Warum Kinder Märchen lieben

Es war einmal ... Diese drei Worte ziehen Kinder heute genauso wie früher in ihren Bann. Doch was macht ihre Faszination eigentlich aus?

von Barbara Weichs, 23.03.2018

Zusammen Märchen lesen schafft ein Gefühl der Geborgenheit


Ausgerechnet Hänsel und Gretel. Meine Tochter hatte zum dritten Geburtstag ein Bilderbuch mit Märchen der Brüder Grimm bekommen. Neben vielen bunten Zeichnungen wurde in wenigen Sätzen und recht vereinfacht die Geschichte von Hänsel und Gretel erzählt, von Rotkäppchen und Schneewittchen. Nahm sie das Buch zur Hand, blätterte sie zielstrebig zum Märchen vom Geschwisterpaar, das von seinen Eltern ausgesetzt wurde und bei der bösen Hexe landete.

Neun Jahre ist das her, und ich erinnere mich trotzdem sehr gut, dass es mir widerstrebte, ihr dieses Märchen vorzulesen. Es erschien mir viel zu grausam für eine Dreijährige. Sogar das Happy End am Schluss vergaß ich darüber.

Die Botschaft der Märchen

"Märchen gehen gut aus. Sie vermitteln: 'Das Leben ist gut. Du kannst es schaffen!'", sagt Sabine Lutkat, Präsidentin der Europäischen Märchengesellschaft e.V. Genau darin besteht in den Augen der Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin die Faszination dieser alten Geschichten. "Kinder saugen sie wie ein Schwamm auf – so als würde ihre Seele sie brauchen."

Aber braucht die Seele einer Dreijährigen tatsächlich die Konfron­tation mit unzuverlässigen Eltern, dem unheimlichen Wald und einer gefräßigen Hexe? "Märchen sind symbolhafte Geschichten. Sie erzählen in Bildern von Erfahrungen und Gefühlen, die jedes Kind kennt", erklärt Sabine Lutkat.

Ein Spiegel der eigenen Emotionen

Angst, Liebe, Tod, Mut, Freundschaft, Wut, Ausgeliefertsein – das alles wird in den Geschichten von Aschenputtel, den Bremer Stadtmusikanten oder Rumpelstilzchen verhandelt. Ideale Anknüpfungspunkte für kleine Zuhörer, um mit Mama und Papa darüber zu sprechen, was sie beschäftigt. Gibt es Hexen wirklich? Gibt es tatsächlich Eltern, die ihre Kinder alleine im Wald zurücklassen? "Nur wenn sie thematisiert werden, können Ängste auch bewältigt werden", sagt die Expertin, die auch als Märchen­erzählerin arbeitet. Etwa die Angst, dass man selbst von Mama und Papa verlassen werden könnte.

Märchen als Mutmachgeschichten

Außerdem bieten die Protagonisten viel Identifikationspotenzial: Widrige Umstände machen einem kleinen Helden das Leben schwer, doch er überwindet sie und wird am Schluss belohnt. "Das Gefühl von Macht und Ohnmacht erleben Kinder tagtäglich. Märchen geben die Hoffnung, dass es trotz alledem gut ausgeht – wenn man sich seiner Angst stellt, auf die guten Kräfte und seine eigenen Fähigkeiten vertraut", erklärt Lutkat. Mutmachgeschichten also, die zeigen, dass man nicht allein ist in der großen Welt, und die klar vermitteln: Das Gute siegt über das Böse.

Rückzug in eine magische Welt

Und: Die Geschichten sind eingebettet in eine ganz und gar fantasievolle Welt, die zum Träumen einlädt. Ein Wolf frisst sechs Geißlein, doch sie kommen unversehrt aus seinem Bauch heraus, ein ekliger Frosch verwandelt sich in einen wunderschönen Prinzen, das Häuschen der Hexe ist aus Lebkuchen gebaut, mit denen sich der Hunger stillen lässt. "Märchen sprechen auf besondere Weise das magische Denken von Kindern an", sagt die Expertin. Können sich die Kleinen etwas nicht rational erkären, behelfen sie sich mit magischen Vorstellungen. Die zauberhafte Welt der Märchen erscheint ihnen deshalb logisch und nicht abwegig.

Eine Metapher für das eigene Leben

Märchen belehren zudem nicht. Sie enthalten keine platte Moral oder pädagogischen Handlungsanweisungen. "Märchen sind bildhafte Geschichte für menschliche Erfahrungen. Jeder kann sich etwas anderes daraus ziehen", erklärt Sabine Lutkat. Und noch etwas trägt zur Magie der Geschichten bei: die Situation, in der sie vorgelesen oder erzählt werden. An Mama, Papa, Oma oder Opa gekuschelt den spannenden Begebenheiten aus alten Zeiten lauschen – was gibt es Schöneres?

Meine Tochter war hartnäckig. Die Geschichte von Hänsel und Gretel habe ich sehr oft vorgelesen. Manchmal konnte ich mich durchsetzen, und dann kam Rapunzel an die Reihe. Das war immer mein Lieblingsmärchen gewesen.

Nicht alle Märchen eignen sich für jedes Alter – und es gibt einen viel größeren Märchenschatz als den der Brüder Grimm. Die Tipps von Sabine Lutkat:

  • Für Kinder ab 3 Jahren: Kettenmärchen, in denen wiederkehrende Handlungsteile aneinandergereiht werden, wie "Der dicke fette Pfannkuchen", "Das Rübchen" (aus Russland) oder "Der süße Brei"
  • Für Kinder ab 4 Jahren: kurze, überschaubare Märchen, in denen es um den Konflikt Klein gegen Groß geht, das fasziniert in dem Alter, etwa "Die drei Böcke Brausewind", "Die Entstehung der Sterne" (ein indianisches Märchen), aber auch Klassiker wie "Der Wolf und die sieben Geißlein", "Hänsel und Gretel" oder "Rotkäppchen".

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