir: Meine Kinder sollen es besser haben. Ihnen sollen Segeltrophäen und Judogürtel zufliegen. Ich möchte ihnen ersparen, dass sie sich fühlen müssen wie ich. "Das menschliche Gehirn ist ­eine großartige Sache", schreibt Schriftsteller Mark Twain. "Es funktioniert vom Moment der Geburt an – bis zu dem Zeitpunkt, wo du aufstehst, um eine Rede zu halten." Oder bis zu dem Zeitpunkt, wo dein Kind die Judoprüfung ablegt, Regatta segelt oder Klavier spielt.


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