Wie eine Analphabetin für ihr Kind lesen lernte

Mehr als sieben Millionen funktionale Analphabeten gibt es in Deutschland. Peggy G. war eine davon. Für ihre Tochter drückte sie noch mal die Schulbank
von Peggy Elfmann, 27.07.2015

Nach außen spielte Peggy G. immer die Coole, die Hübsche, die Selbstbewusste mit der Berliner Schnauze. Sie baute sich ein Gerüst aus Lügen, Tricks und Ausreden. Erst als ihre Tochter zehn Jahre alt war, beschloss die damals 29-Jährige, dass es so nicht mehr weitergeht und sie endlich lesen und schreiben lernen ­möchte. "Ich habe mich immer so geschämt und dumm gefühlt, weil ich ­dachte, ich bin die Einzige, die das nicht kann", erzählt Peggy G.

Millionen Analphabeten in Deutschland

Aber die Berlinerin ist nicht ­allein. 7,5 Millionen funktionale Analpha­beten leben in Deutschland, so die "Leo-Studie" der Universität Hamburg. Dabei ist das ­Niveau unter­schiedlich: Manche können nur einzelne Buchstaben erkennen, andere einfache Sätze schreiben und lesen. "Allen ist gemeinsam, dass sie einen kurzen Text nicht verstehen – und an der Gesellschaft nicht gleichberechtigt teilnehmen können", erklärt Dr. Theresa Hamilton, Mitarbeiterin des Grund-Bildungs-Zentrums Berlin. Wer Probleme in Mathematik ­habe, könne das zugeben, ohne ­negative Reaktionen zu erwarten. "Aber zu sagen ‚Ich kann nicht schreiben und lesen‘ ist ein Tabu, und die Betroffenen werden vorverurteilt", sagt Hamilton. Deshalb tun sie alles, um ihre ­Defizite zu verstecken.

Betroffene entwickeln Tricks

Auch Peggy G. mogelte sich durch. Dabei begannen ihre Lese- und Schreibprobleme früh. In den ers­ten Schuljahren war sie oft krank und verpasste viel. "Es gab keine Freunde oder Lehrer, die mir Nachhilfe gaben", erzählt sie. Und ­ihre Mutter sei mit den insgesamt sieben Kindern beschäftigt gewesen. Weil die kleine Peggy auf keinen Fall auffallen wollte, eignete sie sich Tricks an. Ihre Haare ließ sie lang wachsen, um unauffällig abzuschreiben. Musste sie etwas vorlesen, lernte sie es vorher auswendig. Ihre Hefte waren die ordentlichsten. "Ich habe mir immer besonders viel Mühe gegeben", sagt sie. Dass sie die Sätze, die sie Buchstabe für Buchstabe in ihr Heft malte, nicht verstand, fiel lange keinem auf.

Lehrer bemerken häufig nichts

Da sitzt ein Mädchen jeden Tag in der Klasse, und keiner merkt, dass es nicht lesen kann? "Ja, das kommt vor", sagt Theresa Hamilton. "Die Betroffenen entwickeln erstaunliche Kompensationsstrate­gien." Sie lernen alles auswendig oder haben Freunde, die für sie das Schriftliche übernehmen. Häufig beginnen die Lese- und Schreibprobleme zu Beginn der Schulzeit, wenn die Grundlagen für die ­Schriftsprache gelegt werden. "Wenn in dieser Zeit etwas passiert, das das Kind vom Lernen abhält, wie ­eine lange Krankheit, dann verpasst es den Anschluss", erklärt Hamilton. Hinzu komme oft eine ­mangelnde Unterstützung durch die Eltern. Wenn sie nie vorlesen und es zu Hause keine Bücher gibt, seien das schlechte Voraussetzungen. Häufig entwickeln die Kinder ein geringes Selbstbewusstsein und trauen sich selbst das Lernen nicht mehr zu.

Analphabeten zweifeln oft an sich selbst

Als Peggy G. klein war, spielten Bücher keine Rolle in ihrem Leben. Die Schule machte ihr keinen Spaß. Ihre Mutter schrieb sie manchmal krank, um sie zu schonen. Statt Verpasstes nachzuholen, kümmerte sie sich um die jüngeren Geschwister. In der vierten ­Klasse fiel Peggy das erste Mal wegen ­­ihrer schlechten Schriftkenntnisse auf – und blieb sitzen. "Du bist zu doof", sagten ihre Mitschüler, und sie zweifelte an sich. "Ich dachte, ich bin wirklich zu dumm", sagt die 31-Jährige heute. Sie zog sich zurück, ­schwänzte den Unterricht, wenn Arbeiten anstanden, und brillierte mit mündlichen Noten. So schaffte sie den Abschluss und ihre Ausbildung zur Hauswirtschaftshelferin.

