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Wie Unterricht mit den Corona-Hygieneauflagen gelingen soll

Das neue Schuljahr beginnt bundesweit mit Präsenzunterricht – allerdings weiterhin unter strengen Hygieneauflagen, um Infektionen mit SARS-CoV-2 zu verhindern. Wie kann Schule unter den Corona-Auflagen funktionieren?

von Nina Ruhland, aktualisiert am 10.08.2020

Der Rahmen steht. Die Kultusministerkonferenz hat einen ausführlichen Hygieneplan für das kommende Schuljahr entwickelt, um Neuinfektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu verhindern. Doch innerhalb des Rahmens gibt es noch zahlreiche Schwierigkeiten.

Die Umsetzung liegt an den einzelnen Schulen

Das liegt unter anderem am föderalen System in Deutschland. Geht es um Schule, gibt es sehr viele Beteiligte. Da sind die Kultusministerien der 16 Bundesländer sowie die Schulämter der Kreise und kreisfreien Städte. Sie orientieren sich mit ihren Konzepten an den Vorgaben der Kultusministerkonferenz und reichen diese an die einzelnen Schulträger – dazu gehören Kommunen, Kirchen oder private Institutionen – weiter. Und schließlich landen die Vorgaben bei den einzelnen Schulleitern. An ihnen liegt es letztlich für ihre Schule umzusetzen, was machbar ist.

Experte Heinz-Peter Meidinger

Gute Ideen scheitern an Hürden in der Praxis

"In Bezug auf die Corona-Hygienemaßnahmen heißt es, dass jetzt Kreativität und Eigeninitiative der einzelnen Schulen gefragt sind", sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Schulleiter eines Gymnasiums in Deggendorf. "Dabei wird der Eindruck erweckt, es ließen sich schon Lösungen finden, wenn man nur genügend Willen dazu entwickelt. Aber viele gute Ideen stoßen in der Praxis auf unüberwindliche Hürden."

Allein gelassen mit den Vorgaben der Kultusministerkonferenz fühlt sich auch Karin Stolle, Schulleiterin der Schule an der Jungfernheide in Berlin. "Wir sind in die Ferien gegangen und wussten nur, dass wir nach dem Sommer mit Regelbetrieb starten sollen. Konkretere Anweisungen gab es erst vier Tage vor Schulanfang. Vier Tage! Wie soll man da ein Unterrichtskonzept auf die Beine stellen. Das ist doch skandalös und hat für mich nichts mit Wertschätzung zu tun."

Der Hygieneplan stehe dem Regelunterricht entgegen, sagt sie. "Wir haben kleine Räume, auf 56 Quadratmetern sitzen 28 Schülerinnen und Schüler. Da irgendetwas konform mit dem Hygieneplan zu organisieren ist eine Herausforderung." Denn Regelbetrieb bedeutet Präsenzunterricht für alle, und zwar nach Lehrplan. In der Theorie. In der Praxis sind die Schulen aber weit vom "business as usual" entfernt. "Von der Vorstellung, dass im neuen Schuljahr wieder Normalität in die Schulen einkehrt, müssen wir uns ganz schnell verabschieden", sagt Meidinger.

Karin Stolle, Schulleiterin der Schule an der Jungfernheide in Berlin

Gemeinsam getrennt

Das scheitert schon daran, dass die Kinder und Jugendlichen in festen Gruppen unterrichtet werden sollen, zwar ohne Mindestabstand in den Klassenräumen, aber sie sollen sich auch nicht durchmischen. Das gilt sowohl für die Lernzeit, etwa durch den Verzicht auf Klassenzimmerwechsel, als auch für die Pausen. "An einer kleineren Grundschule lässt sich das sicher organisieren, aber an einer Gesamtschule mit 1500 Schülern wird das schwierig", sagt der Präsident des Lehrerverbandes.

Auch Markus Wenninger, Direktor des Hildegardis-Gymnasiums in Kempten, kennt dieses Problem. "Wir werden die Pause weiter im Klassenzimmer abhalten, die einzelnen Jahrgangsstufen nur an bestimmten Tagen ins Schulhaus lassen und dafür Aufenthaltsbereiche zuweisen. Mit 1100 Schülerinnen und Schülern in 31 Klassen und Oberstufenkursen ist die Pausenlogistik kein leichtes Unterfangen. Denn diese bedarf einer aufwändigen Aufsichtsplanung, und sie hat Auswirkungen auf den Lehrereinsatz."

