{{suggest}}


Was die Delta-Variante für Kinder und Jugendliche bedeutet

Die neue Variante ist deutlich ansteckender und dürfte ausgerechnet die Jüngeren vermehrt treffen. Wie sich Eltern und Jugendliche jetzt verhalten sollten und was für und gegen eine Impfung spricht

von Christian Heinrich, 29.06.2021

Auch in Deutschland breitet sich seit einigen Wochen die neue SARS-CoV-2 Virus-Mutation namens "Delta" aus. Während Erwachsene mit vollem Impfschutz vor einem schweren Verlauf wohl gut geschützt sind, sorgen sich viele Eltern jetzt aber um ihre ungeimpften Kinder. "Die Verläufe einer Covid-19-Infektion sind bei Kindern überwiegend äußerst mild, das ist nach aktuellem Kenntnisstand bei der Delta-Variante nicht anders", sagt Professorin Ingeborg Krägeloh-Mann, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). In Deutschland wurden mittlerweile mehr als 367.000 Kinder zwischen 0 und 14 Jahren positiv auf Sars-Cov-2-Viren getestet. Laut des Meldesystems der Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie mussten 1386 stationär aufgenommen werden (Stand 24.06.2021). Einige der Kinder, die stationär aufgenommen wurden, hatten bereits Vorerkrankungen wie Lungenleiden, die einen schweren Verlauf wahrscheinlicher machen.

Kindern fehlt der Schutz durch die Impfung

Darüber wie häufig anhaltende Folgeschäden, etwa das sogenannte Long Covid, das unter anderem durch Erschöpfung und Schwäche auch noch Monate nach der Infektion geprägt ist, unter Kindern vorkommt, gibt es bisher nur wenig Erkenntnisse. Ein Problem: Bleibt die Infektion mit dem Coronavirus unbemerkt, werden die späteren Beschwerden womöglich auch nicht als Long-Covid-Symptome erkannt. In diesem Interview erzählt Kinderherzspezialist Dr. Daniel Vilser von seinen bisherigen Erkenntnissen aus der Long-Covid-Ambulanz am Universitätsklinikum Jena.

Die Kinder schützen:

Kinder bis 12 Jahre können sich nicht gegen das SARS-CoV-2-Virus impfen lassen, da es für sie bisher keinen zugelassenen Impfstoff gibt. Für Kinder ab zwölf Jahre ist der Impfstoff bisher nur bei bestimmten Vorerkrankungen empfohlen. Steigen die Inzidenz-Zahlen wieder, weil auf Schutzmaßnahmen verzichtet wird, erhöht sich für alle Ungeimpften das Risiko, sich mit dem Virus zu infizieren deutlich.

Deshalb sind gerade die Jüngsten darauf angewiesen, dass möglichst alle Erwachsenen, die sich impfen lassen können, dies auch tun. Auch die Hygiene- und Abstandsregeln tragen dazu bei, das Virus in Schach zu halten. Denn die neue Delta-Variante kann sich teilweise auch unter geimpften Menschen verbreiten. Zwar verhindert die Impfung eine Ansteckung immer noch sehr gut, der Schutz ist aber nach ersten Erkenntnissen leicht eingeschränkt.  Es bleibt also für alle empfehlenswert, die AHA-L-Regeln zu beachten: Abstand halten, Hygiene beachten, Mundschutz tragen.

Am besten ist es, sich vor einer Ansteckung mit der Delta-Variante zu schützen. Das aber könnte in den nächsten Monaten zur Herausforderung werden. Denn Kinder seien aktuell besonders gefährdet, sich anzustecken, sagt Professor Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der medizinischen Fakultät der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg. "Kinder und Jugendliche sind nicht geimpft, sie kommen in Schulen und Kindergärten in größeren Gruppen zusammen. All das erhöht natürlich das Risiko." Das bestätigen auch Zahlen aus Großbritannien: Hier verursacht die Delta-Variante bereits mehr als 90 Prozent der COVID-19-Infektionen – und bei Kindern ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test positiv ausfällt, mittlerweile fünf Mal so hoch wie bei Menschen über 65 Jahren. Forscher begründen diesen Unterschied mit dem Impfschutz: In Großbritannien und Nordirland sind mittlerweile über 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung vollständig geimpft (Stand 28.06.21), Kinder werden nur im Einzelfall bei besonderen Risikokonstellationen geimpft. Dennoch steigen die Fallzahlen an, aktuell liegt die 7-Tage-Inzidenz im Vereinigten Königreich um die 126. (Stand 27.6.21)

