Erziehung: Einmischen erlaubt?

Darf man in der Erziehung anderer Eltern mitreden? Experten sagen ja und plädieren für mehr kollektives Erziehen. Außerdem: Hilfestellungen für drei Situationen
von Peggy Elfmann, 14.08.2017
Mädchen im Gespräch

Erziehung ist das Recht der Eltern, aber andere können ihnen dabei helfen

Mauritius/Alamy

Wer kennt es nicht, das afrikanische Sprichwort, das besagt: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen? Jeder zitiert es, in jedem Ratgeber steht es. Aber wenn es um die Erziehung unserer Kinder geht, möchten wir am liebsten die einzigen Bestimmer sein. Bei anderen miterziehen? Das kostet uns genauso Überwindung. Lieber verschließen wir Augen, Ohren oder Mund. "Erziehung funktioniert nicht mehr als Dorf", meint Claudia Lenz von der Familienberatungsstelle der AWO Berlin. Die Psychologin berät täglich Eltern und registriert eine Vereinzelung: Jeder erzieht für sich.

Claudia Lenz, Diplom-Psychologin bei der Erziehungs- und Familienberatung der AWO Berlin

W&B/Privat

"Einmischen hat heute etwas von Grenzüberschreitung", sagt Psychologe Bodo Reuser, der die Mannheimer Erziehungsberatungsstelle leitet und im Vorstand der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung ist. In der Gesellschaft fehle es an Aufmerksamkeit und Verantwortung gegenüber Familien, so Bodo Reuser. "In der Öffentlichkeit mischen sich andere vor allem dann ein, wenn Kinder als nervend erlebt werden", erklärt Claudia Lenz. Logisch, dass Einmischen da eher eine Zumutung sei, obwohl ein wohlwollendes Beobachten, Hinhören und Mitreden manches erleichtern könnte.

Eltern haben hohe Ansprüche an sich selbst

Erziehung ist das Recht der Eltern, so steht es im Grundgesetz. Aber, so stellt Psychologe Reuser klar: "Es ist nicht auf diese Personen beschränkt. Mutter und Vater müssen nicht 18 Jahre lang alles alleine tragen. Das kann keiner schaffen." Doch genau das ist häufig unser Anspruch an uns selbst. Bodo Reuser beobachtet in seinen Beratungen eine "zunehmende Verunsicherung, weil Eltern sich an ihren überhöhten Ansprüchen messen".

Bodo Reuser, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Erziehungsfragen der Evangelischen Kirche in Mannheim

W&B/Privat

Daher plädiert er für mehr Miteinander. Das führe zu mehr Gelassenheit, da man sich auch Verantwortung teile. "Ich rate Eltern: Lasst zu, dass andere Ratschläge geben, und interessiert euch für andere. Als soziale Wesen und Vorbilder sind wir immer in Bezug und erziehen so mit." Natürlich kommt es auf das Wie an. "Eltern fühlen sich leicht gekränkt, denn sie bringen bei der Erziehung große Anstrengung auf", sagt Lenz. Beide Psychologen raten, diese Punkte zu bedenken:

  • Wie ist die Beziehung? Ratgeber sollten Menschen sein, die man achtet. Gibt es keine Nähe oder existieren gar persönliche Konflikte, fällt es schwer, Heikles zu bereden und Rat anzunehmen.
  • Ist er/sie gesprächsbereit? Ob jemand über Erziehung sprechen möchte, sollte seine/ihre Entscheidung sein. Deshalb erst mal ein Angebot machen, zum Beispiel: "Mir ist etwas aufgefallen. Darf ich dir meine Meinung sagen?"
  • Was sage ich? Oft ist die Situation vielschichtiger, als sie scheint. Daher: Kritik gut überlegen. Leitet man das Gespräch mit etwas Positivem ein, fällt es leichter, Negatives zu sagen. Und: Fragen sind besser als Aussagen, denn sie laden zum Austausch ein.
  • Wo spreche ich? Kritik in der Öffentlichkeit und vor den Augen der Kinder ist schwierig, da es den Erziehenden leicht bloßstellt. Außerdem hat man in der Situation oft kein Ohr für Ratschläge. Besser in einer ruhigen Minute sprechen. Ausnahme: Droht Gewalt, muss man sofort eingreifen.

Wir Eltern wollen das Beste für unser Kind, und Freunde und Bekannte können uns unterstützen, das Richtige zu tun. Ein Dorf entsteht nur, wenn jeder aufmerksamer wird und auch mal fragt: "Kann ich helfen?".

Ist Einmischen erlaubt? Hilfestellung für drei Situationen

1. Der Mann einer guten Freundin – und Vater von zwei Kindern – trinkt jeden Abend eine Flasche Wein. Sollte man das ansprechen?

Das sagten User bei unserer Facebook-Umfrage:

  • "Als Freundin habe ich lediglich die Möglichkeit, ihr Hilfe anzubieten. Sie muss eine Suchtberatung anleiern. Meine Freundin würde ich immer unterstützen und als Anlaufstelle für sie da sein."
  • "Unter Freundinnen sollte es kein Problem sein, darüber zu reden. Wenn man den Betroffenen selbst anspricht, dann streitet er sicher alles ab oder wird sogar aggressiv."
  • "Ich würde mich auf jeden Fall einmischen. Meine Mutter war alkoholabhängig. Von daher weiß ich, wie es ist, als so ein Kind aufzuwachsen. Ich würde mit ihm sprechen, wie er seinen Konsum einschätzt, und ihm sagen, dass es in meinen Augen zu viel ist."

