Wie Spielen das Sozialverhalten fördert

Teilen, Rücksicht nehmen und sich einigen – unsere Experten erklären, wie Kinder beim Spielen Sozialkompetenzen entwickeln

von Marian Schäfer, aktualisiert am 29.06.2018

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Manchmal gleichen Sandkasten und Kinder­zimmer Nahkampfarenen. Da ver­­teidigen Zweijährige ihr Eimerchen, als ginge es um ­einen Goldschatz. Vierjährige diskutieren tränenreich, wer nun die Mutter spielen darf. Und Sechsjährige bekommen einen Tobsuchtsanfall, wenn ihre­ Figuren im Mensch-ärgere-dich-nicht kurz vor dem Ziel aus dem Spiel gekegelt werden. Für Eltern ist das manchmal nervig und anstrengend, für die Kinder aber Teil einer wichtigen Entwicklung.

Spielen bildet die Persönlichkeit aus

Forscher schätzen, dass Kinder bis zum vollendeten sechsten Lebensjahr rund 15 000 Stunden spielen. Zumindest, wenn man sie lässt. "Und das sollte man: Wenn sie zu wenig Möglichkeiten zum Spielen bekommen, kann sie das in ihrer Entwicklung einschränken", meint die Diplom-Sozialpädagogin und Spielpädagogin Marietheres Waschk.

Was für Eltern oft Zeitvertreib ist, bedeutet für Kinder nämlich viel mehr: Im Spiel setzen sie sich mit ihrer Umwelt und sich selbst auseinander und entwickeln – in unterschiedlichen Phasen – motorische und kognitive Fähigkeiten. Sie bilden eine eigene Persönlichkeit und Sozialverhalten aus und lernen so auch zu teilen, sich zu ­einigen, Rücksicht zu nehmen und auch mal zu verlieren.

Anfangs: Selbstwahrnehmung üben

Am Anfang herrscht Frieden. Die Kleinsten klammern sich im Sandkasten noch nicht an ihre Schaufel, und ihr Förmchen verteidigen sie nur unbewusst, wenn sie sich mit ihrem Windel-Po aus Versehen draufsetzen. Und das nicht etwa, weil sie Naturtalente im Fair Play wären. "Die Kleinen haben noch ­eine beschränkte Wahrnehmung. Sie sind sehr stark selbstzentriert", sagt die Düssel­dorfer Heilpädagogin und Erzieherin ­Susanne Everding.

Am Anfang der Spielentwicklung stehe deshalb das sogenannte Funktionsspiel. Bis zum zweiten Lebensjahr trainierten die Kinder darüber vor allem ­ihre Selbstwahrnehmung – meist nebeneinander, nicht miteinander. Interessant finden sie nicht, wem der ­Eimer gehört, sondern ob sich seine Oberfläche glatt oder geriffelt anfühlt, wie er schmeckt und ob er sich befüllen lässt.

Kleinkinder lernen das Teilen

"Das ändert sich oft im zweiten Lebensjahr", sagt ­Spielpäda­gogin ­­Marietheres Waschk. Dann wird die eigene Schaufel bewacht und verteidigt, auch wenn Mama und Papa noch so sehr darum bitten, Spielzeug abzugeben. "Kinder in diesem Alter fangen an, sich abzugrenzen. Sie teilen ihr Spielzeug dann nicht mehr so gern. Vor allem Puppen nicht, denn sie sind für die Kleinen oft Identifikations­figuren", erklärt Waschk.

Für Eltern heißt es dann: cool bleiben, abwarten, beobachten. "Das sind soziale Erfahrungen, die Kinder machen müssen. Nur wenn man sieht, dass das Kind über längere Zeit Tag für Tag das Spielzeug bunkert, alle verscheucht und ganz allein bleibt, sollte man eingreifen." Aber nicht mit dem Kind meckern, sondern betonen, dass die anderen bloß mit ihm spielen wollen. "Kinder merken eigentlich auch schnell, dass sie weniger Freude haben, wenn Spielpartner fehlen", so Waschk. Sie lernen dann von selbst zu teilen.

Rücksicht nehmen: Andere einschätzen zu können ist wichtig

Vordrängeln an der Rutsche, andere Kinder aus dem Spiel ausschließen – nicht gerade freundlich. Aber auch nicht unbedingt ein Grund für Moralpredigten. Das Kind braucht vielmehr ­etwas anderes: "Hier steht ­eine gute Sinneswahrnehmung im Vordergrund", sagt Erzieherin Susanne Everding. Eltern sollten viel Zeit, Raum und Anregung geben, damit Kinder ihre Sinne schärfen, ihre Motorik schulen und so ­eine gute Körperlichkeit und Selbst­sicherheit entwickeln können.

