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Haben Sandwichkinder Nachteile?

Mittendrin – und übersehen? Zwischen Erst­geborenem und Nesthäkchen müssen Sandwichkinder ihren Platz in der Familie finden. So klappt es

von Tanja Eckes, 06.05.2019
Drei Geschwister

Bei drei Kindern ist eines immer das Große, eines das Kleine – und eines mittendrin


Nun habe ich es also schriftlich: Mittlere Kinder kommen zu kurz! Was ich als Zweitgeborene zwischen großer Schwester und kleinem Bruder nicht gerne höre, will ein mathematisches Modell des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung schwarz auf weiß belegt haben. Laut Hochrechnung gelingt es nämlich mehrfachen Eltern nicht, Geld, Zeit und Aufmerksamkeit gerecht zu verteilen. Rein rechnerisch kriegen die Mittleren weniger ab als ihre Geschwister.

Mittlere Kinder sind öfter unauffällig

Die Großen erlebten eine Einzelkindphase mit vollem Einsatz der Eltern, und die Kleinsten können sich der ungeteilten Zuwendung sicher sein, wenn alle Geschwister aus dem Haus sind. "Tatsächlich fehlt den Mittleren eine Lebensphase, in der sie exklusive Zeit mit Mutter und Vater verbringen", bestätigt Heike Buhl, Professorin für Päda­gogische und Entwicklungspsychologie an der Universität Paderborn.

Und Eltern behandeln die Kinder nicht gleich, so das Ergebnis einer kalifornischen Untersuchung: Darin gaben rund 70 Prozent aller Mütter und Väter zu, ein Lieblingskind zu haben – oft das Älteste, da sie mit ihm alle wichtigen Premieren vom Laufenlernen bis zum Schulabschluss erleben und damit emotional stärker verbunden sind.

In einer britischen Umfrage sagten 47 Prozent der teilnehmenden Mittelkinder, sie hätten um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern immer mehr kämpfen müssen als ihre Brüder oder Schwestern. In den USA wurde sogar schon der Begriff "Middle Child Syndrome" geprägt: das Gefühl, von den Eltern aufgrund der mittleren Ge­schwisterposition vernach­lässigt zu sein und daher unter geringem Selbstwert zu leiden. Klingt nach einer undankbaren Rolle. Doch obwohl ich selbst erlebt habe, wie schnell man als Mittelkind manchmal in den Hintergrund rückt – schlimm fand ich diese Erfahrung nicht.

Kompromissbereit und umgänglich

Auch Geschwisterforscher können der angeblich benachteiligten Sandwich-Lage durchaus Positives abgewinnen. "Mittlere Geschwister profitieren meist von der Erfahrung der Eltern in Sachen Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung. In der Regel läuft alles etwas unaufgeregter ab", weiß Prof. Dr. Peter Kaiser vom Arbeitsbereich Psychologie und Pädagogik der Universität Vechta. "Oft ziehen die Mittleren auch Bestätigung daraus, dass sie sich die Großen zum Vorbild nehmen können und gegenüber den Jüngeren einen Entwicklungsvorsprung haben."

Außerdem zeigten sich Mittlere in mehreren Untersuchungen als besonders kooperativ, sozial verträglich und einfühlsam. Und nach einer israe­lischen Studie führen sie glücklichere, längere Beziehungen als ihre großen oder kleinen Geschwister. "Mittelkinder sind es gewohnt zu ko­alieren, sich emotional in andere hineinzuversetzen und Kompromisse auszuhandeln", erklärt Entwicklungspsychologin Buhl.

Entwicklung ist sehr individuell

Keine schlechte Bilanz also. Aber ob für das einzelne Sandwichkind die Vor- oder Nachteile überwiegen, liegt nicht nur an der Geschwisterstellung. "Begabungen, Ähnlichkeit mit den Eltern oder auch eine chronische Erkrankung spielen eine Rolle. Den größten Einfluss hat sicher, ob ein Kind grundsätzlich und mit seinem Geschlecht erwünscht war und in die Lebens- und Familien­planung der Eltern passt", erklärt Peter Kaiser. Ist das nicht der Fall, leiden häufig Selbstbild und die emotionale Entwicklung, ganz unabhängig von der Geschwisterposition.

Kinder gleich behandeln

Fair bleiben trotz ungleicher Bedingungen: Mit ein paar Maßnahmen kann es gelingen, allen Geschwistern genügend Raum und Aufmerksamkeit zu bieten. Zum Beispiel, indem man regelmäßig exklusive Zeit mit jedem einzelnen Kind einplant. "Mütter und Väter sollten auch darauf achten, nicht ein Kind mehr zu loben und den Geschwistern als Vorbild hinzustellen, das schürt un­nötig Eifersucht", rät die Expertin. Besser ist es, individuelle Stärken herauszustellen, sei es der perfekte Purzelbaum oder ein Talent zum Witzeerzählen.

Und: Gehen Sie immer auf Vorwürfe der Kinder ein, selbst wenn Sie sie nicht nachvollziehen können. Vor- und Nachteile mit den Kindern gemeinsam abzugleichen macht oft klar, dass keines in seiner Position in allen Bereichen privilegiert ist. Der Große darf vielleicht länger aufbleiben, muss aber schon mehr im Haushalt helfen. Die Babyschwester darf häufiger auf den Schoß, ist aber zum Fernsehen noch zu klein. Das Mittlere trägt die Klamotten des Älteren auf, profitiert dafür aber von Rechten (zum Beispiel Spielen am Tablet), die sich das Erstgeborene erkämpfen musste.


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