Warum Kinder Versteckspiele lieben

Schon Babys finden es urkomisch, wenn Mama hinter ihren Händen verschwindet. Was finden Kinder eigentlich so toll am Versteckspielen?

von Julia Schulters, 23.02.2018

"Da ist die Mama wieder!" So geht verstecken für die Allerkleinsten


"Ja, wo ist die Mama?" – erste Versteckspiele

Drei bis vier Monate alte Babys finden es einfach nur großartig, wenn Mama sich die Hände vor die Augen hält und sie dann plötzlich wieder wegnimmt. Aber warum glucksen die Kleinen deswegen gleich vor Freude? "Bei den Kindern wird eine Erwartung aufgebaut, die dann kurz darauf tatsächlich erfüllt wird", erklärt Professor Stefanie Höhl, Entwicklungs­psychologin an der Universität Wien. Die Kinder erwarten: Mama ist gleich wieder da – und dann passiert das wirklich. "Das löst zusammen mit dem Überraschungsmoment, nämlich wann Mama die Hände wegnimmt, eine wahnsinnge Freude bei den Kindern aus."

Das Kuckuck-Spiel gehört zu den allerersten Spielen, die Babys überhaupt in der Lage sind zu spielen. Und es fördert eine Fähigkeit, die für uns Menschen ein Leben lang wichtig ist: Kontrolle zu erlangen. "Wer gar nicht abschätzen kann, was als Nächstes passiert, ist der Umwelt ja sozusagen ausgeliefert", sagt Höhl. Deshalb ist es schon für Babys wichtig, gewisse Erwartungen aufbauen zu können – und besonders gut gelingt das zusammen mit einem geliebten Gegenüber, der sie fröhlich und lachend erfüllt.

"Oh, wer hat sich denn da versteckt?" – eigene Versteckversuche

Gegen Ende des ersten Lebensjahres geht die Initiative beim Kuckuck-Spiel nicht mehr nur von den Erwachsenen aus. Auch kleine Laufanfänger haben jetzt jede Menge Spaß daran, sich die Augen zu verdecken oder immer wieder kurz hinter einem Vorhang hervorzu­lugen. "Die Kinder haben bis dann schon ein Verständnis dafür entwickelt, dass auch andere Personen sie sehen können", erklärt Stefanie Höhl. Entwicklungspsychologen sprechen von einer sogenannten "Joint Attention" – der geteilten Aufmerksamkeit, die sich bei Kindern bis dahin entwickelt hat. "Für die Kleinen ist es dann nicht mehr nur interessant Mama zu sehen, sondern auch, dass sie selbst von jemand anderem gesehen werden", erklärt Entwicklungspsychologin Höhl.

"Mamaaaa, ich bin versteckt!" – fehlender Blickkontakt

Topf auf dem Kopf, Augen verbunden, schon halten sich die Kleinen für unsichtbar. Wieso sind kleine Kinder ­eigentlich so schlecht im Ver­stecken? "­­Lange Zeit dachte man, Kinder seien einfach ego­zentrisch, also absolut ich-bezogen", er­klärt Stefanie Höhl. "Nach dem Motto: Was ich nicht sehe, sehen auch die anderen nicht."

Heute weiß man, dass der Blickkontakt zu ihrem Gegenüber für Kinder eine zentrale Rolle spielt. In Experimenten zeigten Zweieinhalb- bis Vierjährige nämlich: Nur, wenn sie einer ­anderen Person in die Augen schauten, glaubten sie, ihr ­Gegenüber auch zu sehen. Hatte die andere Person etwa eine undurchsichtige Brille auf, behaupteten die Kinder, sie könnten den anderen nicht sehen.

"Der direkte Augenkontakt ist für Kinder in dem Alter also essenziell, um jemanden als sichtbar einzustufen", sagt Stefanie Höhl. Andersherum gilt das genauso: Halten sich Kinder eine Decke über den Kopf, gehen sie davon aus, selber nicht gesehen zu werden, weil ihnen schlichtweg der Blickkontakt zu ihrem Gegenüber fehlt.

"Eins, zwei, drei, vier Eckstein …" – eine Frage der Perspektive

Hinter der Schrankwand, im Badezimmerkorb – irgendwann werden die Verstecke ausgefuchster. Bis es soweit ist, müssen allerdings bestimmte Entwicklungs­schritte abgeschlossen sein. "Die Kinder müssen in der Lage sein, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen", sagt Höhl. Also ein Gespür dafür zu bekommen: Was will und glaubt mein Gegenüber? Das gelingt Kindern meist zwischen dreieinhalb und vier Jahren. Noch schwieriger, aber ebenfalls Voraussetzung: Kinder müssen die unterschiedlichen Pers­pektiven im Raum einschätzen können. "Das klappt frühstens mit fünf ", sagt Höhl. Kleinen, die sich in andere  zwar schon hineinversetzen können, sich aber mit den räumlichen Perspektiven noch schwer tun, passiert dann zum Beispiel das: Sie haben zwar ein prima Versteck im Schrank gefunden, dass man sie aber von der Seite ziemlich gut sehen kann, merken sie nicht.


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