Schöne Bücherzeit: Zehn Tipps fürs Vorlesen

Vorlesen macht Kinder glücklich – und schlau! Wenn das keine Argumente sind, sofort damit zu beginnen. Mit unseren zehn Tipps werden Sie zum Vorlese-Profi
von Barbara Weichs, aktualisiert am 23.11.2017

Vorlesen und selbst lesen sind wichtig für die Entwicklung von Kindern

Mauritius/Stockbroker

1. Den richtigen Zeitpunkt finden

Egal wann, losgehen kann es eigent­lich immer. Man braucht nur ein Buch aus dem Regal zu fischen, sich gemeinsam aufs Sofa zu setzen, schon wartet das erste Abenteuer zwischen den Buchdeckeln. Weil Kinder aber Rituale lieben, tut es trotzdem gut, jeden Tag ­eine ­feste Zeit dafür einzuplanen. Wunderbar geeignet: abends die Zeit vor dem Schlafengehen.

Wenn das Kleine langsam zur Ruhe kommen soll, bietet es sich geradezu an, sich aneinandergekuschelt einem Buch zu widmen. Doch auch tagsüber vor dem Mittagsschlaf zum Beispiel oder nachmittags, wenn sich die Familie wieder zu ­Hause trifft, sind gute Gelegenheiten. "Kinder nehmen das Vorlesen in ihren Tagesrhythmus auf und fordern mit zunehmendem Alter das Ritual von alleine ein. Gehen Sie, sooft es möglich ist, darauf ein", rät Ulrike Annick Weber, Expertin von der Stiftung Lesen in Mainz.

2. Gemütlich sollte es sein

Ob auf dem Sofa, Bett oder im Sessel – Kinder lieben gemütliche Zeiten, in denen sie Mama, Papa oder Oma ganz nah sein können. Klappt natürlich nur, wenn nicht ständig das Handy summt, Fernseher oder Radio läuft. Am bes­­ten alles abschalten. "Beim Vor­lesen entsteht eine sehr innige Situation, die nur Ihnen beiden gehört", erklärt Weber. Auf diese Exklusivität wollen Sie und Ihr Kind bald nicht mehr verzichten!

3. Vom Bilderangucken zur spannenden Geschichte

Am Anfang steht das Bild. Die ers­ten Bücher für die Kleinsten kommen ohne Buchstaben aus. Pro Seite eine Illustration – so sind sie aufgebaut. "Doch auch hier passiert schon viel", sagt Ulrike Annick Weber. Ihr Kind zeigt auf den Ball, Sie erzählen ihm, dass er rot ist und weiße Tupfen hat. Manche Bücher haben Fühlelemente oder einen Soundchip, mit dem man beispielsweise eine Kuh muhen lassen kann. Mit zunehmendem Alter werden die Illustrationen komplexer. "Sehr beliebt sind Bücher, bei denen man zusätzlich noch etwas aufklappen kann", sagt Weber. Ab welchem Alter ein Kind einem Text richtig folgt, ist individuell unterschiedlich. Probieren Sie es einfach aus, Ihr Kleines sig­nalisiert Ihnen, ob es dem Vorgelesenen folgen kann.

4. Zwischenfragen? Unbedingt erwünscht!

Wenn Sie schon mal einem Kind vorgelesen haben, wissen Sie: Die kleinen Zuhörer wollen mitquatschen. Eine Geschichte einfach so runterzulesen funktioniert nicht. Die Kleinen haben Fragen, wollen selbst was erzählen, vielleicht zurückblättern, um das Bild von der vorherigen Seite noch einmal genau anzugucken, oder nach ­vorne spicken, weil sie schon sehr neugierig sind. Lassen Sie das alles zu. "Der Sinn des Vorlesens ist, mit­einander ins Gespräch zu kommen", erklärt Weber. Dialogisches, interaktives Vorlesen, nennt die Expertin das. Die positiven Nebeneffekte: So erfahren Sie, welche Gedanken Ihr Kind sich macht. Ganz nebenbei wird auch sein Sprachvermögen gefördert.

5. Wiederholen, wiederholen, wiederholen …

Ihr Kleines will gefühlt zum 67. Mal Rotkäppchen hören? Klar, das ist mühsam. Machen Sie es trotzdem! "Es gibt einen Grund, warum Ihr Kind genau diese Geschichte gerade mag", erklärt Ulrike Annick Weber. Vielleicht gehört sie für Ihr Kind zum Vorlese-Ritual. Vielleicht beschäftigt es sich aber auch mit etwas, das es in der Geschichte wiederfindet. Oder: Es gibt darin eine besonders lustige Stelle. Tipp für die nächste Runde Rotkäppchen: Lesen Sie ein paar Fehler in den Text. Lassen Sie einen Fuchs statt eines Wolfs des Weges kommen. Passt Ihr Kind gut auf?

