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Wie entwickeln Kinder Resilienz?

Resilienz ist die Kraft, stark durchs Leben zu ­gehen und sich auch von Schwierigkeiten nicht entmutigen zu lassen. Das Rezept lautet: Liebe, Wärme – und weniger Watte

von Andrea Schmidt-Forth, aktualisiert am 27.06.2019
Großvater und Enkel

Liebe, Wärme weniger Watte – das sind die Grundzutaten für mehr Resilienz bei unseren Kindern


Manche Menschen scheinen in Krisen über sich hinauszuwachsen. Statt zu hadern, stellen sie sich der Herausforderung und finden eine gute Lösung für sich. Was diesen "Stehaufmännchen" hilft, ihr Leben zu meistern, untersucht seit mehr als 60 Jahren die Resilienzforschung. Der Begriff Resilienz beschreibt in der Psychologie die see­lische Widerstandskraft eines Menschen. Doch eigentlich stammt die Bezeichnung aus der Werkstofflehre, gemeint ist damit die Eigenschaft elastischen Materials, dass es auch unter starker Spannung nicht zerreißt oder bricht.

Resilienz kann gelernt werden

Durch die Forschung weiß man, dass resiliente Menschen unter Stress weniger Stresshormone ausschütten und diese schneller abbauen. "Trotz einer gewissen genetischen Komponente gilt die Resilienz als nicht angeboren, sondern erlernbar", sagt der Bindungsexperte Prof. Dr. Karl Heinz Brisch, der an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg das Institut für Early Life Care leitet. "Die innere Stärke entwickelt sich vor allem im Zusammenspiel zwischen dem Kind und seinen engen erwachsenen Bezugspersonen." Das Fundament sei die Bindung eines Babys zu seinen Eltern – und jenen Menschen, zu denen es in seinen ersten zwei Lebensjahren regelmäßigen und engen Kontakt hat. Je nachdem, welche Lebenserfahrungen ein Kind macht, bildet sich seine seelische Widerstandskraft schwächer oder stärker aus. Früher sprach man auch von Urvertrauen.

Wie man Gefühle reguliert

Bindung gelingt, wenn Eltern ihrem Baby von Anfang an mit viel Wärme und Liebe begegnen, sich auf seine Bedürfnisse einlassen und seine Signale verstehen lernen. Eltern machen das meist intuitiv richtig, indem sie mit ihrem Baby kuscheln und mit ihm plaudern. Es trösten, wenn es weint, oder in Ruhe lassen, wenn es müde ist. Dann spürt das Kleine: Mama und Papa sind da, wenn ich sie brauche. So bildet es Vertrauen, lernt peu à peu, seine Gefühle zu regulieren, sich also selbst zu beruhigen. "Die emotionale Sicherheit, die ein Kind von Anfang an erfährt, kann man sich vorstellen wie einen wärmenden Mantel, der schützt, wenn es mal stürmt oder schneit", erklärt Brisch.

Unterschiedliche Einflüsse

Obwohl die Fähigkeit, ein Kind zu "lesen", wie Forscher sagen, Eltern von Natur aus mitgegeben wird, beherrschen sie nicht alle Mütter und Väter gleich gut. Unterschiedliche Einflüsse, etwa ein verunsicherndes Umfeld, schlechte Erfahrungen aus der eigenen Kindheit, aber auch eine stressgeprägte Schwangerschaft oder eine schwierige Geburt können die Feinfühligkeit stören. Hier kann ein Kurs in der SAFE-Methode, die Brisch entwickelt hat, hilfreich sein (Adressen www.safe-programm.de). Dabei erfahren Eltern auch, dass es nicht schlimm ist, wenn sie hin und wieder Fehler machen. Nicht jede einzelne Reaktion zählt, sondern es kommt auf die gesamte Atmosphäre in der Beziehung zum Kind an. "Resilienz kann auch später noch erlernt werden", so Brisch. Andere stabile Bezugspersonen wie eine Erzieherin in der Kita, Großeltern, eine Tante, ein Trainer im Sportverein etwa, jeder auf seine Art, können ausgleichend wirken.

Mehr Strategien gegen Stress

Charakteristisch für resiliente Kinder ist: Sie haben mehr Strategien als andere zur Verfügung, mit Stresssituationen zurechtzukommen. Sie sind flexibler, haben in der Not einen Plan B sowie Unterstützung durch Freunde. Voraussetzung dafür sind ein gut entwickeltes Selbstvertrauen sowie die Fähigkeit, Gefühle regulieren zu können.

Um ein Kind darin zu stärken, begegnen Eltern ihm wertschätzend, authentisch und immer verlässlich. "Also nicht einmal freundlich und beim nächsten Mal desinteressiert oder abweisend", sagt Christian Bethke vom Berliner Institut für Frühpädagogik und schildert ein Beispiel. "Hat sich ein Kind wehgetan, braucht es Trost. Nimmt Mama oder Papa das Kleine nun einmal tröstend in den Arm, wiegelt aber beim nächsten Mal ab, vielleicht noch mit den Worten: ‚Denk bloß nicht, ich nehm dich dauernd auf den Arm‘, wäre das herabsetzend und destruktiv. Das Kind bleibt verunsichert zurück", so der Pädagoge.

Empathie hilft in Krisensituationen

Auf eine verlässlich wiederkehrende Reaktion, im eben genannten Beispiel Anteilnahme, kommt es unter anderem deshalb an, weil Kinder erst im Lauf der Zeit und mithilfe enger Bezugspersonen lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, sie zu benennen und adäquat damit umzugehen. Etwa nicht den Teller vom Tisch zu schubsen, weil ihm das Essen nicht schmeckt, oder den Spielkameraden nicht zu hauen, weil er ihm ein Spielzeug wegnimmt. Kinder, die bei ihren Eltern lernen, dass sie geliebt und dass ihre wie die Gefühle anderer geachtet werden, lernen zudem Empathie. "Wer mit dem Verständnis für die Bedürfnisse anderer ausgestattet ist, wird keine Probleme haben, Freunde zu finden und Hilfe bei anderen zu suchen, was in Krisensituationen notwendig sein kann", so Bethke.

Möglichkeiten sich auszuprobieren

Um schwierige Situationen lösen zu können, muss ein Kind auch erfahren haben, dass es selbst etwas bewirken kann. Manche Eltern erschweren diesen Entwicklungsschritt – oft ungewollt –, weil sie für ihr Kind nur das Allerbeste wollen und ihm jede Schwierigkeit aus dem Weg räumen. "Ein Kind, das immer in Watte gepackt wird, macht kaum die Erfahrung, wie man allein eine Situation löst. Sei es im Streit um ein Spielzeug mit Geschwistern oder beim Anziehen oder Basteln. Wer will, dass sein Kind stark wird, gibt ihm die Möglichkeit, sich auszuprobieren und sich selbst mal aus der Patsche zu helfen", sagt Bethke. Gut für das Selbstbewusstsein ist auch, wenn ein Kind Verantwortung übernehmen darf, zum Beispiel für jüngere Kinder im Kindergarten.

Das Wichtigste bei allem aber ist, dass Eltern selbst ein verlässliches Umfeld und Zutrauen in die Zukunft haben. Christian Bethke sagt: "Aus der Forschung wissen wir, wenn Eltern klare Erziehungsvorstellungen und Werte in der Familie haben, bildet das eine sehr gute Basis für die Entwicklung seelischer Widerstandskraft."


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