Viele Betroffene mit Schulabschluss

Die Mehrheit der funktionalen Analphabeten ist berufstätig und hat Familie. Studien zeigen, dass mehr als 80 Prozent einen Schulabschluss haben – und revidieren damit Vorurteile. "Funktionale Analphabeten sind nicht dumm, sie wurden nur nie gefördert", sagt Goschka Grynia-Gallwitz. Die Pädagogin führt an der Volkshochschule Göttingen Alphabetisierungs-Kurse für Arbeitnehmer durch und weiß daher: "Fachlich sind die Betroffenen ausgezeichnet, sie werden sehr geschätzt." Fast immer gibt es Mitwisser, die ­etwa Schreibarbeiten abnehmen. Das Grundproblem aber bleibt. Nach außen wirken funk­tionale Analphabeten integriert. Tatsächlich leben sie einsam und in ständiger Scham und Angst, entdeckt zu werden. "Dieser Stress geht mit gesundheitlichen und psychischen Problemen einher", sagt ­­Theresa Hamilton. Und der Schritt, sich zu offenbaren, werde immer schwerer.

Ständiges Verstecken führt zu Angst und Stress

Lange Zeit wusste nur Peggy G.s Mutter, dass sie Probleme beim ­Lesen und Schreiben ­hatte. Sie ­begleitete Peggy zu Ämtern und Ärzten, füllte Anträge für sie aus, las ihr ­Elternbriefe vor und machte per Skype Hausaufgaben mit ihrer Tochter Lea. Ihrem ­neuen Freund erzählte Peggy anfangs, dass sie ­­seine Stimme so gern höre und deshalb lieber telefoniere, als SMS zu schreiben. Gingen sie in ein Res­taurant, tippte sie einfach auf irgend­etwas auf der Karte. Jede U-Bahn-Fahrt war eine Herausforderung. Ihren Stadtteil Lichtenberg verließ sie nie allein. "Ich hatte immer Angst, nicht nach Hause zurückzufinden", erzählt Peggy. Die Wende kam, als ihre Tochter Lea in der vierten Klasse in Deutsch nicht mehr mitkam. "Für mich war es ganz schlimm, dass ich ihr nicht helfen konnte", sagt die Mutter.

Die Hürde, sich Hilfe zu holen, ist bei den meisten Betroffenen hoch. Aber die Überwindung lohnt sich, versichert Hamilton: "Es ist nie zu spät, lesen und schreiben zu lernen." Für viele sei es ein Schritt in die Selbstständigkeit und zu mehr Selbstbewusstsein. "Die Chancen­ auf dem Arbeitsmarkt steigen, da sie qualifiziertere Tätigkeiten aus­üben können", sagt Grynia-­Gallwitz. ­Gehen ­Eltern ihr Problem an, profitiert der Nachwuchs ebenso. Das Fehlen ­­elterlicher Schriftkenntnisse wird ­hierzulande oft an die Kinder weitergegeben.

Überwindung zum Kurs zahlt sich aus

Vor fast drei Jahren machte Peggy ihren ersten Kurs. Jeden Tag ging sie zu dem Verein "Lesen und Schreiben" und übte. Es war "das Beste, was mir passieren konnte", sagt sie. Heute kann sie einfache Bücher lesen und die Hausaufgaben ihrer Tochter kontrollieren. ­Lange stockte sie ihr Arbeitslosengeld mit Putzen auf, jetzt denkt sie an ­eine Umschulung zur Kosmetikerin. "Ich bin kein anderer Mensch ­geworden, aber ich habe mehr Selbstbewusstsein bekommen." Der Satz stammt aus dem Text, den Peggy für einen Wettbewerb des Vereins verfasste. Bei der Online-Abstimmung gewann ihr Text. Viel wichtiger ist ihr, was sie ihrer Tochter gezeigt hat: "Man kann aus seinen Fehlern lernen und muss sich nicht verstecken." Für Lea hat sie Nachhilfe organisiert. Sie achtet darauf, dass die Tochter in Büchern schmökert. Und sie hat Mut gefasst für ein zweites Kind. Die kleine ­­Nora ist erst fünf Monate alt, aber Bücher gehören schon zu ihrem Alltag – weil ihre Mutter ihr aus Kinderbüchern vorliest.

Analphabetismus: Hier finden Betroffene Hilfe

  • Betroffene und Vertrauenspersonen können sich anonym und kostenlos an das ALFA-Telefon des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung wenden und sich bundesweit über Kurse informieren. Tel. 0800 /53 33 44 55
  • In Berlin ist das Grund-Bildungs-Zentrum Berlin (Tel. 0 30 /25 56 33 11) eine Anlaufstelle. Der Verein Lesen und Schreiben e.V. bietet eine Vielzahl an Kursen an (Tel. 0 30 /687 40 81).
  • Die Volkshochschulen sind der größte Anbieter von Schreib- und Lesekursen. Interessierte wenden sich an die Volkshochschule vor Ort oder nutzen die Online-Kurssuche (www.vhs.de*).
  • Der Deutsche Volkshochschulverband betreibt www.ich-will-lernen.de*.­ Dort können Interessierte kos­tenlos und anonym ihre Kenntnisse verbessern.

 

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