Hören Sie auch unseren Podcast "Klartext Corona":

Immer mehr Menschen in Deutschland stecken sich mit der Delta-Variante des Coronavirus an. Was bedeutet das für den weiteren Verlauf der Pandemie?

https://klartext-corona.podigee.io/128-warum-der-umgang-mit-der-delta-variante-jetzt-entscheidend-wird/embed?context=external

Was lässt sich tun, um die Kinder vor der hochansteckenden Delta-Variante zu schützen? Das Wichtigste: die bekannten AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene beachten, im Alltag Maske tragen) sollten besonders konsequent beachtet werden. "Bei der Delta-Variante werden Fehler in der Hygiene schneller bestraft", sagt Professor Hans-Iko Huppertz, Kinderarzt und Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ). Er plädiert dafür, die Abstands- und Hygieneregeln trotz niedriger Inzidenzen nicht zu vernachlässigen. Reisen, insbesondere ins Ausland, stellen angesichts der hochansteckenden Delta-Variante Risiken dar, die man genau abwägen sollte.

All das bedeute aber auch nicht, dass Familien sich zu Hause einschließen und isolieren sollten, sagt Professorin Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). "Es gilt, das Risiko abzuwägen. Wir wissen inzwischen, dass Kinder und Jugendliche mehr unter den mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen leiden, insbesondere den Schulschließungen, als unter der Infektion selbst."

Entsprechend sollte bereits jetzt für den Herbst vorgesorgt werden, um einen Schul- und Kitabetrieb risikoarm aufrechterhalten zu können, so empfehlen einhellig die Experten Huppertz, Krägeloh-Mann und Mikolajczyk. Schulen und Kitas etwa sollten zügig zusätzlich mit Luftfiltern und Luftreinigern ausgestattet werden. "Auch bei der Digitalisierung der Schulen gibt es noch einiges zu tun", sagt Mikolajczyk. Denn es müsse zwar nicht sein, aber es könne sein, dass zum Schulbeginn im Herbst weiterhin Schnelltests und kleinere Klassengrößen notwendig sein würden.

Mit solchen Maßnahmen werden besonders jüngere Kinder mit Vorerkrankungen geschützt, bei denen ein schwerer Verlauf wahrscheinlicher ist. Zusätzlich empfiehlt die DGKJ, dass sich Eltern und enge Kontaktpersonen von Kindern mit entsprechenden Vorerkrankungen, auch Lehrer und Betreuer, zügig impfen lassen, um das Ansteckungsrisiko gering zu halten. "Ob zusätzlich noch Vorsichtsmaßnahmen notwendig sind, muss man individuell entscheiden. Man kann aber prinzipiell sagen, dass Maßnahmen wie der Ausschluss vom Schulbesuch nur selten notwendig sind, und vor allem Kinder betreffen, die auch vor der Pandemie schon zum Schutz vor Infektionen zu Hause bleiben mussten", sagt Krägeloh-Mann.

Jugendliche: Wer kann sich impfen lassen?

Ältere Jugendliche – ob gesund oder mit Vorerkrankung – können sich hingegen inzwischen selbst impfen lassen: Der Impfstoff ist mittlerweile zumindest für alle ab 12 Jahren zugelassen. Die Ständige Impfkommission, kurz STIKO, empfiehlt die Impfung bislang explizit aber nur denjenigen Jugendlichen, bei denen erhöhte Risiken für sie selbst oder in unmittelbarer Umgebung bestehen, etwa bei bestimmten Vorerkrankungen. Auf 11 Prozent aller Jugendlichen treffen diese Kriterien zu. Eine generelle Impfempfehlung für alle gesunden Kinder ab 12 hat die STIKO hingegen noch nicht ausgesprochen. Auch die DGKJ beschränkt ihre Impfempfehlung bei Jugendlichen auf die Risikogruppen. "Der Eigennutzen für die gesunden Kinder ist angesichts der milden Verläufe begrenzt", sagt Professorin Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ).

