Schaden Smartphones und Tablets Kindern?

Längst sind digitale Medien Teil der Kindheit. Aber ist das schlimm? Was machen Smartphones, Tablets und deren Apps mit den Kleinen wirklich?
von Marian Schäfer, 08.08.2016

Faszinierendes Ding: Schon Babys spielen gerne mit Tablets

GlowImages

Es vergeht oft kein Jahr, bis ein Kind den Homebutton kennt und weiß, wie es mit seinen Fingern durch die Bildergalerie navigiert. Es wächst auf in einer Welt, in der sich Kleidung, Möbel, Lebensmittel, Autos und manchmal auch Oma und Opa in einem kleinen Gerät verstecken.

Mobile Medien für Kinder selbstverständlich

Laut der Studie "MoFam – Mobile Medien in der Familie" des JFF-Institut für Medienpädagogik in München ist es für die meisten Väter und Mütter­ selbstverständlich, dass sie selbst wie auch ihre Kinder im Alltag mo­bile Medien nutzen. Wie früh schon Kleine dies tun, zeigt ­etwa eine Erhebung des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2015: Elf Prozent der Einjährigen werden demnach von ihren Eltern auch mit Apps beschäftigt, bei den Zweijährigen sind es schon 26 Prozent.

Prof. Dr. Angela Tillmann leitet den For­schungsschwerpunkt ­­„Medienwelten“ an der Technischen Hochschule Köln

Thilo Schmülgen / TH Köln

Experten verwundern ­diese Zahlen nicht. "Viele Eltern sind der Meinung, dass die digitalen ­Medien eine Erweiterung der Möglichkeiten darstellen und dass Kinder frühzeitig lernen sollten, mit ihnen umzugehen", sagt Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaft und Medien­pädagogik an der Universität Mainz. In seinen Studien antworteten zwei Drittel der befragten ­Eltern entsprechend. "Interessanterweise stimmen aber genauso viele Eltern der Aussage zu, dass die Medien negativ auf Kinder wirken."

Aufenanger spricht von einer "starken Zwiespältigkeit", d­ie nicht erstaunt, wenn man ­einen Blick in die Regale der Buchhändler wirft. Dort steht die "Digitale Demenz" der "Digitalen Hysterie" gegenüber, wird einerseits vor Verblödung und sozialer Verwahrlosung gewarnt und andererseits über unendliche Chancen philosophiert.

Prof. Dr. Stefan Aufenanger lehrt Erziehungs­wissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz

W&B / Privat

Medienwirkung auf Kinder: Horrorszenarien

Aber wie wirken digitale Me­dien auf Kinder wirklich? Wie berechtigt ist die Angst, sie würden zu Zombies, ­so­zial inkompetent, einsam, depressiv? ­Anders als es oft erscheint, gibt es kaum wissen­schaftliche Erkenntnisse über den Einfluss der ­neuen Me­dien, insbesondere von Smartphone und Tablet, auf die Entwicklung von Kindern. Oft werden Ergebnisse etwa aus der Fernsehwirkungsforschung übertragen.

Die Ergebnisse werden oft großzügig interpretiert, von Medien-Befürwortern wie -Gegnern. "­Träfen die Horrorszena­rien aber zu, müss­ten doch die Zahl und der Schwere­grad psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen zunehmen", gibt Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort zu bedenken.

Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort ist ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugend­psychosoma­tik am Universitätsklinikum Hamburg

Nina Grützmacher

Der ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsycho­somatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und leitende Arzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik am ­Altonaer Kinderkrankenhaus konnte das aber nicht feststellen: "Es gibt keine Hinweise darauf, dass Auffälligkeiten und Störungen zunehmen – übrigens auch nicht bei der Generation, die jetzt ins Berufsleben startet und ihre Eltern vor zehn Jahren mit ­ihrer ständigen Computer-Zockerei zur Weißglut brachte." Damals, als die Eltern selbst noch nicht so viel mit dem Smartphone spielten wie heutzutage­.

Aktiver Konsum erklärt Faszination

"Jede Veränderung des sozialen Lebens", meint Schulte-Marktwort, "sei es durch die Erfindung des Buchdrucks, des Fernsehens oder der Eisenbahn, brachte genau die Diskussionen hervor, die wir auch heute wieder führen." Das heißt allerdings nicht, dass es in den Diskussions­­anlässen keine Unterschiede gibt. So sprechen Experten beim Fernsehen ­­etwa von passivem Konsum, beim Smartphone oder Tablet hingegen von aktivem Konsum. Es ist der Aspekt, der zum einen die Angst vieler Eltern befördern, zum anderen aber auch die Faszination schon der Kleinsten erklären kann.

