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Sprechen lernen: Mehr Probleme in der Pandemie?

Manche Kinder finden schwerer zur Sprache als andere. Wann handelt es sich um eine Störung? Verstärkt die Corona-Pandemie die Probleme? Plus: Eine Logopädin beantwortet häufige Fragen

von Beatrice Sobeck, aktualisiert am 23.04.2021

Laut einer Studie zur Sprachbildung in der Corona-Pandemie der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK) machen viele Kinder aufgrund von Kitaschließungen und Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie Rückschritte in der Sprachentwicklung. Mehrsprachige Kinder würden weniger Deutschkenntnisse aufweisen und Kinder, die viel ferngesehen haben, sich nur noch in sehr einfacher Sprache ausdrücken. "Die Pandemie macht etwas sichtbar, was immer schon zu beobachten war", sagt Logopädin Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie in Frechen bei Köln. "Auch Kinder mit ansonsten gesunden Spracherwerbsprozessen entwickeln unter bestimmten Bedingungen sogenannte umgebungsbedingte Sprachauffälligkeiten: Wenn Kinder häufig vor elektronischen Geräten sitzen oder wenn Kinder mit anderen Familiensprachen nun selteneren Kontakt zur Umgebungssprache Deutsch haben, bilden sie diese schlechter aus." Es könne sein, dass betroffene Kinder dies nach der Kita-Öffnung schnell wieder aufholen. "Schlechte Deutschkenntnisse sind aber keine Zeichen für eine Sprachentwicklungsstörung. Diese Kinder benötigen Förderung und sprachliche Anregung aus der Umgebung."

Wenn die Zeit, die Kinder vor Bildschirmen wie Fernseher oder Tablet verbringen, derzeit etwas länger ausfällt, findet das Sonja Utikal auch nicht per se problematisch – unter bestimmten Voraussetzungen: "Wenn die Eltern im Nachhinein mit dem Kind über die Inhalte sprechen, sich zum Beispiel die Handlung eines Films nacherzählen lassen und Fragen stellen, muss etwas mehr Medienkonsum nicht unbedingt schaden." Ein Bilderbuch anzuschauen sei jedoch in vielerlei Hinsicht besser, da das Miteinander sprechen dabei die sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes ideal fördere. "Deshalb empfehle ich Eltern, definierte handyfreie Zeiten einzurichten, in denen sie sich ausschließlich mit ihrem Kind beschäftigen – das heißt: ihm zuhören, mit ihm sprechen und spielen", sagt Sonja Utikal.

U-Untersuchungen unbedingt wahrnehmen

Wie sich ein Kind sprachlich entwickelt, gleicht ein wenig dem Öffnen eines Überraschungspakets. Man weiß nie genau, was einen erwartet. "In der Wissenschaft geht man bis heute davon aus, dass eine Erwerbsschwäche, die die Sprachentwicklung beeinträchtigt, bereits bei der Geburt angelegt ist. Die genauen Ursachen kennen wir noch nicht", sagt Sonja Utikal.

Ob ein Kind an einer Sprach­entwicklungsstörung leidet, eine Sprachverzögerung oder -auffälligkeit hat, erkennt der Kinder­arzt während der U-Untersuchungen und leitet dann notwendige Schritte ein. Bereits bei der U6, im Alter von zehn bis 12 Monaten, ist ein Screening der Sprachentwicklung vorgesehen und bei der U 7, wenn die Kinder zwei Jahre alt sind, wird der Wortschatz besonders aufmerksam untersucht. Hier zeigen etwa 15 Prozent der Kinder Auffälligkeiten. Verwenden sie zu diesem Zeitpunkt noch weniger als 50 Wörter oder sind bei geringem Wortschatz noch keine Wortkombinationen zu beobachten, zählen sie zu den sogenannten "Late Talkern" – den "späten Sprechern".

"Die U-Untersuchungen sind wichtig, um Sprachentwicklungsstörungen rechtzeitig zu erkennen", sagt Sonja Utikal. "Deshalb ist es nicht sinnvoll, diese wegen der Pandemie ausfallen zu lassen oder sie zu verschieben." Weil sich die Entwicklungsbögen auf eine bestimmte Altersspanne beziehen, könnten Störungen nicht gut erkannt werden, wenn die Untersuchungen später stattfinden. "In Zeiten, in denen Kinder unregelmäßig in die Kita gehen, funktioniert die Beobachtung und Dokumentation der Sprachentwicklung in der Kita nicht sicher", so Utikal. Erzieherinnen vergleichen dabei die Fähigkeiten von Kindern zu verschiedenen Zeitpunkten miteinander, um Entwicklungsfortschritte feststellen zu können. "Somit wächst die Gefahr, dass sprachliche Entwicklungsprobleme nicht auffallen – auch deshalb sollten Familien die U-Untersuchungen gerade jetzt in der Pandemie wahrnehmen", so Utikal.