Doch nicht nur die Pausen sind betroffen, sondern auch der Unterricht in Kursen. "Spätestens hier mischen sich die Schüler und Schülerinnen einer Jahrgangsstufe", sagt Karin Stolle, an deren Schule in Berlin Jugendliche von der siebten bis zur 13. Klasse unterrichtet werden. Und selbst an der Grundschule werden Klassenverbände aufgelöst, etwa für den Religions- und Ethikunterricht.

Dazu kommt die Herausforderung beim gemeinsamen Essen, Spielen und Hausaufgaben machen am Nachmittag in der Mittagsbetreuung und im Hort. Es wird klar: die von den Kultusministerien gewünschte Isolation bleibt Theorie.

Dicke Luft

Mit sinkenden Außentemperaturen wird ein weiterer Punkt im Hygienemaßnahmenplan zum praktischen Problem: das Lüften. Spätestens nach 45 Minuten soll für wenigstens fünf Minuten stoßgelüftet werden. "Zum einen wird das im Winter schwierig, zum anderen können viele Fenster aus Sicherheitsgründen nicht richtig geöffnet werden", erläutert Meidinger.

Besonders betroffen vom Lüftungskonzept ist der Musikunterricht. Während gemeinsames Singen in geschlossenen Räumen in Schulen in Nordrhein-Westfalen vorerst bis zu den Herbstferien nicht gestattet ist, setzt Bayern auf ausreichend Abstand. "Schüler und Schülerinnen sollen versetzt stehen und möglichst in eine Richtung singen, um das Ansteckungsrisiko durch Aerosolausstoß zu verringern. Zudem muss viel häufiger gelüftet werden", erklärt der Kemptener Schulleiter Markus Wenninger.

Beim Sportunterricht sollen zum Beispiel benutzte Geräte wie Reck, Barren, Matten, Bälle oder Bänke nach jedem Schülerwechsel gereinigt werden. "Absolut unpraktikabel", schimpft Wenninger. Zu Beginn und am Ende einer Sportstunde müssen sich an seiner Schule alle gründlich die Hände waschen. "Eine bedenkenlose Nutzung der Sportgeräte wie vor Corona ist nicht mehr möglich. Das Ansteckungsrisiko turnt mit", fürchtet Wenninger.

Maske ja oder nein?

Immerhin ist innerhalb des Klassenverbands wieder Partner- und Gruppenarbeit erlaubt. Das gilt sowohl für höhere Klassen, etwa bei naturwissenschaftlichen Experimenten, als auch für Grundschüler, die oft gemeinsam basteln oder im Morgenkreis zusammensitzen. Allerdings ist laut Hygieneplan auf einen ausreichenden Abstand zur Lehrkraft zu achten. In der Karl Heiß Grundschule Landshut werden Lehrkraft und Schüler in so einer Situation eine Mund-Nasen-Bedeckung aufsetzen. "Die schützt die Schülerinnen und Schüler, aber natürlich auch das Personal", sagt Schulleiterin Monika Geltl. Schließlich zählen einige der Kollegen altersbedingt oder durch Vorerkrankungen zur Risikogruppe.

In Berlin an der Schule an der Jungfernheide tragen die Schülerinnen und Schüler dagegen auch während des Unterrichts Mund-Nasen-Bedeckung. Zumindest wenn die Lehrkraft zur Risikogruppe zählt und ebenfalls Mund-Nasen-Schutz nutzt. "Natürlich macht das vieles schwieriger. Die Mimik fällt weitestgehend flach und man muss viel genauer zuhören und deutlicher sprechen. Aber wir tragen schließlich alle füreinander die Verantwortung", sagt Schulleiterin Stolle. Für Grundschüler hält die Landshuter Pädagogin die Diskussion über eine ganztägige Maskenpflicht unmöglich. "Das kann man den Kindern auf gar keinen Fall zumuten", sagt Geltl.

Die Abgehängten mitnehmen

Am Anfang des Schuljahres geht’s an vielen Schulen erstmal um den Status quo. "Das Wichtigste sind meiner Meinung nach die Lernstandsdiagnosen. Wir müssen wissen, wo unsere Schülerinnen und Schüler stehen und wo es konkrete Förderung braucht", sagt Monika Geltl. Um Sprachlücken, aber auch inhaltliche Defizite aufzuholen, wird es an der Karl Heiß Schule für einige Wochen Brückenangebote geben. "Durch gezielten Förderunterricht wollen wir die Kinder auffangen", erklärt die Schulleiterin. Digitale Lernprogramme, bei denen die Muttersprache des Kindes eingestellt werden kann, sollen auch nicht deutschsprachige Eltern besser mit einbeziehen.

