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So wirken sich Schulschließungen auf Kinder aus

Treiber der Pandemie sind Kinder nicht. Aber wegen der sehr hohen Infektionszahlen wurden die Schulen geschlossen. Klar ist: Darunter leiden viele Kinder. Besonders hart trifft es jene, die es ohnehin schwer haben

von Nele Langosch, mit Material der dpa, aktualisiert am 09.02.2021

Notbetreuung und geschlossene Schulen belasten nicht nur Eltern, sondern vor allem auch die Kinder. Worunter sie leiden, erklärt Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, im Podcast "Nachgefragt!".

Noch Ende November war die Devise der Politik: Schulen so lange wie möglich offenhalten. Nun sind sie seit Monaten wieder zu. Die Infektionszahlen waren einfach zu hoch. "Wenn sich mehr Erwachsene infizieren, infizieren sich auch mehr Kinder", sagt die Leiterin der Abteilung für Pädiatrische Pneumologie der Uni-Kinderklinik Bochum, Folke Brinkmann. Als ärztliche Leiterin ist sie an zwei entsprechenden Studien beteiligt. Der Anteil der infizierten Kinder sei hier parallel zu dem der Infizierten in der Gesamtbevölkerung auch gestiegen, so die Ärztin. Bei den Kindern bis zum Grundschulalter etwa habe man jedoch die geringsten Raten.

Die unter 15-Jährigen seien bei den neu gemeldeten Infektionen unterrepräsentiert, bestätigt der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Schulschließungen hielt Ulrichs in der Situation am Jahresende für geboten – und verhältnismäßig. Der Infektionsdruck von außen sei so groß gewesen, dass auch Schulen als Verteilungsplattformen fungierten. "Sie sind ein Risikofaktor – auch weil da eben andere Bereiche über die Haushalte dranhängen." Sie seien zwar kein Treiber der Pandemie. Aber sie könnten dazu beitragen, dass sich das Virus noch weiter ausbreite.

Geschlossene Schulen können dafür sorgen, die Mobilität der Menschen deutlich zu reduzieren und damit die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Das zeigt eine Analyse aus der Schweiz, für die Wissenschaftler anonymisierte Telekommunikationsdaten aus dem Frühjahr auswerteten.

Doch dass Unterricht nicht mehr normal an Schulen stattfindet hat weitreichende Folgen – die eben im Herbst Politiker zögern ließen: "Vielen Kindern geht es schlecht, wenn sie nicht in die Schule gehen können", sagt Professor Dr. Wieland Kiess, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Leipzig.

Viele Kinder wünschen sich in die Schule zurück

Im März hatten der Mediziner und sein Team rund 900 Kinder befragt, überwiegend im Alter zwischen neun und zwölf Jahren. "Sie berichteten, im Lockdown vor allem die direkte Begegnung mit ihren Freunden zu vermissen", so Wieland Kiess. Die Schule ist ein wichtiger Ort, um Freundschaften zu pflegen. "Der Kontakt über das Internet kann persönliche Treffen nicht ersetzen", meint der Kinderarzt. Außerdem machten sich die befragten Kinder (vor allem Mädchen) vermehrt Sorgen – um die Gesundheit der Eltern, Großeltern und um die ganze Welt. Vier Wochen nach dem Beginn des Lockdowns wünschten sich drei Viertel in die Schule zurück. Als der Unterricht wieder wie gewohnt stattfinden konnte, ging es auch den Schülern besser.

Dass besonders bei Grundschulkindern zu Beginn der Pandemie mehr seelische Probleme auftraten, zeigt auch die sogenannte COPSY-Studie ("Corona und Psyche") des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Neben mehr als 1000 Kindern und Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren befragten Forscher dafür auch knapp 1500 Eltern. Der Anteil der psychisch belasteten Sieben- bis Zehnjährigen stieg demnach von 7,4 Prozent vor der Corona-Pandemie auf 26,8 Prozent im Mai/Juni. Dabei litten Kinder, die in beengten Wohnverhältnissen aufwachsen oder Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss oder Migrationshintergrund haben, besonders stark unter den Einschränkungen. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam auch die Leipziger Studie.

Schulschließungen fördern Ungleichheit

"Sozial schwächere Familien haben oft nicht die digitale Ausstattung zum Lernen und die Eltern wenig Zeit, weil beide arbeiten", sagt Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München. Vielen fehlten zudem die Kompetenzen, um ihre Kinder bei den Schulaufgaben zu unterstützen. "Langfristig fördert das die Ungleichheit zwischen den Schülern", so der Kinderpsychiater.

