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Schwangerschaftstagebuch: Wie ich die Ausgangssperre nutzte

Eigentlich wollte unsere Autorin Julia Dettmer in Ruhe ihrem Babybauch beim Wachsen zusehen. Dann kam das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Folge #4: Ausgangssperre

von Julia Dettmer, 29.05.2020
Protagonistin auf der Couch

"Wir müssen jetzt handeln" – mit diesen Worten setzte Markus Söder in Bayern am 20. März ein drastisches Zeichen gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 und verhängte die Ausgangsbeschränkung für Bayern. Gefühlt im Stundentakt folgte ein Bundesland nach dem anderen.

Welche Folgen das hatte, haben wir alle noch gut in Erinnerung: Wir durften die Wohnung nur noch aus triftigen Gründen verlassen. Dazu zählten Arbeitsweg, notwendige Einkäufe, Arzt- und Apothekenbesuche, Hilfe für andere, Besuche bei Lebenspartnern, Sport und Bewegung an der frischen Luft alleine oder mit der oder dem MitbewohnerIn. Für meinen Mann veränderte sich eigentlich nichts. Seine Zahnarztpraxis war nach wie vor geöffnet und dort achtete man sowieso penibel auf Hygiene.

Ausgangsbeschränkung – nicht schlimm für mich, aber …

Für mich wäre die Ausgangsbeschränkung eigentlich auch nicht das Riesendrama. Als freie Journalistin arbeite ich ohnehin im Homeoffice und wie gesagt, Einkaufen, Arztbesuche und Spaziergänge waren weiterhin möglich. Die medizinischen Fragen zum neuartigen Coronavirus und meine Schwangerschaft betreffend hatte ich ja schon bis ins kleinste Detail mit meiner Gynäkologin und meiner Hebamme geklärt. Ich konnte mich also entspannt zurücklehnen und "brüten". Wenn da nicht mein Freiheitsdrang gewesen wäre.

Normalerweise hätten meine Tage jetzt so ausgesehen: Aufstehen, eine Runde laufen gehen, auf dem Rückweg gleich die Einkäufe erledigen. Am Vormittag fleißig in die Tasten hauen und gegen Mittag zum Lunch-Date mit potentiellen Auftraggebern ins Café. Am Nachmittag wäre ich vermutlich für den einen oder anderen beruflichen Termin in die Stadt getingelt oder hätte schon mal nach schnuckeligen Babysachen Ausschau gehalten. Meine Abende verbringe ich normalerweise wechselweise im Yoga-Studio um die Ecke, mit Freunden oder mit meinem Mann. Theater, Essen gehen, Ausflüge machen, quatschen, gemeinsam lachen – alles, was außerhalb meiner Wohnung Spaß machte (Wocheneinkäufe zählen da nicht dazu), fiel jetzt weg.

Doch zugegeben, das war Jammern auf hohem Niveau. Mich hätte es ja wohl viel schlimmer treffen können. Besorgt dachte ich an meine Verwandten und Freunde. Eine meiner Omas lebte im Pflegeheim und durfte nun nicht mehr besucht werden. Die andere Oma wohnte alleine in ihrem Häuschen und bei ihr durfte man jetzt auch nicht mehr zum Spaß vorbeischauen, sondern nur zur Übergabe von Einkäufen. Viele meiner Freunde mussten nun täglich die Zerreißprobe meistern und ihren Job im Homeoffice mit der Kinderbetreuung vereinbaren. Und ich konnte nicht mal als Babysitterin helfen.

Lesen und damit Mamas Zeit verschaffen

Das brachte mich auf eine Idee: Ich schnappte mir meine liebsten Kinderbücher. Ja, auf dem Gebiet bin ich Nostalgikerin und habe sie alle aufgehoben. Bei mir findet sich eine kleine feine Bibliothek bestückt mit "Bibi und Tina", "Die kleine Hexe", "König der Löwen" und so weiter. Also nahm ich mir den ersten Band von Bibi und Tina und begann zu lesen.

Ich las und las und las – aber nicht leise, sondern laut und mit dem Aufnahmegerät neben mir. Diese Lese-Geschichten schickte ich via Sprachnachricht an die Mamas in meinem Bekanntenkreis und erntete viele dankbare Antworten. "Das gibt mir wenigstens 20 Minuten am Tag, in denen ich mal durchatmen kann. Und sie wollen das immer mehrmals hören. Bitte nicht aufhören!", schrieb mir zum Beispiel meine Schwägerin. Herrlich! Ich konnte  während der Ausgangsbeschränkungen meine Zeit verwenden, um anderen Zeit zu verschaffen, und das machte mir riesig viel Spaß und kostete noch nicht mal Geld. Zeit ist eben – wie so oft – kostbarer als Materielles.

Auch mein Baby hat was davon

Ein schöner Nebeneffekt: Mittlerweile kann mein Baby auch zuhören! Etwa ab der 24. Schwangerschaftswoche ist das Gehör der kleinen Bauchbewohner nämlich so gut ausgebildet, dass sie bewusst Geräusche wahrnehmen können. Jetzt kommt unser Krümel also nicht nur in den Genuss, die Gespräche zwischen seinen Eltern zu belauschen, sondern erlebt auch schon die Abenteuer von Bibi und Tina mit. Na, wenn dieses Kind kein Profi in Sachen Kinderliteratur wird, dann weiß ich auch nicht!


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