Wie sich bei Kindern das Sehen entwickelt

Das Sehvermögen von Babys entwickelt sich nach der Geburt schnell. Welche Sehfehler es gibt und worauf Eltern achten sollten
von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 19.04.2017

Säuglinge sehen nach der Geburt noch zielmlich verschwommen

W&B/Fotolia

Den totalen Durchblick? ­Haben Neugeborene eindeutig noch nicht. Sie müssen sich fürs Erste mit schemenhaften Eindrücken zufriedengeben. Dabei gilt der Sehsinn als wichtigste menschliche Wahrnehmungs­quelle, bis zu 80 Prozent aller Informationen aus der Außenwelt gelangen so ins Gehirn.

Kein Wunder also, dass sich die Sehleistung innerhalb der ­ers­ten Lebensjahre von minimal bis glasklar steigert, wenn ­alles nach Plan läuft. "­Neugeborene verfügen nur über ein geschätztes Sehvermögen von etwa einem Prozent der Normsichtigkeit", sagt Professor Klaus Rüther, ­Facharzt für Augen­heilkunde aus Berlin. Bis zum Schul­alter erreicht die Sehleistung bei gesunden Kindern den Normwert von 100 Prozent.

Prof. Dr. med. Klaus Rüther ist Facharzt für Augenheilkunde in Berlin

W&B/Privat

Was das Baby sehen kann

Säuglinge sind nicht sofort mit Adleraugen ausgestattet, die alles bis ins Detail erkennen. Ihr Sehsinn reift nach und nach, paral­lel zur Hirnentwicklung. Die optischen Signale müssen in der entsprechenden Hirnregion richtig entschlüsselt werden, damit sie den Kleinen verständliche Informationen über ihre Umgebung liefern.

Der erste Meilenstein ist das Fixieren von Objekten und Gesichtern, was Eltern am ersten echten Blickkontakt ablesen können. "Zwischen dem zweiten und dritten Lebensmonat schauen Säuglinge normalerweise ihr Gegenüber direkt an und beginnen, den Blick einige Zeit lang zu halten", so Klaus Rüther.

Generell gilt für die kleinen Seh-Lehrlinge: Je simpler der ­visu­elle Input, desto spannender. "Auf starke Kontraste und einfache Formen, am besten in kräftigem Rot oder Blau, reagieren sie anfangs am stärksten", weiß Kinder- und Jugendarzt Martin Lang aus Augs­burg. Kleine, feine Farbabstufungen – damit können Säuglinge noch nichts anfangen. Hektische Fernsehbilder bieten Babys keinerlei Lerneffekt, sie fühlen sich höchs­tens gestresst von der Masse der Eindrücke.

Wie sich der Sehsinn entwickelt

"Scharf stellen" ist eine Lek­tion für sich, die das ­Auge von Kindern vor allem in den ersten beiden Lebens­jahren perfektioniert. Denn um nahe oder entfernte ­Objekte abwechselnd klar sehen zu können, muss sich die Augen­linse durch Muskelbewegungen dyna­misch anpassen. Die wohl anspruchsvollste Leistung, die ­Augen und Gehirn in Koproduktion erbringen, nennt sich Stereosehen.

Dabei verschmelzen die Sinneseindrücke beider ­Augen im zuständigen Hirnareal zu einem einzigen drei­dimensionalen Bild. Mit einem speziell entwickelten Computertest für Neugeborene fanden ungarische Forscher heraus, dass ­diese Fähigkeit nach durchschnittlich vier Monaten nachzuweisen ist. Erst dann sind Babys in der Lage, gezielt nach Dingen zu greifen und Entfernungen besser abzuschätzen.

Dr. med. Martin Lang ist Kinder- und Jugendarzt in Augsburg

W&B/Privat

Sehfehler erkennen

Zum Glück läuft die Reifung dieses so komplexen Systems in den meis­ten Fällen problemlos ab. Trotzdem sollten Eltern wachsam sein. "Die ersten drei Jahre gelten als besonders sensible Phase bei der Entwicklung des Sehsinns", erklärt Kinder- und Jugendarzt Lang.

"Kommt es in dieser Zeit zu Entwicklungsstörungen, können ungenaue Signale im Gehirn ankommen und Sehfehler die Folge sein." So könnte beispiels­weise schon ein einziger Tag, an dem ein Säugling die ­Augen komplett geschlossen hält, die Nerven­zellen schädigen. "Achten Sie immer darauf, dass das Kind in wachem Zustand die ­­Augen für kurze Zeit öffnet", erklärt Martin Lang.

Krankheitsbilder bei Säuglingen

Bereits bei den kinderärztlichen Untersuchungen in den ers­ten Lebenstagen und -wochen können mögliche organische Schäden oder Entwicklungsverzögerungen frühzeitig erkannt werden. "Dabei beleuchtet man die Augen, erkennt den Reflex des Augenhintergrunds und prüft auch das Aussehen von Hornhaut und Linse. Ebenso werden die Pupillenreflexe und die Augenbewegungen getes­tet", sagt Klaus Rüther.

