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Erziehung: Einmischen erlaubt?

Meistens nerven gut gemeinte Erziehungsratschläge anderer. Aber manchmal ist man auch selbst versucht, etwas zu sagen. Darf man in der Erziehung anderer Eltern mitreden?

von Annett Zündorf, aktualisiert am 15.04.2019
Zwei Frauen diskutieren

Erziehung ist das Recht der Eltern, andere sollten sich zurückhalten


Eltern brauchen zuweilen Nerven wie Drahtseile. Im Alltag gibt es nämlich so einige Situationen, in denen es mit einem Kleinkind richtig anstrengend werden kann. Unangenehme Konfrontationen mit fremden Menschen, die meinen, helfen zu müssen, inklusive. Etwa im Supermarkt, wenn der Zweijährige schreiend und tobend am Boden liegt, weil Mama nicht den Bagger kaufen will. Gut zureden hilft nichts, die Mutter trägt ihren Giftzwerg unter den Arm geklemmt zur Kasse.

Ihr Blick verrät: Am liebsten möchte sie auf der Stelle unsichtbar werden. Doch als ob das tobende Kind nicht schon ausreichend Stressflecken verursachen würde, kommt auch noch eine Mitarbeiterin mit einem Schokoriegel in der Hand um die Ecke und flötet: "Musst nicht weinen, Kleiner." Mama sieht rot – faucht die Mitarbeiterin an, sie solle verschwinden, und hat nun mit einem noch lauter schreienden Kind zu kämpfen.

Jeder hält sich für einen Experten

Mal sind es Verkäuferinnen, mal Passanten im Park oder Wildfremde im Zug, der Postbote oder die Nachbarin. Ständig meint jemand, seinen Senf zur Erziehung eines fremden Kindes zugeben zu müssen. Psychologe Dr. Andreas Eickhorst kennt die Antwort auf die Frage, warum das so ist: "Die meisten Menschen haben Kinder, Geschwister oder sich irgendwann mal um Kinder gekümmert. Es hat also jeder das Gefühl, er sei ein Experte", sagt der Professor für Psychologische Grundlagen sozialer Arbeit an der Hochschule Hannover. Als hilfreich empfinden die betroffenen Eltern solche Aktionen aber nicht.

Ganz im Gegenteil. "Klar. Die Ratschläge fremder Leute kratzen an der eigenen Kompetenz", sagt Christina Franzheld, Sozialpädagogin bei der Familienberatungsstelle der Stadt Jena. Aus ihrer Beratungspraxis weiß sie, dass Mütter und Väter oft unsicher sind und Angst haben, etwas falsch zu machen. "Dabei gibt es das einzig Richtige gar nicht. Kinder schreien nun mal", stellt sie nüchtern fest. Weil sie frustriert sind, wenn sie das Spielzeug nicht bekommen, oder weil sie müde sind, Hunger haben oder einfach keine Lust, genau jetzt an Papas Hand über die Straße zu gehen. Und wie sollen die Eltern dann am besten reagieren? "So wie die Mutter im Supermarkt. Weisen Sie Fremde, die sich ungefragt einmischen, in ihre Grenzen. Mit Sätzen wie ‚Das ist mein Kind! Sie wissen nicht, was es gerade braucht!‘ oder ‚Überlassen Sie mir das!‘", sagt die Sozialpädagogin.

Mit Oma und Opa Absprachen treffen

Mit Fremden auf der Straße mag das gut funktionieren, doch auch Großeltern und Freunde überschreiten gerne mal Grenzen und mischen sich in die Erziehung ein. Im Grunde meinen sie es gut, Eltern wissen das, und sie schätzen auch die Hilfe, die Oma und Opa oft ohne Murren leisten. Doch Kommentare wie "Wir haben unsere ja immer schreien ­lassen!", "Setze ihr ein Mützchen auf!", "Du hast doch gerade gestillt!", "Um diese Zeit müssen Kinder ins Bett!" nerven und frustrieren.

Christina Franzheld rät, abzuwarten, bis der momentane Ärger vergangen ist. "Versuchen Sie sich in der Situation zu sagen, dass es die Eltern oder Schwiegereltern gut meinen, denn das tun die meisten tatsächlich. Trotzdem haben Sie die Erziehungsverantwortung, und das sollten junge Eltern auch kommunizieren", so Franzheld. Ihr Vorschlag: in entspannter Atmosphäre bei Kaffee und Kuchen zum Beispiel das Gespräch suchen. "Ohne Vorwürfe. Sagen Sie, was Sie empfinden, wenn Ihre Mutter oder Ihr Schwiegervater sich einmischt. Formulieren Sie, was Ihnen vielleicht wirklich helfen würde", so die Sozial­pädagogin.

Das kann zum Beispiel Unterstützung im Haushalt sein oder dass Oma und Opa ihr Enkelkind öfter mal von der Kita abholen. Auf diese Weise können sich Eltern kleine Freiräume schaffen, bleiben selbst entspannter und: "Sie geben ihren eigenen Eltern das Gefühl, gebraucht zu werden", sagt Christina Franzheld.

Experte nur fürs eigene Kind

Sosehr wir die Sprüche anderer auch verabscheuen, von Zeit zu Zeit würde man am liebsten selbst etwas sagen. Zum Beispiel wenn manche Eltern immer Süßkram für den Nachwuchs auspacken und großzügig verteilen. Soll man sagen, dass zu viel Zucker ungesund ist? Und es nicht geht, auch andere Kinder damit zu füttern?

Das hält Psychologe Eickhorst für keine gute Idee: "Überlegen Sie, warum Sie das Bedürfnis haben, sich einzumischen. Wollen Sie nur ausdrücken, wie es Ihrer Meinung nach richtig wäre, oder geht es um das Wohl des eigenen Kindes?" Im ersten Fall rät er, besser den Mund zu halten. "Experte ist jeder nur für sein eigenes Kind", sagt er. "Möchten Sie aber nicht, dass diese Eltern Ihr Kind mit ­Süßigkeiten versorgen, können Sie das natürlich freundlich, aber bestimmt sagen."

Info-Tipp: Einschreiten? Hier auf jeden Fall!

Einmischen ist nicht immer tabu. Unverzichtbar ist es dann, wenn ein Kind gefährdet ist. "Wenn sie also beobachten, dass Eltern ihr Kind im Hochsommer allein im Auto lassen, weil es gerade so friedlich schläft, und in den Supermarkt gehen, greifen Sie ein", so Eickhorst. Franzheld ergänzt: "Wird ein Kind geschlagen oder ein weinendes Baby geschüttelt, sprechen Sie die Eltern an." In allen Fällen geht es darum, das Kind zu schützen. Wichtig: Machen Sie den Eltern keine Vorwürfe. "Fragen Sie stattdessen, ob Sie helfen können", rät die Sozialpädagogin. Bleibt die Situation für das Kind gefährlich, scheuen Sie sich nicht, die Polizei zu rufen.

Sie brauchen Rat zu Erziehungsfragen? Auf www.bke.de gibt es die Möglichkeit einer anonymen und kostenfreien Online-Beratung. Auf der Seite können Sie auch nach Erziehungsberatungsstellen suchen, die ebenfalls anonym beraten. Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung können Sie sich auch an den Kinderschutzbund wenden: www.kinderschutzbund.de


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