Wozu dient die Trotzphase bei Kindern?

Wenn Kinder trotzig werden, strapaziert das die Nerven der Eltern ganz schön. Was die Kleinen in dieser Phase lernen
von Julia Jung und Marian Schäfer, aktualisiert am 30.03.2017

"Ich will aber noch nicht ins Bett!"– In der Trotzphase können Kinder bockig sein

Fotolia/pressmaster/2010

Als die U-Bahn in der dunklen Röhre stoppt und der Fahrer eine Durchsage macht, be­ginnt die Verwandlung. Gerade strahlte Merle­ noch aus ihrem Buggy heraus und flirtete mit anderen Fahrgästen. Jetzt drückt sie ihren Rücken durch, verzieht die Mundwinkel und fängt an zu ­schreien.

Tränen kullern, auf ihrer Stirn bilden sich rote Flecken – Zeichen höchster Emotionalität. Sie regt sich auf, weil sie wohl ihren Plan in Gefahr sieht: aus dem Buggy steigen, die Roll­treppe hoch und ab zum Bäcker. Merle ist 20 Monate alt und mitten in der Trotzphase. Sie brüllt, wenn wir ihr beim Wickeln Kai, den Hai, an die Seite legen, obwohl sie mit dem Plüsch-Ei kuscheln will. Und tobt, wenn ihr Dickkopf nicht durch den Ärmel des Bodys passt.

Sabina Pauen ist Professorin für Entwicklungs- und Biopsychologie an der Universität Heidelberg

W&B/Privat

Trotzphase ist Abnabelungsprozess

Eltern spüren in diesen Momenten, was Sabina Pauen als ­"Prozess der Selbstwirksamkeit" bezeichnet. Er setzt automatisch ein und hilft den Kleinen, zu Menschen mit eigenem Willen und eigenen Zielen zu werden. "Selbstwirksamkeit entsteht in der Auseinandersetzung mit den Bezugspersonen", erklärt Pauen, Professorin für Entwicklungs- und Bio­­psychologie in Heidel­berg.

Eltern sehen sich dann plötzlich mit Kindern konfrontiert, die wüten, weil sie ihre Socken ­allein anziehen wollen, und einem durch die Finger flutschen wie Fische, weil sie lieber spielen als essen wollen. Viele Experten sprechen auch von Auto­nomie- statt von Trotz­phase, weil es um ­einen Ab­nabelungsprozess geht. Er ist für das Kind wichtig – und beginnt lange vor dem ersten Wutanfall.

Gründe fürs Schreien werden komplexer

"Wenn Kinder in den ersten Wochen schreien, verfolgen sie kein klares Ziel. Sie tun es aus einem einfachen Bedürfnis heraus, zum Beispiel, weil sie hungrig sind", sagt Sabina Pauen. Mit der Zeit ­reife ihr Gehirn. Sie nähmen immer bewusster wahr, dass ihr Verhalten direkte Reaktionen in der Umwelt hervorruft: Ich mache etwas – und es ­passiert ­etwas. Ich schreie – und kriege die Brust. Mit etwa vier Monaten sind die meis­ten Kinder fähig, sich an einfache Zusammenhänge zu erinnern.

Ihre Wünsche können sie allmählich gezielter umsetzen. Und sie entwickeln sich sprachlich und motorisch weiter. "Mit etwa eineinhalb Jahren wissen Kinder sehr gut, was sie können. Sie haben gemerkt, dass sie selbst und an­dere aufgrund von Absichten handeln, und können Pläne schmieden", sagt Sabine Frevert vom Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung.

Sabine Frevert ist Diplom-Psychologin und arbeitet am Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung e.V., Standort Gütersloh

W&B/Privat

Eltern können Trotzphase beeinflussen

In dieser Zeit erkennen sich die meis­ten Kinder auch im Spiegel – und die ersten Trotzanfälle beginnen. Die Kleinen wissen zwar, dass Menschen Absichten verfolgen, aber sie realisieren noch nicht, dass ­diese nicht immer mit ihren eige­nen übereinstimmen. "So weit sind sie erst mit etwa zweieinhalb bis drei Jahren", so Frevert. Vorher mangelt es ihnen an Analyse­­fähigkeit und Selbstbeherrschung. Sie können ­ihre Wut nicht hemmen, wenn Mama oder Papa einen ihrer Meinung nach ­genialen Plan durchkreuzt, der sie etwa über einen Stuhl zu den Süßigkeiten im Regal führen würde.

Zudem haben sie als Babys gelernt: Wenn sie ­schreien, ­werden ­ihre Bedürfnisse erfüllt. Was auch gut ist. Aber mit zunehmendem ­Alter müssen sie an­dere Strategien finden. Viele tun sich damit schwer. "Weinen sie dann aus Frust und Wut, reagieren Eltern darauf oft negativ. Dadurch schaukelt sich die ­Situation hoch, und am Ende gibt es ­einen Trotzanfall", sagt ­Pauen. Sie untersucht ­zurzeit, wie der Umgang der Eltern mit dem trotzenden Kind auf die Entwicklung seiner Selbstkontrolle und Analyse­fähigkeit wirkt. ­Pauen ist sich ­sicher, dass die Reaktionen der Umwelt ­eine wichtige Rolle spielen. Sie ­können ein Grund dafür sein, dass Kinder sehr unterschiedlich trotzen: Während ­manche Eltern schier verzweifeln, sorgen sich andere über scheinbar ausbleibenden Trotz.

Trotzen hört meist im Kindergartenalter auf

Beide Expertinnen sind sich ­einig, dass ein Bündel von Faktoren das Ausmaß der Trotz­phase bestimmt: das Umfeld der Kinder, ihr Tempe­rament, ihre sprachlichen und motorischen Fähigkeiten und ­ihre Selbstwirksamkeit.

Sie wirken sehr individuell: "Sprachlich fitte Kinder trotzen nicht zwingend weniger als Kinder, die sprachlich noch nicht so fit sind", nennt Frevert als Beispiel. Im Kindergartenalter hört bei den meisten Kleinen der Trotz langsam auf. Sie lernen, sich zu verständigen, auch mal zurückzustecken.


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