Problematisch wären etwa Eintrübungen der ­Linse, Augenzittern, fehlende Pupillenreaktionen oder auch stark herabhängende Augenlider. In seltenen Fällen treten schon bei Säuglingen ernste Krankheitsbilder auf, zum Beispiel grauer oder grüner Star, Netzhauttumore oder auch schwere Infektionen der Hornhaut. Falls auf einem mit Blitz aufgenommenen Foto eine Pupille Ihres Kindes rot, die andere aber schwarz oder weiß erscheint, kann das ein Alarm­­signal sein. Gleich vom Facharzt abklären lassen!

Silberblick oder Schielen behandeln lassen

Weitaus häufiger treten bei den Kleinen Sehfehler wie Schielen, Kurz- und Weitsichtigkeit auf. "Bis zum dritten Monat muss Sie ein Schielen Ihres Babys noch nicht beunruhigen, danach würde ich das Schielen, falls es nicht nur kurz auftritt, untersuchen lassen", lautet der Rat von Klaus Rüther. Tun Sie auch einen leichten Silberblick nicht als niedliche Eigen­heit ab. Denn bis zum Schulalter ist das visuelle System noch besonders lernfähig und kann eventuelle Fehler mit ein wenig Nachhilfe oft selbst korrigieren.

"Wird das stärkere Auge in dieser Phase in einem bestimmten Rhythmus mit einem Pflaster abgeklebt, kann das schwächere nachreifen", sagt Martin Lang. Unbehandelt entsteht aus dem Schielen häufig eine Schwachsichtigkeit, da das Gehirn die fehlerhafte optische Information unterdrückt und das schielende Auge das Sehen so langfristig "verlernt". Weitere mögliche Therapien sind das An­passen ­einer Brille oder bei starkem Schielen ­eine Operation der Augenmuskeln.

Kurz- oder Weitsichtigkeit bei Kindern erkennen

Kurz- oder Weitsichtigkeit erkennen Eltern nicht so leicht, besonders wenn zwischen beiden ­Augen Unterschiede bestehen. Hat ein Auge eine Fehlstellung, halten manche Kinder den Kopf ständig schief oder sie stoßen sich und stolpern oft. Teilweise halten kurzsichtige Kleine auch Spielsachen oder Bücher auffallend dicht vor die ­Augen. Leider funktioniert bei den ganz Kleinen noch kein üblicher Sehtest. "Bei Babys misst man die Sehstärke mit Kontrasten, das heißt, mit unterschiedlich breiten Streifenmustern", so der Augen­facharzt.

Außerdem ist bereits ab dem Säuglingsalter eine augen­­ärztliche Untersuchung möglich, mit der Sehfehler wie Kurz- und Weitsichtigkeit und Hornhautverkrümmung nachgewiesen werden können. In bestimmten Fällen, ­etwa bei familiärer Belastung, wäre ein Screening, zum Beispiel ab ­Ende des ersten Lebensjahres, sinnvoll. Die Kosten werden meist nicht von der Krankenkasse übernommen.

Ist ein Kind weitsichtig, liegen also die Werte für eine ­Brille im Plusbereich, gibt sich das oft von ­allein, da der Aug­apfel ­weiter wächst und sich die Brechungsverhältnisse ändern. Nur bei hohen Werten ist eine Brille notwendig. Sowohl bei Weit- als auch bei Kurzsichtigkeit können Kinder schon ab sechs Monaten eine Brille be­kommen.

Zum Kinder- oder zum Augenarzt?

Die kinderärztlichen Untersuchungen geben oft den ersten Anstoß für ­einen Besuch beim Augenfacharzt. "Schon bei geringen Auffälligkeiten überweise ich zum Augenarzt, da dort eine genauere Diagnose und die ­eigentliche Therapie erfolgen", erklärt Martin Lang.

Vor allem bei Frühgeborenen und Kindern mit erblicher Vorbe­lastung – Eltern oder Geschwister sind Brillenträger, hatten Probleme mit Schielen, Hornhautverkrümmung oder anderen Augenerkrankungen – empfehlen Experten schon im ersten Lebensjahr einen augenärztlichen Check.



Das neue Baby und Familie

BuF Heft Cover plan November 2017

Neuer Look, mehr Lesespaß, mehr Infos »

Das Gesundheitsmagazin aus der Apotheke begleitet Schwangere und junge Eltern durch die wohl schönste und aufregendste Zeit ihres Lebens. Inklusive Kreativheft für Kinder! »

Lesen Sie auch:

Kind beim Sehtest

Kann mein Kind richtig sehen? »

Sehfehler bei Kindern bleiben oft lange unentdeckt. Zwei Ärzte erklären, wie sie herausfinden, ob mit den Augen ihrer kleinen Patienten alles in Ordnung ist. Und wie sie bei Bedarf behandeln  »

Mutter mit Kleinkind auf dem Schoß am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

Können Sie sich vorstellen, Ihre Eizellen einfrieren zu lassen?

Wie lange hat Ihre letzte Geburt gedauert?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages