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Ist mein Kind hochbegabt?

Klar. Jedes Kind ist ein Überflieger. Vor allem das eigene. Aber wenn es tatsächlich hochbegabt ist, zeigt sich das manchmal auffällig unauffällig

von Christian Andrae, 03.08.2020

Mit einem Jahr konnte Nele bereits sprechen. Zweisprachig und im Ausland aufgewachsen, beherrschte sie mit vier Jahren fünf Sprachen. "Ja, fließend", erwidert Papa Martin Rasch auf Nachfrage. Demnächst wird Nele ihr Abitur machen. Mit 13. Und ihre kleinen Schwestern stehen ihr in nichts nach: Greta besucht mit fünf die zweite Klasse und Sara mit acht Jahren die fünfte. "Wir hatten einfach Glück", sagt Rasch. Und untertreibt damit. Denn eigentlich weiß er ziemlich genau, dass seine Kinder selbst unter Hochbegabten ziemlich hochbegabt sind. Alle drei Kinder haben mindestens einen Intelligenzquotienten (IQ) von 130. Ab diesem Wert spricht man von Hochbegabung. Wobei Rasch die genauen Werte seiner Kinder lieber für sich behält und die Bezeichnung "hochbegabt" auch so gar nicht mag: "Das kommt nirgendwo gut an", sagt er. Deshalb ist der Name Martin Rasch auch nicht sein echter, genauso wie seine Kinder anders heißen. "Ich habe leider schon negative Erfahrungen mit Neid anderer Eltern gemacht", erzählt Rasch.

Gar nicht so unwahrscheinlich

"Dabei sind Hochbegabte ganz normal", betont Dr. Petra Barchfeld. Sie leitet die Begabungspsychologische Beratungsstelle an der Ludwig Maximilians-Universität in München – mit rund 300 Tests jährlich die größte ihrer Art in Deutschland. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung gelten hierzulande als hochbegabt, das entspricht etwa 1,66 Millionen Menschen. Aber: "Der durchschnittliche Hochbegabte", sagt die Psychologin, "fällt in der Regel gar nicht auf. Er hat Freunde, kommt gut mit seinem Umfeld klar und hat sogar einen vergleichsweise normalen Notendurchschnitt von 2,4." Das Stereotyp,nach dem Hochbegabten alles Wissen einfach zufliegt, sie Inselbegabungen haben, mathematische Rätsel im Nu lösen und als sozial schwierig gelten, sei, nun ja, einfach nur ein Stereotyp. Der einzige Unterschied zu den 95 Prozent der Bevölkerung mit einem IQ zwischen 85 und 130 sei lediglich einer: "Das Gehirn kann wesentlich schneller arbeiten", sagt Barchfeld. Hochbegabte Menschen müssten trotzdem genauso lernen und lernen wollen wie alle anderen auch. Daher gibt es auch einige sogenannte Underachiever unter den Hochbegabten, die ihr Potenzial nicht abrufen – weil sie sich zum Beispiel nur für ein Themengebiet interessieren, ihre Hochbegabung verstecken, um nicht aufzufallen, oder einfach Lernblockaden haben.

Anzeichen ja, Kriterien nein

Die Psychologin und ihr Team können anhand von verschiedenen Tests sehr genau ermitteln, ob ein Kind hochbegabt ist, es auf IQ- Tests trainiert wurde oder eine andere Auffälligkeit vorliegt, die ein bestimmtes Verhalten erklären würde. Zum Beispiel die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung. Getestet wird in der Regel ab dem Schulalter, "wenn die ersten Probleme auftauchen, weil sich die Kinder zum Beispiel unterfordert fühlen", erklärt die Psychologin. Aber auch schon vorher kann sich eine Hochbegabung bemerkbar machen. Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) nennt für das Kindergartenalter zum Beispiel folgende Anzeichen: Wenn sich das Kind oft langweilt, weil es manche Spiele "doof" findet und deshalb stört, um wahrgenommen zu werden; wenn sich das Kind für Dinge interessiert, für die es andere für "zu jung" halten, oder wenn sich das Kind nicht in die Gruppe einbringen kann und damit häufig zum Außenseiter wird. Laut Barchfeld sind es eher subtile Anzeichen, die eine Hochbegabung vermuten lassen. Von bestimmten Beispielen oder Kriterien, wie sie im Netz herumgeistern, hält die Psychologin jedoch nichts: "Klar, wenn ein Kind sprechen lernt, ist das kein schlechtes Zeichen. Aber selbst wenn sich ein Kind mit fünf Jahren das Lesen beigebracht hat, bedeutet das nicht zwingend, dass es hochbegabt ist. Es kann auch einfach nur recht schlau sein", betont die Expertin.

Ein rätselhaftes Verhalten

Auch die Tochter von Benjamin Rieger (Name von der Redaktion geändert) fiel nicht durch Können, sondern durch ihr rätselhaftes Verhalten auf: "Im Kindergarten orientierte sie sich schnell an den größeren Kindern", erinnert er sich. "Und als sie selbst die Große war, zog sie sich plötzlich seltsamerweise immer mehr zurück. Darauf haben uns dann die Erzieherinnen angesprochen", sagt Rieger. An eine Hochbegabung hat damals jedoch noch niemand gedacht. "Der Weg geht dann oft über den Kinderarzt zum Neurologen oder Psychologen", sagt Barchfeld. Bis eine Hochbegabung festgestellt wird, kann viel Zeit vergehen. "Allein bei mir gibt es eine Wartezeit von über sechs Monaten", sagt die Expertin. Auch Benjamin Riegers Tochter wurde schließlich nach einigen Arztterminen in Barchfelds Beratungsstelle getestet. Und mit der Diagnose "hochbegabt" bekam der Vater die Erklärung für das Verhalten seiner Tochter.

Schulstoff ist nebensächlich

Und viele neue Fragen. Wie fördert man hochbegabte Kinder? Schule!? Umfeld? Unterstützung fanden Rieger und Rasch zum Beispiel bei der DGhK. Der Verein ist bundesweit organisiert und selbst regional mit zahlreichen Elterngruppen vertreten. Und er hilft gerade, wenn es um Themen wie Förderung oder Schule geht – was bei Hochbegabten kein Selbstläufer ist. Denn einfach ein paar Klassen zu überspringen schließt beispielsweise relativ gleichaltrige Freunde aus. Letzteres ist für hochbegabte Kinder genauso wichtig wie für andere Kinder auch. Daher beziehen Rieger und Rasch ihre Töchter – sie besuchen ganz normale staatliche Schulen – bei diesen Fragen mit ein. "Denn letztendlich geht es darum, dass die Kinder auch glücklich sind, dort wo sie sind. Der Schulstoff ist da völlig nebensächlich", sagt Rasch.


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