Am härtesten treffen Schulschließungen diejenigen, die auf eine individuelle Betreuung angewiesen sind, etwa durch Sonderschulpädagogen in inklusiven Klassen. "Sie sind erheblich in ihrer Entwicklung gefährdet, denn die Eltern können die intensive Förderung zuhause kaum kompensieren", sagt Gerd Schulte-Körne.

Ernste gesundheitliche Folgen

Mediziner Wieland Kiess warnt auch vor gesundheitlichen Folgen. Mit seinem Team beobachtet er für die CrescNet-Studie seit 1998 über 900.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 18 Jahre in Zusammenarbeit mit Kinderarztpraxen. Eine Auswertung ergab, dass Kinder im Lockdown ungewöhnlich viel an Gewicht zugenommen haben – besonders wenn sie vorher bereits übergewichtig waren. "Langfristig führt Übergewicht zu einem erhöhten Risiko für Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Typ-2-Diabetes", warnt Wieland Kiess.

In Quarantäne steigt zudem das Risiko, dass Kinder unter körperlicher Gewalt leiden. Das ergab eine Befragung der Technischen Universität München. Besonders betroffen waren Haushalte mit Nachwuchs unter 10 Jahren.

Wichtig: Offenes Ohr für die Jüngsten

Jetzt sei wichtig, ein offenes Ohr für die Sorgen der Jüngsten zu haben, meint Ulric Ritzer-Sachs von der bke-Onlineberatung für Jugendliche und Eltern. "Ihre diffusen Ängste sind oft schlimmer als die Realität", erklärt der Sozialpädagoge. "Eltern sollten ihnen die Situation ehrlich erklären und Zuversicht ausstrahlen." Befürchtungen könnten sich dagegen auf die Kinder übertragen.

Hocken alle zusammen und sind mit Schule und Arbeit beschäftigt, sei es wichtig, Familien- und Arbeitszeit möglichst zu trennen. "Kinder merken, wenn Mütter oder Väter unaufmerksam sind, und fühlen sich dann nicht ernst genommen", sagt Ulric Ritzer-Sachs. Auch eine regelmäßige Tagesstruktur gebe Halt. "Rituale und feste Zubettgehzeiten helfen, auch wenn die Schule geschlossen ist", so Ulric Ritzer-Sachs.

Das bestätigt Kinderpsychiater Gerd Schulte-Körne, der gleichzeitig aber davor warnt, als Eltern alles kontrollieren zu wollen: "Ausgefeilte Stundenpläne einzuhalten, kann die Familie auch unter Druck setzen."

Wie der Experte Ritzer-Sachs ruft auch Schulte-Körne dazu auf, als Familie jeden Tag etwas zusammen zu unternehmen, etwa ein Spiel zu spielen.

Wie gut werden eigentlich Kinderrechte in der Pandemie geschützt? Dieser Frage geht der Podcast "Nachgefragt!" mit dem Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks Holger Hofmann auf den Grund.

Hier finden Kinder und Eltern Hilfe in der Krise

Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e. V. bietet eine Online-Beratung für Eltern und Jugendliche an – anonym und kostenfrei: www.bke.de

Auf der Seite des Projekts "Corona und Du" finden Kinder Tipps und Hilfe, wenn die aktuelle Situation sie belastet (zum Beispiel Übungen für eine positive Einstellung, Mittel gegen Stress oder Langeweile und Tipps für einen besseren Schlaf). "Corona und Du" ist ein Projekt der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des LMU Klinikums München in Partnerschaft mit der Beisheim Stiftung: www.corona-und-du.info

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und der Verbund universitärer Ausbildungsgänge für Psychotherapie (unith) haben wissenschaftlich fundierte Informationen für Familien, Kinder und Jugendliche erstellt: www.psychologische-coronahilfe.de

Auch die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat Tipps für Familien gegen Stress, Angst und Kummer zusammengetragen: https://www.coreszon.com/de/werkzeugkasten/werkzeug-fur-familien/

Die Telefonseelsorge ist 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr kostenfrei per Telefon oder per Mail und Chat erreichbar. Telefonnummer: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123 www.telefonseelsorge.de

Das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer ist montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr erreichbar unter 116 111 (kostenfrei und anonym). Ein Austausch ist auch per Mail oder Chat möglich: www.nummergegenkummer.de
Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer ist erreichbar unter 0800 111 0 550.

Für das Projekt "Familien unter Druck" haben Wissenschaftlerinnen und Expertinnen einfache Hilfestellungen für den Umgang mit Stress und Ärger in der Familie entwickelt – in Form von kurzen Videos: www.familienunterdruck.de

Auf jugendnotmail.de können sich Kinder und Jugendliche kostenlos und anonym einem Beratungsteam anvertrauen: www.jugendnotmail.de


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