Erklärvideo: Wie entstehen Mutationen bei Viren?

Trotzdem stößt – wohl auch wegen der aufkommenden Delta-Variante – die Möglichkeit, sich impfen zu lassen, auch bei gesunden Jugendlichen und ihren Eltern in den letzten Tagen auf reges Interesse. Dr. Marcel du Moulin, niedergelassener Arzt für Kinder- und Jugendmedizin in der 5500-Einwohner-Gemeinde Hittfeld südlich von Hamburg, wird seit einigen Tagen immer wieder von Eltern und Jugendlichen aufgesucht, die mit ihm besprechen wollen, ob eine Impfung ratsam ist oder nicht.

"Ich versuche, die Fakten klar darzulegen, damit die Jugendlichen und ihre Eltern die Entscheidung selbst treffen können", sagt du Moulin. Dazu gehört aus seiner Sicht die Tatsache, dass weltweit mittlerweile bei vielen Millionen erwachsenen Menschen die Nebenwirkungen beobachtet wurden und genau nach möglicherweise schwereren Impfkomplikationen gesucht wurde. "Die seltene Komplikation der Hirnvenenthrombosen, die dann ausgiebig diskutiert wurde, ist bei einem Impfstoff aufgetreten, der für Jugendliche keine Zulassung hat. Der zugelassene Impfstoff wird auch bei den Jugendlichen ab zwölf Jahren gut vertragen und ist gerade in dieser Gruppe sehr wirksam", sagt du Moulin. Andererseits erklärt er den Kindern und ihren Eltern auch, dass in der Zulassungsstudie der Impfstoffe zur Impfung von Jugendlichen weniger als 2000 Jugendliche enthalten seien. "Theoretisch bedeutet dies, dass eventuelle seltene Komplikationen, die zum Beispiel nur bei einer von 10.000 Impfungen vorkommen, eher nicht entdeckt wurden." Jüngst wurden etwa bei einigen jungen Männern Herzmuskelentzündungen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung beobachtet. Für Experten überwiegt für Kinder mit Vorerkrankungen aber dennoch der Nutzen der Impfung gegenüber den Risiken möglicher Nebenwirkungen. Mehr dazu in diesem Artikel.

Corona: Wann kommt die Impfempfehlung für alle Jugendlichen?

Doch wie überall fehlt es auch in du Moulins Praxis an genügend Impfstoff, um alle Willigen zu impfen. Aber zumindest langsam geht es voran: Mit jedem Tag, der vergeht, werden mehr Menschen geimpft – auch Jugendliche. Und das Wissen über die Sicherheit des Impfstoffs – insbesondere bei Jugendlichen – wird gefestigt. Womöglich wird die Datenlage schon im Laufe des Jahres ausreichen, damit die STIKO eine generelle Impfempfehlung gibt – zumindest für die Jugendlichen. Bis der Impfstoff auch für jüngere Kinder empfohlen wird, dürfte es noch einige Zeit dauern, heißt es von der STIKO. Die Delta-Variante könnte jedoch – je nachdem, wie sie sich bei Kindern und Jugendlichen dann wirklich auswirkt, die Einschätzungen auch noch einmal verändern.

 


Wann hat Ihr Kind das erste Mal ein Smartphone oder Tablet benutzt?
50.76%
42.13%
7.11%
über drei Jahren
zwischen einem und drei Jahren
unter einem Jahr
Insgesamt abgegebene Stimmen: 197
Haben Sie Ihr Kind schon einmal krank in die Kita geschickt?
Zum Ergebnis