Und was raten die Experten?

Claudia Lenz: "Alkohol ist ein schwieriges Thema, das auch in der Beratungsstelle häufig aufkommt. Ich würde raten, die Freundin unter vier Augen zu fragen, ob sie meine Meinung hören möchte über etwas, das ihren Mann betrifft. Wenn sie Ja sagt, würde ich ihr von meinem Verdacht erzählen und sie fragen, wie es ihr und den Kindern damit geht. Zur Unterstützung könnte man sie etwa auch zu einer Suchtberatungsstelle begleiten."

Bodo Reuser: "Würde man direkt zum Mann sagen: Du säufst zu viel, hat man die Tür zum Gespräch zugeknallt. Besser: über die Freundin gehen. Ich sehe es als freundschaftliche Pflicht, nachzufragen, wie es ihr geht, und ihr zu sagen, dass man sich um sie sorgt. Hat man Bedenken, dass das Kindeswohl gefährdet sein könnte, sollte man sich unbedingt an eine Erziehungsberatungsstelle wenden."

 

2. Die vierjährige Nichte macht erhebliche Grammatikfehler. Muss man das ansprechen?

Die Kommentare unserer User:

  • "Einmischen würde ich mich nicht! Das Kind ist gerade mal vier, und der Arzt sieht es regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen. Der wird das schon richtig entscheiden."
  • "Jedes Kind hat doch sein eigenes Tempo. Heutzutage haben es unsere Kinder schon schwer genug."
  • "Man muss sich nicht als Arzt aufspielen, aber ansprechen sollte kein Problem sein, zumal Sprachfehler ohne Korrektur für immer drinbleiben. Je früher es richtig geübt wird, desto besser!"

Und was raten die Experten?

Claudia Lenz: "Das ist nicht einfach, weil Eltern leicht kränkbar sind, was die Entwicklung ihres Kindes angeht. Besteht ein Vertrauensverhältnis, würde ich das Thema ansprechen, denn Eltern neigen leider auch oft dazu, Entwicklungsdefizite ihrer Kinder lange zu bagatellisieren. Ich würde erst mal etwas Positives zur Entwicklung sagen und dann: ,Mir geht da etwas durch den Kopf. Findest du auch, dass sie noch sehr viele Fehler beim Sprechen macht?‘ Gut wäre, wenn man dann von einem Fall erzählen kann, wo das Kind mithilfe von Logopädie schnell Erfolg hatte."

Bodo Reuser: "Kinder entwickeln sich sehr individuell, und die Varianz ist beim Sprachvermögen von Vierjährigen sehr hoch. Manche sprechen schon sehr gut, andere mit vielen Fehlern. Wenn ich wirklich einschätzen kann, dass das Mädchen überdurchschnittliche Probleme hat, sollte man das Thema ansprechen. Denn sich blind zu stellen, hilft dem Kind ja nicht. Ich würde sagen, dass ich mich sorge, und fragen, was denn der Kinderarzt oder die Erzieherin dazu sagt. Und dann würde ich Mut machen, dass man das Problem mit Therapie gut in den Griff bekommt."

 

3. Auf dem Spielplatz hat ein Kind einen Riesen-Trotzanfall, der die Mutter verzweifeln lässt. Einmischen oder nicht?

Die Kommentare unserer User:

  • "Ich gehe immer vorbei und lächle der Mutter/dem Vater verständnisvoll zu, ganz nach dem Motto: Ich kenne das auch."
  • "Was kann man denn als Außenstehender Produktives beitragen? Mein Sohn war ein absolutes Trotzkind. Gut gemeinte Sprüche oder klugscheißerische Wertungen taten nichts für mich und ihn. Ich würde mich deshalb bei anderen nie einmischen. Nicht einmischen, das geht niemanden etwas an!"
  • "Ich schau die Mama verständnisvoll an. Nicken uns zu und schmunzeln. In dem Moment tut Verständnis gut."
  • "Ich sag zum Kind manchmal etwas Nettes. So konnte ich schon manches vom Trotz ablenken, und es hat aufgehört zu weinen."

Und was raten die Experten?

Claudia Lenz: "Es ist gut, die Mutter in dieser Situation zu unterstützen und ihr zu signalisieren: ,Das ist halt manchmal so.‘ Ein ,Ich wünsche Ihnen starke Nerven‘ hilft sicher auch. Bloß nicht versuchen, das Kind mit Süßigkeiten abzulenken, das kommt bei den Eltern nicht gut an."

Bodo Reuser: "In solchen Situationen werden Eltern oft schnippisch behandelt, oder es wird ihnen vermittelt, sie könnten ihr Kind nicht erziehen. Bei einem Trotzanfall in der Öffentlichkeit stehen Eltern stark unter Druck. Kommentare verstärken den nur. Ich würde die beiden aufmunternd anlächeln."

 

Info-Tipp:

Sie brauchen Rat zu Erziehungsfragen? Auf www.bke.de gibt es die Möglichkeit einer anonymen und kostenfreien Online-Beratung. Auf der Seite können Sie auch nach Erziehungsberatungsstellen suchen, die ebenfalls anonym beraten. Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung können Sie sich auch an den Kinderschutzbund wenden: www.kinderschutzbund.de



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