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Briefe von Kindern: Was mich glücklich macht

Was macht für Kinder einen schönen Tag aus? Das fragte sich Sozialpädagogin Karina Sillmann. Und beschloss, Mädchen und Jungen aus der ganzen Welt um Antworten zu bitten.

von Nele Langosch, aktualisiert am 03.12.2020

Seit 2018 sammelt die Sozialpädagogin Karina Sillmann (35) aus Aschaffenburg Antworten von Kindern auf die Frage "Was ist für dich ein glücklicher Tag?". Kinder aus aller Welt schreiben ihr oder malen Bilder. Wir sprachen mit Karina Sillmann über das Glück und wie sie auf die Idee für das Projekt kam.

Frau Sillmann, inzwischen haben Sie über einhundert Briefe von Kindern aus 39 Ländern erhalten – von Bhutan über Kuba bis Deutschland. Wie beschreiben die Kinder ihren glücklichen Tag?

Egal wo die Kinder herkommen: Zeit mit der Familie und mit Freunden zu verbringen, ist vielen sehr wichtig. Ebenso wie den Hobbys nachgehen zu können, etwa Fußball zu spielen oder zu zeichnen. Oft sind die Kinder an ihrem Geburtstag besonders glücklich. Einige machen sich aber auch schon viele Gedanken, wie Mya aus Ecuador: Sie wünscht sich, dass es allen auf der Welt gut geht. Oder Amelia aus Australien, die sich um die Verschmutzung der Meere sorgt.

Karina Sillmann arbeitet als Sozialpädagogin in Aschaffenburg

Unterscheiden sich die Briefe von Kindern aus reicheren und ärmeren Ländern?

In den Industrienationen finden es manche Kinder toll, wenn sie schulfrei haben. Mädchen und Jungen aus ärmeren Ländern ist es dagegen sehr wichtig, lernen zu dürfen. Das hat mir zum Beispiel ein Mädchen aus einem Armenviertel in Südafrika geschrieben. Ein anderes Mädchen aus Afghanistan erzählte, dass es nach dem Krieg zuerst draußen bei 45 Grad Celsius unterrichtet wurde, bis eine Schule fertig gebaut war. Auch dass die Eltern genug Geld für die Schuluniform haben, ist nicht selbstverständlich. Manche Kinder aus ärmeren Ländern wünschen sich einen tollen Job und ein gutes Einkommen, um ihre Familie später unterstützen zu können.

Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Projekt?

Ich leite Tanz- und Entspannungskurse für Kinder. Meine sozialpädagogische Ausbildung bildet dabei das Fundament meiner Arbeit, weil ich im Tanzen und in den Entspannungstechniken Möglichkeiten sehe, Kinder zu stärken, sie in ihren Talenten zu fördern. Ich versuche, die Kinder zu befähigen, sich mitzuteilen und gelassener durchs Leben zu gehen. Dabei kommt man natürlich ins Gespräch. Einmal war ein Mädchen dabei, das in der Pause total erschöpft am Boden saß. Sie erzählte, dass sie am Vormittag beim Schulausflug im Kletterwald war und jetzt ziemlich müde ist. Tanzen wollte sie aber trotzdem. Und sie fand es überhaupt nicht schlimm, dass sie an dem Tag nicht mehr topfit war und genoss die Stunde wie immer. Ein Erwachsener hätte sich wahrscheinlich eher geärgert, weil er nicht so leistungsstark war wie sonst. Und so kam ich auf die Idee, mehr Kinder zu fragen, was sie glücklich macht.

Die ersten Briefe habe ich dann gezielt in meinem Freundeskreis eingesammelt, etwa von der Tochter einer Bekannten in den USA. Immer mehr Menschen interessierten sich für die Antworten. Und die Kinder schrieben gerne etwas dazu. So lief das Projekt weiter. Die jüngsten Kinder, die sich gemeldet haben, waren 4- und 5-jährige Vorschüler aus Kanada. Die Älteste war 19 Jahre alt und kam aus Indonesien.

Wie erfahren die Mädchen und Jungen von der Aktion?

Ich habe Schulen in verschiedenen Ländern angeschrieben. Oft haben Lehrer dann eine Unterrichtsstunde zum Thema Glück gehalten und ihre Schüler in diesem Rahmen Briefe schreiben lassen. Außerdem habe ich Hilfsorganisationen für Kinder in ärmeren Regionen kontaktiert. In einer australischen Kinderzeitschrift wurde über mein Projekt berichtet. Und jeder findet auf meinem Blog "Children’s Happy Days" einen Brief von mir an Kinder in vier verschiedenen Sprachen, auf den sie antworten können.

Was möchten Sie mit dem Projekt bewirken?

Ich möchte Kindern eine Stimme geben. Wir sollten sie viel öfter fragen, was sie glücklich macht. Kinder wissen das meist genau und antworten wie aus der Pistole geschossen. Erwachsene müssen oft länger nachdenken.

Wie können Eltern ihre Kinder glücklich machen?

Indem sie ihnen das Gefühl geben, präsent zu sein, wenn sie mit ihnen zusammen sind. Das geht auch im stressigen Alltag. Zum Beispiel können Eltern und Kinder auf dem Heimweg vom Kindergarten bewusst die schönen Blumen bestaunen, eine kleine Pause auf einer Bank machen oder die rosa Wölkchen am Himmel entdecken. Kinder begeistern sich für Dinge, die für Erwachsene banal sind. Wir sollten uns öfter mal von ihrer Freude mitreißen lassen.

Und wenn Eltern mal nicht gut drauf sind?

Die grauen Tage gehören ebenso dazu wie die bunten. Wichtig ist, dass das Glück im Leben einen Platz hat. Wir unterschätzen, wie verständnisvoll Kinder sind. Ich hatte in einer Tanzstunde mal fürchterliche Kopfschmerzen und habe das meinen Schülern erzählt. Sie waren dann nicht nur viel leiser als sonst: Alle Viertelstunde stand ein Kind neben mir und hat mich gefragt, ob es denn gehe mit dem Kopf. Wenn Eltern merken, dass sie beispielsweise total im Stress sind, und das kindgerecht formulieren, besteht eine große Chance, dass die Kinder sie sogar aufheitern.

Was macht Sie selbst glücklich?

Als Kind konnte ich stundenlang mit meinem jüngeren Bruder im Garten spielen. Mir tat es gut, Zeit zu haben – zum Buddeln, Spielen, Träumen. Ich habe immer schon gerne getanzt. Ich finde verschiedene Kulturen spannend, ich reise und schreibe selbst gerne. Mich faszinieren vor allem die Menschen, ihre Mentalität und welchen Blick sie aufs Leben haben, wo sie ihre Prioritäten setzen. In Portugal etwa, nehmen die Menschen unglaublich viel Rücksicht aufeinander. Niemand drängelt oder rempelt in der Bahn oder im vollen Supermarkt. In Spanien fiel mir besonders auf, wie liebevoll sich die Jüngeren um die Älteren kümmern, etwa wenn Enkelkinder mit ihren Großeltern einkaufen gehen.

Aus Ihrem Projekt ist mittlerweile ein Buch ("Ein schöner Tag ist ein Tag, an dem ich tanzen kann", Eden Books) entstanden. Hat sich Ihr Blick auf das Glück mit dem Projekt verändert?

Die Briefe der Kinder erinnern mich daran, dass es nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Wir Erwachsenen machen es oft komplizierter, als es ist. Dabei besteht Glück eigentlich aus Zeit mit lieben Menschen und Dingen, die uns Spaß machen. Das Projekt kann eine Inspirationsquelle für uns alle sein.

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