Viele Late Talker holen noch auf

"Etwa die Hälfte der Late Talker holen die Defizite innerhalb weniger Monate selbst auf", sagt Prof. Dr. Steffi Sachse, Entwicklungspsychologin mit Schwerpunkt Sprach­­erwerb an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Fallen die Kinder mit drei Jahren immer noch auf – etwa durch einen sehr geringen Wortschatz, schlechten Satzbau oder grobe grammatikalische Fehler –, brauchen sie meist eine Sprach­therapie bei einem Logopäden. "Sieben Prozent aller Kinder in Deutschland haben einen pädago­gischen Sonderförderbedarf", so Sachse.

Egal, ob eine spezifische Sprachentwicklungsstörung oder eine sogenannte umgebungsbedingte Sprachauffälligkeit vorliegt: Ein sprach­anregendes Umfeld wirkt sich positiv auf alle Kinder aus. Bei einer Sprachentwicklungsstörung braucht das Kind allerdings zusätzlich therapeutische Unterstützung.

Jede ärztlich verordnete logopädische Behandlung ist medizinisch notwendig – und darf deshalb grundsätzlich auch während der Pandemie stattfinden. "Logopädische Praxen haben als Einrichtungen des Gesundheitswesens natürlich ein Hygienekonzept", sagt Utikal. In der Regel würden Therapeuten und Therapeutinnen bei der Behandlung mit Kindern eine FFP2-Maske tragen. Unter bestimmten Umständen, wenn es therapeutisch notwendig ist, könne die Maske unter Beachtung zusätzlicher Schutzmaßnahmen von einem der beiden kurzfristig abgenommen werden. "Das liegt im Verantwortungsbereich der Therapeuten und Therapeutinnen – auf der Basis der geltenden Bestimmungen", sagt Utikal. "Bei etwas älteren Kindern können Therapiesitzungen derzeit auch online, als Videobehandlung durchgeführt werden. In diese Entscheidung werden die Eltern aber selbstverständlich mit einbezogen."

Eltern sind manchmal unsicher, ob sich das Kind normal entwickelt. Hier beantwortet Logopädin Sonja Utikal häufige Fragen.

Bei der U-Untersuchung wurde der Wortschatz abgefragt. Unser Kind (2) spricht viel weniger als 50 Wörter. Müssen wir jetzt handeln?

Allein die Zahl gesprochener Wörter ist noch nicht entscheidend. Wenn Ihr Kind etwa 200 Wörter versteht, Interesse an Sprache zeigt und eventuell schon Zwei-Wort-Sätze kombiniert, kann man abwarten. Doch während der nächsten Monate sollte der Wortschatz spürbar anwachsen. Ermuntern Sie Ihr Kind, viel zu erzählen, lesen Sie ihm oft interaktiv vor (zum Beispiel: Was ist denn da passiert? Welches Tier ist das?).

Fletterming statt Schmetterling – unser Kind (2 ½ Jahre) nutzt einige solcher Wortkreationen. Wie sollen wir damit umgehen?

In diesem Alter zeigen Fehler wie diese, dass sich Ihr Kind aktiv mit der Sprache auseinandersetzt. Erhalten Sie diese Sprechfreude. Sie können die Wortkreationen berichtigen, indem Sie das Wort in einer eigenen Äußerung verwenden. Etwa so: "Genau, ein Schmetterling! Jetzt flattert er weiter." So vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Sie es verstanden haben, und präsentieren ihm das Wort trotzdem richtig. Auch Klatschspiele, Reime und Lieder helfen ihm, Silbenrhythmen zu erkennen und längere Wörter zu üben.

Wir benutzen immer noch Fantasie­begriffe aus der Babyzeit. Behindern wir damit die Sprachentwicklung unseres Kindes (2)?

Handelt es sich um vereinzelte Begriffe und kennt das Kind die allgemeingültigen Bezeichnungen, wird das keine negativen Auswirkungen haben. Das Kind sollte sich außerhalb der Familie, etwa in der Kita, unproblematisch verständigen können. Wird Ihr Kind nicht oder nur schlecht verstanden, kann das die Freude am Sprechen verringern.