Auch am Kemptener Gymnasium starten Lehrer und Schüler mit einer Bestandsaufnahme ins neue Schuljahr. "Die Lehrkräfte des vergangenen Schuljahres haben Formulare ausgefüllt, an denen sich die neuen Lehrkräfte orientieren können, was gemacht beziehungsweise nicht gemacht wurde oder was noch vertieft werden muss", sagt Markus Wenninger. 

Risiko Rotznase

Ein Thema, das schon jetzt den meisten Eltern Schweißperlen auf die Stirn treibt, ist die nahende Erkältungszeit. Kinder mit Schnupfen oder Husten stellen von Oktober bis Februar in Kindertagesstätten und Schulen eher die Regel als die Ausnahme dar. "Das ist für mich persönlich die größte Herausforderung", sagt Grundschulpädagogin Monika Geltl. "Kinder, die einen Schnupfen haben und die wir normalerweise natürlich in der Schule lassen würden, müssen wir jetzt von den Eltern abholen lassen. Da kommt ganz schön was auf uns zu." Sie hofft, dass das Ministerium in Bayern die strengen Regeln etwas abschwächt, die dies derzeit fordern.

Tatsächlich wird gerade an einem neuen Konzept zum "Vorgehen bei Auftreten von Erkältungs- bzw. respiratorischen Symptomen", gearbeitet, wie es aus dem Staatsministerium heißt. Schulleiter Markus Wenninger ist gespannt. "Egal wie die Regeln am Ende aussehen, sie setzen eine hohe Verantwortung der Eltern voraus. Sie sind diejenigen, die ihr Kind am besten kennen und das Risiko einer Corona-Infektion am ehesten einschätzen können und mögliche Symptome einer Covid-19-Erkrankung ärztlich abklären lassen müssen. Natürlich ist es schulisch wünschenswert, wenn möglichst immer alle Kinder am Unterricht teilnehmen, aber wenn Eltern sich unsicher sind, geht hier der Gesundheitsschutz vor", appelliert der Kemptener Direktor an die Vernunft der Eltern.

Plan B in der Tasche

Was passiert, wenn einzelne Schüler positiv getestet werden? Wenn eine Klasse oder gar die gesamte Schule wieder in den "Lockdown" geschickt wird? Über die notwendigen Quarantänemaßnahmen bei Infektionsfällen unter Lehrkräften und Schülern entscheiden die zuständigen Gesundheitsämter abhängig vom Einzelfall in Abstimmung mit den Schulleitungen und vorgesetzten Dienstbehörden.

Die Schulen entscheiden individuell, wie sie die Schülerinnen und Schüler dann mit Inhalten versorgen. "Wenn ein Kind oder eine ganze Klasse in Quarantäne muss, werden wir das Lernmaterial wieder analog und digital zur Verfügung stellen", sagt die Landshuter Schulleiterin Monika Geltl. Per Mail, per Telefon und Videokonferenzen, aber auch mit ausgedruckten Arbeitsblättern sollen alle Kinder erreicht werden. "Wir wissen ja nun, was funktioniert und was nicht."

Auch in Berlin bereitet man sich auf diese Situation vor. "Im März kam der Lockdown von jetzt auf gleich, da mussten wir viel improvisieren", sagt Karin Stolle. "Nun sind wir vorbereitet." Das reicht vom einheitlichen Programm für Videokonferenzen über die Ausstattung mit Tablets bis zu Konzepten für die digitale und analoge Verteilung von Lernaufgaben. Das Bundeszentrum für politische Bildung hat neun Tipps für den digitalen Unterricht zusammengestellt.

Wie wird das Lernen bewertet?

Bleibt die Frage, wie Leistungen bewertet werden, wenn Kinder und Jugendliche doch wieder vermehrt im Homeschooling auf Distanz lernen sollen. Wie könnten Tests oder Klausuren dann aussehen? "Das wird tatsächlich schwierig. Mit Online-Prüfungsformaten haben wir in Deutschland wenig Erfahrungen", sagt Lehrerverbandspräsident Meidinger. "Aber die Benotung von Referatsentwürfen oder im Videochat live gehaltenen Präsentationen kann ich mir gut vorstellen, zumindest in den höheren Klassen."
Die meisten Schulleiter haben Thema Benotung keine Lösung: "Da warten wir noch auf konkrete Anweisungen vom Kultusministerium", heißt es vielerorts.


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