Wie sich bei Kindern das Sehen entwickelt

Kinder kommen mit zwei Augen auf die Welt, aber das Sehen müssen sie erst lernen. Über die faszinierende Entwicklung der Sehkraft und was Eltern in dieser Phase nicht versäumen dürfen

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 27.08.2018
Lächelndes Baby

Säuglinge sehen nach der Geburt noch ziemlich verschwommen


Am Anfang ist alles eine einfarbige Masse mit dunkleren und helleren Flächen. Unsere bunte Welt mit dem blauen Himmel, den grünen Bäumen und den roten Blumen sieht ein Neugeborenes so nicht. "Aber das ändert sich rasant im ersten Jahr", sagt Dr. Wolfgang Wesemann. Der Medizinphysiker aus Köln forschte in den USA zur Seh-Entwicklung von Kindern. Bereits im Mutterleib, etwa ab dem siebten Monat, öffnen Kinder ihre Augen.

Dennoch müssen diese nach der Geburt noch weiter reifen. Das geringe Sehvermögen eines Neugeborenen liegt vor allem an der Unreife der Augenlinse, der Netzhaut sowie des Gehirns. "Die Nervenzellen für den Sehvorgang sind zwar vorhanden, aber sie müssen sich noch vernetzen", erklärt Wesemann. Damit Kinder sehen lernen, sei vor allem eines wichtig: "Dass sie das Sehen jeden Tag üben", so der Experte.

Erst mit ungefähr sechs Jahren können Kinder zu 100 Prozent sehen

Was das Baby sehen kann

Bieten Eltern ihrem Baby viele Sehreize, dann fördert dies die Verdrahtung der Nerven, und das Sehen wird immer besser. Bei der Geburt sind auch die Fotorezeptoren der Augen unreif. Sie sorgen für das Farbensehen. Deshalb bevorzugen Babys kräftige Farben – und auch die können sie anfangs nur schwach erkennen. "Die Fähigkeit, Pastellfarben zu sehen und etwa Gelb und Weiß voneinander zu unterscheiden, ist oft erst im Kindergartenalter vorhanden", sagt Wesemann. Eltern fördern die Seh-Entwicklung ihres Kindes, wenn sie ihrem Baby Gegenstände, Spielzeug und Mobiles mit kräftigen Farben und starken Kontrasten zeigen und betrachten lassen, da die Kleinen darauf am besten reagieren können.

Wie Sie die Entwicklung fördern können

Die Entwicklung des Sehens bedingt wichtige Meilensteine wie das erste Lächeln oder das erste Greifen. Erst wenn ein Baby Kontraste unterscheiden und seine Augen scharf stellen kann, kann es auch seine Eltern bewusst anlächeln oder versuchen, nach einem Baustein zu greifen. Die Entwicklung der Hand-Auge-Koordination geht eng mit dem räumlichen Sehen einher. Dies können Eltern fördern, indem sie ihren Kleinen bunte Bausteine oder Spielzeuge zum Erkunden und Greifen geben. "Gut ist auch eine Vielzahl an visuellen Reizen in unterschiedlicher Entfernung, also dass man auf Dinge zeigt, die nah und fern sind", empfiehlt Stefan Lahme, Optometrist aus Neuburg. "Für die Augen von Kindern ist es wichtig, dass sie viel Tageslicht sehen können." Regelmäßige Spaziergänge mit dem Baby unterstützen also auch die Seh-Entwicklung.

Ab wann der Sehsinn ausgebildet ist

"Immer wieder liest man, dass Kinder mit einem Jahr die volle Sehschärfe haben", sagt Wesemann. "Aber das stimmt so nicht." Die Angabe rühre daher, dass Forscher verschiedene Methoden zur Bestimmung der Sehfähigkeit von Kindern anwenden. Bei einer Methode werden ihnen Elektroden an den Kopf geklebt. "Wenn ein Kind mit zwölf Monaten etwas beobachtet, kann man starke Reaktionen der Nervenzellen messen. Der Schluss, dass das Kind seine Umwelt vollständig sieht, stimmt aber nicht, weil es die gesehenen Informationen noch nicht bewusst verarbeiten kann", erklärt Wesemann.

Dazu kommt: Andere Fähigkeiten wie das räumliche Sehen, das Farben- und Kontrastsehen müssen sich in den ersten Lebensjahren ebenfalls noch weiter entwickeln. "Die volle Sehschärfe ist erst zwischen sechs und 14 Jahren vorhanden, das Kontrast­sehen ab circa neun Jahren vollständig ausgebildet", sagt Wesemann.

Fehlsichtigkeit zu Beginn normal

Wenn mit den Augen etwas nicht stimmt, fehlen wichtige Reize für das Sehenlernen. Eine Fehlsichtigkeit kann die gesamte Entwicklung des Kindes verzögern. In gewissem Maße ist sie zu Beginn aber normal. "Bei der Geburt haben fast alle Kinder eine Weitsichtigkeit von etwa 2,5 Dioptrien, weil ihr Aug­apfel zu kurz ist", erklärt Stefan Lahme. "Bis zur Einschulung legt sich diese aber meist von alleine." Viele Säuglinge schielen auch leicht mit einem oder zwei Augen, denn die Muskeln der beiden Augen arbeiten noch nicht perfekt zusammen.

Sehfehler frühzeitig behandeln lassen

Echte Sehfehler sollten früh behandelt werden. Etwa eine Hornhautverkrümmung, bei der die Hornhaut ungleich gewölbt ist, was das Sehbild verzerrt. Gleiches gilt bei starker Weitsichtigkeit oder wenn beide Augen eine sehr unterschiedliche Sehstärke aufweisen. Dies kann die Ursache für ein Schielen sein.

"Häufig fällt eine einseitige Seh­schwäche gar nicht auf. Nach außen hin kommen diese Kinder gut klar. Oft haben sie Vermeidungsstrategien entwickelt und meiden für sie anstrengende Tätigkeiten wie Malen oder Schneiden", sagt Lahme. "Aber für die Seh-Entwicklung ist das problematisch, weil das Gehirn das gut sehende Auge bevorzugt und das sehschwache immer weiter unterdrückt." Ohne Behandlung sei dann räumliches Sehen später nicht möglich. "Das räumliche Sehen ist jedoch mindestens so wichtig für die vi­suelle Wahrnehmung wie die Sehschärfe", sagt der Optometrist. 

Was das Auge bis zum sechsten Jahr nicht gelernt habe, könne es kaum nachholen, so Lahme. Fehlsichtigkeiten bleiben oft lebenslang. "Umgekehrt kann man eine Seh­schwäche gut behandeln, wenn das Kind früh eine Brille bekommt oder ein Auge abgeklebt wird, damit das andere nachreift", sagt Lahme. Beide Experten raten Eltern, nicht nur bei Auffälligkeiten, sondern spätestens mit drei Jahren die Augen ihres Kindes kontrollieren zu lassen.

Wann zum Augenarzt?

  • Mit sechs bis zwölf Monaten bei starker Fehlsichtigkeit der Eltern oder Geschwister (Kurz-/Weitsichtigkeit von mehr als vier Dioptrien, Hornhautverkrümmung) oder erhöhtem Risiko, z. B. bei Frühgeburten
  • Immer bei Auffälligkeiten wie starkem Schielen, Augenzittern, zwanghaftem Schiefhalten des Kopfes, sehr starkem Tränenfluss, häufigem Augenreiben, Lichtscheue, weißen Pupillen auf Blitzlichtfotos
  • Mit Kindergartenkindern bei Kon­zentrationsproblemen, Schneide- und Malabneigung, Kopfschmerzen, häufigem Stolpern

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