Für ­Susanne Everding wie für Spielpädagogin Waschk ist das nämlich die Grundvoraussetzung dafür, Gefühle anderer Kinder einschätzen, sich in sie hineinversetzen und schließlich Rücksicht nehmen zu können. "Kinder brauchen dafür die Möglichkeit, sich auszuprobieren, mit anderen Kindern zu spielen und Grenzen auszuloten", sagt Waschk. Erwachsene, die auf Spielplätzen stets hinter ihrem Nachwuchs stehen und aufpassen, sieht sie daher kritisch: "Nur wenn man seine ­eigenen Grenzen kennt, kann man bei anderen darauf achten."

Sich einigen: Voraussetzung für Rollenspiele

Auch sich zu einigen lernen die Kleinen oft im Spiel. "Das passiert vor allem in der wunderbaren Phase des Rollenspiels, also zwischen vier und sechs Jahren", sagt Marietheres Waschk. Viele Eltern kennen die Diskussionen darüber, wer Arzt und wer Patient sein darf – und stundenlange Vater-Mutter-Kind-Spiele, bei denen die Erwachsenen selbstverständlich und immer die Kinder sind. Dabei spricht nichts dagegen, diese Rollenverteilung zu hinterfragen: "Wenn das 'Angebot' des Kindes nicht zusagt, dann darf die Spielsituation besprochen werden", sagt Waschk.

Genauso machen Kinder es unter­­einander. "Denen ist klar: Ohne Einigung gibt es kein Spiel. Und Kinder wollen spielen", meint die Diplom-Sozialpädagogin. Eingreifen sollten Erwach­sene deshalb nur, wenn eine Einigung wirklich nicht in Sicht sei: "Dann sollten sie Impulse und Ideen für andere Rollen geben." Zudem sollten Eltern sich bewusst darüber sein, dass Kinder in diesem ­Alter Grenzen ausloten: "Da werden unter­einander auch Machtkämpfe ausgetragen. Das ist völlig normal."  

Verlieren lernen: Gewisser Entwicklungsstand nötig 

Im Rollenspiel werden zum ersten Mal soziale Normen und Werte festgelegt. So einigen sich die Kinder auf verbindliche Regeln: Was wird wann, wie lange und wo gespielt? Damit markiert diese Phase den Übergang zu Regel- und Wettbewerbsspielen. Gewinnen und verlieren steht dann oft im Vordergrund – womit nicht alle Kinder gleich gut umgehen.

"Entscheidend ist, dass sie wirklich schon bereit dazu sind. Oft haben Erwachsene ein großes Interesse daran, endlich zu Gesellschaftsspielen zu wechseln. Viele Kinder aber sind dann noch in der Rollenspiel-Phase", meint Marie­theres Waschk. Wichtig sei, dass die Kleinen von sich aus Interesse zeigen. "Zudem müssen Eltern ihnen klarmachen: Was im Spiel passiert, hat keine Auswirkung auf die Real-Welt. Man ist nicht schlechter, weil man verliert", erklärt Waschk.

Klare Regeln beim Spielen einhalten

Statt den Wettbewerb zu betonen, sollten die Spielfreude und das gemeinsame Erleben im Vordergrund stehen. "Deshalb wählt man am besten ein Spiel aus, bei dem eine Art Chancengleichheit besteht", rät die Spielpädagogin. Zudem könnten auch Spielregeln gemeinsam abgewandelt und vereinfacht werden. "Die müssen dann aber verbindlich sein", so Waschk. Kinder gewinnen zu lassen, sei hingegen unklug: "Wenn sie dann woanders spielen, sind Frust und Wut progammiert."

Kinder müssten auch lernen, nicht zu schummeln: "Wenn sie es machen, dann das Spiel unterbrechen, mit ihnen darüber reden und sagen, dass die Regeln den Spaß am Spiel garantieren." Dabei lässt sich ein gewisser Frust gerade anfangs nicht vermeiden. "Die Kinder müssen erst lernen, damit umzugehen. Und dafür ist die Familie ein guter Ort", sagt Waschk.

Es sei in Ordnung, wenn Kinder mal wütend aufstampfen würden. Bei heftigeren Reaktio­nen rät sie aber zu Alter­nativen: "Koopera­tive Team-Spiele etwa. Oder solche, deren Spielmechanismus so spannend ist, dass man auf Sieg oder Niederlage gar nicht mehr achtet."


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