Unser Kind (3) nuschelt/lispelt stark, sodass eigentlich nur wir es verstehen. Müssen wir zum Logopäden?

Hat das Kind Probleme, sich zu verständigen, und leidet es bereits darunter, ist es sicher sinnvoll, es einem Logopäden vorzustellen. Beim sogenannten Lispeln oder Nuscheln kann es sich um eine Aussprachestörung handeln, die behandlungsbedürftig ist, da sie nicht von allein weggeht.

Unser Kind (3) hat sehr oft Mittelohr­entzündung und hört schlecht. Der Kinderarzt sagt, dass sein Sprachvermögen beeinträchtigt ist, und rät zu Paukenröhrchen. Müssen wir danach zum Logopäden?

Zunächst ist es richtig, die akute Entzündung zu behandeln, denn das ist die Voraussetzung dafür, dass eine logopädische Therapie wirken kann. In der Regel holen die Kinder im Sprach­erwerb schnell auf, sobald sie wieder gut hören. Halten sich aber die Verzögerungen noch sechs Monate oder stagniert der Wortschatz­erwerb, kann eine Therapie helfen, die Defizite aufzuholen.

Ich mag weder singen noch lesen, und unser Kind (2) interessiert sich auch nicht so sehr dafür. Stattdessen lassen wir gerne Hörspiele laufen. Ist das in Ordnung?

Vorlesen beeinflusst den Sprach­erwerb positiv. Hörspielen fehlt die starke kommunikative Komponente. Beim Lesen kann man kuscheln, Sie können den Lesestoff an das Kind anpassen, Passagen wieder­holen, Stimmen verändern, über Bilder sprechen. Es wäre schön, wenn jemand anderes aus der Familie oder dem Umfeld die Freude an Liedern und Büchern vermitteln kann. Hilfreich ist auch, wenn das Kind in eine Kita geht und dort viele Sing- und Lese­erlebnisse erfährt.

Wir glauben, unser Baby (6 Monate) hört schlecht. Beim Staubsaugen wird es nie wach. Wenn wir hinter ihm saugen, dreht es sich nicht um.

Zweifeln Sie an der Hörfähigkeit Ihres Kindes, lassen Sie die vom Arzt prüfen. Liegt tatsächlich ein Hörproblem vor, muss das schnellstmöglich behoben werden. Es kann auch sein, dass die Staubsaugergeräusche so vertraut für Ihr Baby sind, dass es sich daran schlicht nicht stört.

Die Kitafreundin spricht schon viel und sehr komplexe Sätze. Unser Kind (4) ist wortkarg und spricht sehr einfach. Woran liegt das?

Manche Kinder plaudern viel, ­­andere sind eher stille Beobachter. Sprechen Sie viel mit Ihrem Kind und unterstützen Sie es in seiner Rolle als Ge­sprächspartner. Fürchten Sie eine Sprachentwicklungsstörung, sprechen Sie mit dem Kinder­arzt. Im ­Zweifel wird er eine logopädische Untersuchung verordnen, um zu überprüfen, ob Ihr Kind Sprache altersgerecht versteht und produzieren kann.

Anzeichen für Probleme im Spracherwerb

Bis zum 1. Geburtstag
Das Kind spricht noch gar keine Worte (Mama, Papa, auf, wau-wau), es kommuniziert ausschließlich mit Gestik und Mimik, dabei produziert es immer gleichförmige Lautäußerungen (ä-ä), es nimmt keinen Blickkontakt auf und reagiert nicht auf sprachliche Angebote.

Bis zum 2. Geburtstag
Das Kind spricht keine 50 Wörter oder es verbindet Worte nicht zu Zwei-Wort-Sätzen ("Milch haben", "Tür auf", "Papa weg"), es zeigt wenig Interesse an Kommunikation.

Bis zum 3. Geburtstag
Das Kind wird von Fremden schlecht verstanden, es verwendet wenig Tätigkeitswörter, keine Artikel oder keine Eigen­schaftswörter ("dick", "groß"), es bildet nicht die Mehrzahl,  es spricht keine einfachen Sätze.

Bis zum 4. Geburtstag
Das Kind hat Probleme, Sätze zu bilden, es bildet Sätze grammatikalisch falsch, es wird häufig nicht verstanden, es vermeidet sprachliche Anforderungen, es hat Schwierigkeiten, seine Bedürfnisse und Wünsche verständlich zu übermitteln.


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