Spielzeug braucht kein Lernziel!

Autos, die das Verständnis für Zahlen fördern. Puppen, die Kinder an Fremdsprachen heranführen: Der Handel bietet immer mehr Lernspielzeug an. Was Experten dazu sagen
von Marian Schäfer, 05.12.2016

Lernen ist das neue Spielen: Zählt schon bei Babys jede freie Minute?

Getty Images/iStockphoto, W&B/Dr. Ulrike Möhle

Der Auftrag an die Groß­eltern war klar: Eine Spielzeug-Auto­werkstatt sollte es für die Einjährige sein, ein einfacher Mini-Schuppen zum Beispiel, mit Rampe­ oder Hebebühne. Autos sollten rein- und wieder rausfahren und man zwischendurch so tun können, als würde Öl oder ein Reifen gewechselt. Per Post kam dann ein giftgrünes, garagenartiges Gebilde­. Fährt man durchs Tor, zählt es von eins bis zehn oder besingt Farben und Formen. Laut Verpackung soll das Kind beim Spielen nicht nur auf Zahlen, Farben und Formen stoßen, sondern auch etwas über Ursache und Wirkung lernen.

Spielzeug hat immer öfter speziellen Lerneffekt

Vorbei scheint die Zeit, in der Spielzeug zu allererst zum Spielen da war. Der Markt für Lernspiele und Spielzeug mit Lerneffekt wächst stetig. Bei manchen Herstellern machen sie gut die Hälfte des Sortiments aus, entsprechend sehen auch die Ladenregale aus. "Viele Eltern haben heutzutage das Gefühl, ihr Kind könnte etwas verpassen", sagt Prof. Stefan Aufenanger, Erziehungs­wissenschaftler und ­Medienpädagoge an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. "Viele neigen deshalb dazu, bei Spielen auch nach einem pädagogischen Wert zu schauen und darauf zu achten, dass ihr Kind etwas lernt."

Prof. Dr. Stefan Aufenanger lehrt Erziehungs­wissenschaft und Medienpädagogik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

W&B / Privat

Gerade beim Freien Spiel lernen Kinder Vieles

Aber braucht es das? Viele Pädagogen, Entwicklungspsycho­logen und Erziehungswissenschaftler ver­neinen das. Nicht wenige sehen die sogenannte "Pädagogisierung des kindlichen Spiels" sogar kritisch: "Das kindliche Spiel zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es im Grunde sinnfrei ist oder uns Erwachsenen zumindest so erscheint. Es ist keine Arbeit, die einem bestimmten Zweck folgt, sondern ist frei und ungezwungen", sagt Stefan­ Aufenanger. Spielzeuge mit klar definiertem Lernziel schränkten aber häufig genau diese Freiheit ein. Sie hinderten die Kleinen daran, ­ihrer Kreativität und Fantasie freien Lauf zu lassen – und dabei ganz viel zu lernen.

Im Prinzip ist das Wort "Lernspiel" irreführend, weil es eine­ Trennung von Spielen und Lernen andeutet­, die es genau genommen nicht gibt. "Kinder lernen im Spiel immer ­etwas, selbst wenn sie nur dasitzen und mit Töpfen und Stöcken hantieren. Spielen und Lernen zu trennen, funktioniert nur aus ­­einer sehr starken Erwachsenen­perspektive heraus", sagt Stefan Aufenanger. "Genauso übrigens ist es mit dem Kreativitätsbegriff: Als kreativ gelten Kinder, wenn sie malen, aber nicht, wenn sie herumhüpfen."

Kinder brauchen Freiraum für ihre Entwicklung

Stefan Aufenanger sieht das freie Spiel aber nicht nur durch Lernspielzeug in gewisser ­Weise bedroht. "Die Frage ist, welche ­Räume Kinder überhaupt noch haben, um frei spielen, um sich frei entwickeln zu können", sagt der Erziehungswissenschaftler­. Weil zum Beispiel immer mehr Kinder immer mehr Zeit in Kitas und Ganztagsschulen verbringen, steigt der Anteil des angeleiteten und betreuten Spiels. Auch greifen gerade in dicht besiedelten Städten ­Eltern vermehrt auf die Angebote von Vereinen, Spielstuben oder Eltern-Kind-Gruppen zurück. "Das ist alles gut gemeint, hat aber oft nichts mit freiem Spiel zu tun", meint Aufenanger.

Worauf können Eltern also achten? "Spielen ist für die Entwicklung von Kindern wesentlich, sie nehmen dabei sich wie auch ihre­ Umwelt wahr", sagt Stefan ­Aufenanger. Wichtig sei, ­ihnen verschiedene Anregungen und Möglichkeiten zu geben, sich entfalten und ausdrücken zu können – mit Stiften zum Malen, Bau­klötzen zum Bauen, Puppen zum Spielen, mit Freunden an der frischen Luft zum Beispiel. "Kinder sollten beim Spielen vor allem Spaß haben, aber sich auch einfach mal unterhalten lassen oder entspannen können – meinetwegen auch bei Computer­spielen", meint Stefan Aufenanger. Dann, sagt der Sozialwissenschaftler und lacht ein wenig, darf es auch mal ein Lernspiel in die Spiele-Sammlung schaffen.


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