6. Die Figuren zum Leben erwecken

Es braucht nur ein paar wenige Tricks, um Spannung zu erzeugen. Passen Sie Ihre Stimme und die Lesegeschwindigkeit der Handlung an. Werden Sie leiser, wenn es spannend wird. Oder lesen Sie langsamer, und machen Sie eine Pause. Unterstützen Sie den Inhalt mit Ihrer Mimik und Gestik: Schütteln Sie den Kopf oder gucken Sie traurig, je nachdem, was gerade passiert. Vielleicht schaffen Sie es ja, jeder Figur eine unterschiedliche Stimme zu geben. Lassen Sie eine Katze miauen – auch wenn es nicht dabeisteht. Aber: "Bleiben Sie authentisch. Sind Sie eher ruhig und zurückhaltend, ist es auch okay, entsprechend zu lesen", sagt Ulrike Annick Weber.

7. Bücher griffbereit aufräumen

Ob im Wohnzimmerregal, neben dem Bett oder auf einem Hocker in der Küche: Platzieren Sie den Lesestoff so, dass Ihr Kind Bücher jederzeit erreichen kann. Das verführt die Kleinen dazu, sich eines zu schnappen, wann immer der Blick darauf fällt – zum "Selberlesen" oder um sich vorlesen zu lassen! Wenn auch Sie selbst regelmäßig zu Buch, Zeitschrift oder einem E-Reader greifen, wird Ihr Kind es Ihnen nachmachen.

8. Nicht zu früh aufhören

Auch wenn Ihr Kind schon selbst lesen kann: Lesen Sie ihm weiter vor! "Das eigene Lesen ist zu Beginn sehr mühsam, denn es dauert lange, bis der Prozess automatisiert ist. Kinder kommen deshalb nicht sofort auf das Geschichten- und Leselevel, das sie vom Vorlesen gewohnt sind", erklärt Ulrike Annick Weber. Um den Kleinen diesen Frust zu ersparen, raten Experten, bis in die vierte Klasse hinein vorzulesen.

9. Digitales Vorlesen

Vorlesen mit einer digitalen App auf dem Tablet oder Smartphone: Auch hier funktioniert der Austausch zwischen ­Eltern und Kind. Das Spannende dabei sind jedoch die interaktiven Elemente, die ein Buch nicht bietet. Etwa Töne oder Texte, die angehört werden können, oder ein zwischengeschaltetes Spiel. "Un­sere Studien zeigen, dass Eltern und Kinder sehr begeistert sind vom Vorlesen mit der App. Sie zeigen aber auch, dass Eltern Apps eher als Ergänzung zum Vorlesen mit dem Buch sehen", erklärt Dr. Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Vielleicht probieren Sie es einfach einmal aus.

10. Passende Bücher wählen

Die Altersangaben auf Büchern sind eine Empfehlung der Verlage. "Achten Sie aber immer auf die Entwicklung Ihres Kindes, und gucken Sie, ob ein Buch tatsächlich schon geeignet ist", rät Ulrike Annick Weber. Woran Sie sich auch orientieren können: Der Protagonist der Geschichte hat ungefähr das Alter des Kindes, dem vorgelesen wird. Schön ist es natürlich, wenn Sie zu Hause eine kleine Bibliothek aufbauen. So hat Ihr Kleines immer die Möglichkeit, aus verschiedenen Büchern das auszuwählen, worauf es gerade am meis­ten Lust hat. Das geht natürlich auch mit Büchern aus der Bücherei. Die Mitgliedschaft für Kinder ist in der Regel kostenlos.

Büchertipps der Stiftung Lesen:


Ab ca. 6 Monaten:
"Kuckuck, wer quiekt da?" von Dorothea Ackroyd (Coppenrath Verlag)

Ab ca. 1 Jahr:
"Überraschung! Welches Tier hat sich versteckt?" von Katja Richert und Marina Rachner (Arena Verlag)
"Die liebevolle Aufmachung mit großen, stabilen Klappen-Elementen macht Lust aufs immer-wieder-Anschauen"

Ab ca. 1,5 Jahren:
"Fühl mal, such mal! Wo ist Pipo Pinguin?" von Yayo Kawamura (Coppenrath Verlag)
"Niedlich gemacht, auch schon für die Kleinsten ein Spaß!"

Ab ca. 2 Jahren:
"Die Gespensterküche" von Susanne Göhlich (Orell Füssli)
Das gereimte Pappbilderbuch aus der besonders liebevoll illustrierten Reihe lässt sich allerbestens vorlesen und sorgt garantiert für gespenstisch gute Stimmung bei den Zuhörern"


Ab ca. 3 Jahren:
"Das große Buch der kleinen Hexe" von Lieve Baeten (Oetinger Verlag)
"Alle Zauber-Abenteuer sind in diesem Jubiläumsband versammelt, der in keiner Vorlesebibliothek fehlen sollte"

Ab ca. 4 Jahren:
"Felix fährt Eisenbahn" von Sharon Rentta (Gerstenberg Verlag)
"Ein schönes Thema, liebevoll verpackt in eine nette Geschichte mit kurzem Vorlesetext, vor allem aber mit vielen lustigen, detailreichen Illustrationen"

Ab ca. 5 Jahren:
"Eliot und Isabella und das Geheimnis des Leuchtturms" von Ingo Siegner (Beltz Gulliver)
"Das Inselabenteuer lässt sich sowohl mit Meeresrauschen im Hintergrund als auch auf dem Balkon oder im Schwimmbad ganz wunderbar ferienmäßig vorlesen"

 

Noch mehr Leseempfehlungen finden Sie auf der Webseite der Stiftung Lesen.



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