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Zeichensprache für Babys

Müde, hungrig, kuschel­­bedüftig? Was auch immer sie wollen, Babys haben ihre ganz eigene Art, sich mitzuteilen. Hand­zeichen sollen beim Übersetzen helfen. Sinnvoll oder überflüssig?

von Sabine Hoffmann, 08.10.2018
Zeichensprache

Guck mal da! Babys haben ihre ganz eigene Art, sich mitzuteilen


Zweimal führt das Baby seine kleine rechte Hand zum Mund. Aber nicht irgendwie. Alle fünf Fingerspitzen berühren sich, als wenn es einen imaginären Stift halten würde. Es zeigt mit dieser Gebärde: Ich habe Hunger. Das ist eine der ersten von 72 Gebärden, die Psychologin Carmen Lautenscheidt ihren teilnehmenden Müttern, Vätern und vor allem Babys in ihren Kursen für Babyzeichensprache in Lorsch bei Mannheim beibringt.

Lautenscheidt ist überzeugt von dieser Art der frühen Kommunikation. Sie sorge dafür, dass Eltern viel schneller auf die Bedürfnisse ihrer Kleinen reagieren könnten, da die Kinder in dem Alter ja noch nicht sprechen können.

Babyzeichensprache in Deutschland weit verbreitet

Das sogenannte Baby-Signing kommt aus Amerika. Seit den 1980er-Jahren lernen dort Babys und Eltern Gebärden für alltägliche Dinge, Monate bevor sich die Sprache entwickelt. Mittlerweile sind solche Kurse auch in Deutschland weit verbreitet und werden häufig über Familienzentren oder Volkshochschulen angeboten. Eine offiziell anerkannte Ausbildung für die Babyzeichensprache gibt es allerdings nicht. Interessierte sollten deshalb darauf achten, ob die Kursleiterin Gebärden aus der deutschen Sprache beherrscht und verwendet sowie gut auf Eltern und Kind eingeht.

Kinder lernen sprechen

Zugegeben, die Vorstellung ist charmant. Die Kleinen zeigen mit Handzeichen, was sie brauchen. Eltern müssen nicht länger rätseln, was das Kind gerade haben könnte, wenn es anfängt zu quengeln und schließlich weint oder gar schreit. Ganz nebenbei soll die Babyzeichen­­sprache – so werben die Anbieter – die Gehirn­entwicklung fördern: Die Kinder würden früher sprechen ­lernen.

Nach derartigen Vorteilen hat Mechthild Kiegelmann bisher vergeblich geforscht. Sie ist Professorin für Sozialpsychologie und Sozial­pädagogik am Institut für Psy­cho­logie der Pädagogischen Hochschule Karls­ruhe und hat bereits mehrere Studien zur Babyzeichensprache durchgeführt. Ihr Fazit: "Es gibt noch keine wissenschaftlich fundierten Hinweise darauf, dass die Sprachentwicklung durch die Babyzeichensprache gefördert wird. Mit und ohne Baby-Signing lernten die Babys in unseren Untersuchungen ihre Mutter­­sprache gut."

Eltern brauchen Geduld

Anfängerkurse gibt es schon für Babys ab sechs Monaten und dauern mehrere Wochen. Carmen Lautenscheidt vermittelt ihren Teilnehmern als Erstes die Zeichen für Mama, Papa, Essen, Trinken und Schlafen. Anschließend kommen Dinge dazu, die für das Baby und die Familie wichtig sind, etwa der ältere Bruder oder die Hauskatze. Pro Woche bringt die Diplom-Psychologin, die sich auf Frühförderung spezialisiert hat, ihren Teilnehmern nach Bedarf und Laune etwa fünf bis zehn neue Gebärden bei. Damit sich das Kind diese einprägen kann, ist es wichtig, sie oft zu wiederholen.

"Die Gebärden sind eine Brücke zum Sprechenlernen", sagt Lautenscheidt. Sie werden zum gesprochenen Wort gezeigt. Auf diese Weise werden Handzeichen und Wortbedeutungen miteinander verknüpft. Dennoch: "Zu Beginn brauchen Eltern viel Geduld. Es dauert eine ganze Weile, bis das Baby die Handzeichen verinnerlicht hat und selbst anwendet", so Lautenscheidt.

Die Kurse mögen Spaß machen, kosten aber auch ganz viel Zeit – denn einen Lern­effekt beim Baby gibt es tatsächlich nur, wenn Mama, Papa und auch ältere Geschwister beim Sprechen immer die dazugehörigen Gebärden präsentieren.

Die gemeinsame Zeit zählt

Mit dem Baby über Gebärden zu kommunizieren hält die Münchener Kinder- und Jugendärztin Dr. Brigitte Dietz für unnötig: "Eltern, die sich viel mit ihrem Baby beschäftigen, mit ihm kuscheln, spielen, es beobachten und auf seine Bedürfnisse reagieren, werden seine Körpersprache, Gesten, Mimiken und Laute schnell verstehen." Aufgrund der Forschungsergebnisse hält auch die Sozial­psychologin und Sozialpädagogin Kiegelmann die Babyzeichensprache für verzichtbar.

Immerhin: Nachteile hat sie auch nicht. "Im Grunde verbringen Eltern in den Kursen mit ihrem Baby eine intensive Zeit zusammen, singen, spielen und kommunizieren mit­einander – und das ist immer gut", sagt Mechthild Kiegelmann. "Lassen sich Eltern ganz bewusst auf ihr Baby ein, stärkt das die Beziehung zu­einander. Ob sie das bei einem Kurs für Babyzeichensprache machen, beim Babyschwimmen, bei der Babymassage oder zu Hause, spielt keine Rolle."


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