"In gewisser Weise können die Kinder sich aus einer Ohnmachts­situa­tion befreien, weil sie mit dem wenigen, das sie können, sehr viel bewirken können", erklärt die Medienforscherin Angela ­Tillmann. "Die Kinder erleben sich dadurch sehr früh als sehr machtvoll." ­Der Mainzer Medienpädagoge ­­Stefan Aufenanger spricht von der Gestenkommunikation – dem ­Wischen und Tippen –, die den Kleinen sehr entgegenkomme. Doch begüns­tigt das nicht auch die Gefahr, in den Medien­ völlig zu versinken, sich zu verlieren? "Natürlich", sagt Aufenanger, "das Gleiche können Sie aber auch bei Büchern oder beim Spielen mit Bausteinen erleben. Nur macht sich darüber keiner Gedanken."

Problematischer Trend zur Verhäuslichung

Ist also alles wie immer? Jein. Was etwa die Aktivitäten der Kleinen anbelangt, zeigen ­Studien tatsächlich wenig Veränderungen: Kinder spielen nach wie vor am liebsten analog, draußen wie auch drinnen, und treffen sich mit Freunden. Zwar gibt es ­einen sachten Trend zur Verhäuslichung. Verantwortlich dafür sind für Stefan Aufen­anger aber weniger die digitalen Medien als vielmehr ein Verlust "kindlicher, realer Erlebnis­räume": "­Alle klagen über die Medien, aber schauen gar nicht, welche ­Räume Kindern überhaupt noch bleiben, in ­denen sie sich frei bewegen und entwickeln können", sagt Aufen­anger. "Ent­weder verschwinden diese oder werden aus Angst von den Eltern verboten." Wenn es den Wald vor der Tür überhaupt noch gebe, ließen Familien ihre Kleinen kaum noch ­alleine dort hin – und wenn, dann nur, wenn es pädagogisch sinnvoll sei. "Die Pädago­gisierung der Kindheit ist ein großes Problem", so Aufenanger.

Angela Tillmann spricht von ­einer gro­ßen Verdichtung, die Kinder ­erlebten, vor allem weil ­Schule und Lernen immer mehr Zeit in Anspruch nehmen. "In einer ­Studie konnten wir zeigen, dass digitale Me­dien für Kinder daher auch Ruhe­pole darstellen", so Tillmann. "Sechs- bis Dreizehnjährige sagten in der Befragung, dass sie beim Nutzen der Medien auch mal Zeit für sich hätten."

Zeit für sich selbst wichtig für Entwicklung

Manche Arbeiten in den Neuro­wissenschaften besagen, dass gerade die Ich-Zeit wichtig dafür sei, ein Verständnis des eigenen Selbst, also eine Identität und Persönlichkeit, zu entwickeln. Forscher wie Howard Gardner von der Harvard-Universität und Katie Davis von der Universität in Seattle (The App Generation, Yale University Press) halten aber genau diese Ich-Zeit für bedroht – und zwar durch digitale Medien. Sie sehen auch ­eine Gefahr darin, dass Kinder, die noch ­keine gefestigte Identität ­haben, sich zu sehr nach außen kehren und zu früh ein geschlossenes Bild von sich produzieren, etwa weil sie sich in sozialen Netzwerken oder Chats bewegen. Laut KIM-Studie taten dies 2014 sieben Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen und 70 Prozent der 12- bis 13-Jährigen.

Aber sind diese Befürchtungen plausibel? "Die Identitätsentwicklung ist ein lebenslanger Prozess, und Kinder stehen am Anfang dieser Entwicklung", sagt Angela Tillmann. "Es ist eine bewegte Zeit, Kinder spielen mit der Selbstdarstellung, aber legen sich nicht für immer fest." Sie vergleicht die Profile in den Netzwerken etwa mit Freunde-Büchern, in denen sich Grundschulkinder seit Genera­tio­nen selbst darstellen. Auch ­Stefan Aufenanger findet, dass eine zeitweise Festlegung nichts Neues sei und schon immer auch über klassische Medien passierte: "Welche Musik höre, welche Serien schaue und welche Bücher lese ich?", gibt der Medienpädagoge als Beispiel.

Experten empfehlen aufgeklärten und maßvollen Medienkonsum

Neu sei allerdings, dass die Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken direkt gespiegelt werde, die Kinder sofort Rückmeldung bekämen. "Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb 90 Prozent von der Möglichkeit, mit der eigenen Identität eigentlich sehr stark spielen zu können, gar keinen Gebrauch machen", fasst Aufenanger das Ergebnis einer großen Studie von zwei Mainzer Kollegen zusammen.

Sosehr sich Experten wie ­Michael Schulte-Markwort, Angela Tillmann und Stefan Aufenanger gegen Horrorszenarien wehren, so sehr sprechen sie sich für eine gesunde Mischung aus. Selbst wenn der übermäßige Konsum digitaler Medien gesunde Kinder nicht krank mache, sagt Schulte-Markwort, würden sie doch viele Anregungen aus der Umwelt verpassen, die für eine gute Entwicklung wichtig seien.


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