Warum es Kindern schwer fällt, sich zu entschuldigen

Um Verzeihung bitten und sich entschuldigen: Für Erwachsene ist das ein Zeichen von Anstand und Höflichkeit. Kindern dagegen fällt es meistens richtig schwer. Warum ist das so?

von Nadja Katzenberger, 30.08.2018
Mädchen und Junge spielen

"Es tut mir leid" - die Fähigkeit, sich zu entschuldigen, entwickeln Kinder erst ungefähr ab dem Schulalter


Ein sonniger Tag auf dem Spielplatz, mein Sohn und sein bester Freund, beide drei Jahre alt, spielen im Sand. Einträchtig, bis es Streit gibt um eine blaue Schaufel. Jeder will sie haben, ungeachtet der Tatsache, dass noch mindestens drei andere Schaufeln im Sand liegen. Beide Jungen ziehen an dem Plastikteil, mit einem beherzten Ruck entscheidet mein Sohn den Streit für sich. Und um seine Überlegenheit zu bekräftigen, haut er dem Freund die Schaufel über den Kopf. Mein Sohn schaut triumphierend in die Runde. Sein Freund schreit los und weint. Wir Eltern eilen zum Sandkasten.

Verzeihen setzt Entwicklung voraus

Eine Mutter tröstet, die andere schimpft. Die bin ich. "Was hast du dir dabei gedacht, du kannst ihm doch nicht einfach die Schaufel über den Kopf ziehen!" Verwirrter Blick, mein Sohn versteht nicht, warum ich schimpfe. Schließlich hat er doch gewonnen! Ich versuche es weiter. "So geht das nicht, du entschuldigst dich jetzt bitte! Sag, dass es dir leidtut!" Mein Sohn blickt zu seinem Freund, der ohne schlimme Kopfverletzung davongekommen ist und leise schnieft. Ein weiterer Blick zur Schaufel. "Mir tut's aber nicht leid!", stößt mein Dreijähriger hervor und rennt weg. So gewinne ich natürlich keinen Erziehungspreis.

Warum kann er sich nicht einfach entschuldigen? "Weil er dazu noch gar nicht in der Lage ist", erklärt mir später Dr. Malte Mienert, Professor für Psychologie aus Berlin. "Das Bitten um Verzeihung ist ein moralischer Akt, der eine andere Denkstufe erfordert", sagt Mienert weiter.

So entwickelt sich bei Kinder das Schuldgefühl

Von der sind Kinder unter sechs Jahren noch weit entfernt, und das ist auch gut so. Denn vorher passiert vieles an sozialer und geistiger Entwicklung, was später die Fähigkeit, sich zu entschuldigen, erst ermöglicht.

Mit zwei Jahren können Kinder sich selbst von anderen unterscheiden und verstehen: Mein Gegenüber fühlt anders als ich. Trotzdem können sie sich noch lange nicht in ihn hineinversetzen, seine Perspektive übernehmen. "Man darf nie vergessen: Solche sozialen Situationen sind für Kinder noch neu, sie können die Folgen ihres Handelns noch nicht überblicken", sagt Vera Lindenthal, Heilpädagogin und Erziehungsberaterin bei der Caritas in Köln.

Die Perspektive eines Dreijährigen ist völlig egozentrisch, auf sich selbst bezogen: Ich will die Schaufel jetzt, also nehme ich sie mir, mit allen Mitteln. "Weil in diesem Alter natürlich Wort­mittel und Argumente fehlen, schubst das Kind oder haut, um zu erreichen, was es möchte", sagt Vera Lindenthal. Eine böse Absicht stecke keinesfalls dahinter. Das bestätigt auch Malte Mienert: "Bis sechs Jahre gibt es kein absichtsvolles Verhalten."

Ab drei Jahren entwickeln Kinder Gefühle wie Stolz, Scham und auch Schuld. Vor allem das Schuldgefühl ist eine Voraussetzung für die Entschuldigung. Die Einsicht, dass etwas falsch gelaufen ist und man die Verantwortung dafür übernimmt. Doch auch wenn sie jetzt diese Gefühle erleben – sie einordnen und daraus eine Handlung ableiten können Kleinkinder noch lange nicht, das ist normal. "Meist sind sie selbst ganz erschrocken über das, was passiert ist, und stehen verschämt neben Mama oder Papa", sagt Lindenthal.

Nicht zur Entschuldigung zwingen

Doch wie soll man dem Kleinen klarmachen, dass es so nicht geht? "Eltern können das Kind ruhig bitten, sich zu entschuldigen, sollten aber keine große Hoffnung damit verbinden", sagt Psychologe Mienert. Davon, das Entschuldigen anzutrainieren, rät er ab. Viel wichtiger seien Schadensbegrenzung und Wiedergutmachung. Die zerstörte Kugelbahn gemeinsam wieder aufbauen. Dem Freund ein Kühlpack bringen, für die Beule am Kopf. "Überlegen: Wie können wir die Folgen beseitigen, was würde dem anderen guttun? Das verstehen Kinder", so Mienert. "Allein das Wort 'Entschuldigung' beseitigt den Schaden noch nicht."

Eltern sind wichtige Übersetzer

Die Situation auf dem Spielplatz war unangenehm. Das eigene Kind als uneinsichtiger Störenfried im Mittelpunkt – wir hatten schon bessere Tage. Vera Lindenthal rät Eltern, Ruhe zu bewahren. "Kinder brauchen ihre Eltern als Übersetzer, um zu verstehen, was falsch gelaufen ist", so die Erziehungsberaterin. Das funktioniert am besten, wenn sich alle wieder beruhigt haben. Dann kann man in Ruhe erklären, warum das andere Kind geweint und die Mama geschimpft hat.

Seit ich weiß, dass hier ein langwieriger Entwicklungsprozess am Laufen ist, bin ich entspannter in Sachen Entschuldigen. Und erkenne kleine Fortschritte: Wenn mein Sohn Mist gebaut hat, rennt er immer noch schnell weg. Aber manchmal hört man dabei ein leises "'tschuldigung".


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