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Schürt Corona Ängste bei Kindern?

Alles bleibt anders: Auch in den nächsten Wochen müssen wir uns penibel an die Abstands- und Hygienevorgaben halten. Was macht das mit unseren Kindern? Könnten bei ihnen langfristige Ängste entstehen?

von Stephanie Arndt, 10.06.2020

Vor dem Supermarkt: Automatisch greifen meine Kinder in ihre Jackentasche und setzen sich ihre Mund-Nasen-Bedeckung auf. Lustig vor sich hin trällernd beginnen sie unser Parcours-Spiel, in dem sie möglichst viel Abstand zu Miteinkäufern einhalten und sich dafür imaginär einen Punkt gutschreiben dürfen. Am Ende sind es 23 – eindeutig rekordverdächtig! Und ich? Ich bin erleichtert, wie gut die zwei die Situation meistern. Gleichzeitig frage ich mich, wie es weitergeht und ob Anton und Marie tatsächlich alles so locker wegstecken. Oder übersehe ich etwas? Wie schätzen Experten die derzeitige Lage ein und wie können Eltern ihre Kinder optimal unterstützen?

Prof. Dr. Silvia Schneider

Eine gesunde Angst kann helfen

Prof. Dr. Silvia Schneider, Direktorin des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit an der Ruhr-Universität Bochum, erklärt mir, dass Angst nicht grundsätzlich schlecht ist. "Die Gefahr durch Corona ist ja tatsächlich da. Deshalb ist es normal, dass wir alle – auch unsere Kinder – mit einem gewissen Maß an Sorge darauf reagieren." Die Kinder- und Jugendpsychologin weiß, dass dieses Gefühl den Alltag sogar erleichtern kann: "Angst hilft uns, eine neue Lage besser zu akzeptieren und uns adäquat zu verhalten, etwa die Abstandsregeln besser einzuhalten." Wichtig sei es, den Kleinen den aktuellen Sachverhalt ruhig und altersgerecht zu erklären. Am besten funktioniert das über den Vergleich mit einer Erkältung, die der Sohn oder die Tochter selbst schon hatte. "So verstehen auch schon Kita-Kinder, was Krankheitserreger sind, wie sie sich übertragen und warum Händewaschen, Abstand und Mund-Nasen-Bedeckungen so wichtig sind.", sagt Schneider.

Michael Schulte-Markwort

Worte mit Bedacht wählen

Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, plädiert dafür, bei Gesprächen mit Kindern über Corona umsichtig zu sein. "Sprache kann Kinder auch verunsichern, etwa wenn wir uns sehr stark des Virologen-Vokabulars bedienen oder Begriffe in einem Atemzug verwenden, die sehr unterschiedlich sind, zum Beispiel Infektion und Erkrankung. Wenn ich mich mit SARS-CoV-2 infiziere, bedeutet das nicht automatisch, dass ich an Covid-19 erkranke." Der Kinder- und Jugendpsychiater verdeutlicht: "Es geht mir nicht darum, das Virus zu bagatellisieren. Keiner weiß, wie die Pandemie verlaufen wird. Dennoch wünsche ich mir angesichts der guten Situation in Deutschland eher politische und gesellschaftliche Strategien der Ent-Ängstigung."

Die Krise als Chance

Doch wie gelingt Eltern das konkret? "Neben besagten altersgerechten Erklärungen, sollten Mama und Papa ihren Kindern die Gewissheit vermitteln, für ihre Sorgen ein offenes Ohr zu haben.", rät Schulte-Markwort. "Nehmen Sie Nöte ernst und zeigen Sie Verständnis, wenn Ihr Kind beunruhigt ist. Das ist das beste Mittel gegen Ängste, festigt das Vertrauen und letztlich auch das Wir-Gefühl in der Familie." Kinderpsychologin Schneider pflichtet bei: "Kinder können auch gestärkt aus Krisen herausgehen. Mit der Erfahrung: ‚Ich kann etwas bewegen. Wir haben das zusammen geschafft.‘ Entscheidend sind bei der Aufklärung – auch der eigenen – seriöse Quellen. Speziell für Kinder gibt es sehr gute Videos, die das Thema in Bildsprache umsetzen. Schauen Sie sich die Filme gemeinsam an, so dass Sie noch offene Fragen direkt beantworten können."

Ängste sind so individuell wie Kinder

Und was ist mit meinem Gedanken, dass ich eine Sorge bei meinem Nachwuchs übersehen könnte? Psychologin Schneider beruhigt: "Ängste entstehen vor allem dann, wenn wir statt Kontrolle und Vorhersagbarkeit Bedrohung und Ohnmachtsgefühle erleben. Andererseits ist das Leben immer bis zu einem Punkt unkalkulierbar, und wir alle müssen mit einer gewissen Unsicherheit leben. Wir können Kindern etwas zutrauen, sie sind in der Regel sehr anpassungsfähig. Fragen Sie sonst einfach mal nach, ohne aufdringlich zu sein. Wie anfällig Kinder generell für Ängste sind, wann und ob sie überhaupt darüber sprechen, ist sehr individuell und auch abhängig von deren Temperament.", erklärt Schneider.

Wie die Zauberfee Sorgen entlarvt

Aufmerksam sollten Eltern laut beiden Experten werden, wenn Kinder sich stark verändern. Wird die ehemals kleine Quasselstrippe plötzlich einsilbig, kann nicht mehr gut schlafen und stochert lustlos in Lieblingsessen herum, könnte das ein verdeckter Hilferuf sein. Schulte-Markwort rät dann, zu Stift und Papier zu greifen: "Malen Sie gemeinsam ein Bild. So können Kinder Ängste besser ausdrücken und darüber sprechen. Oder versuchen Sie es mit der kinderpsychiatrischen Klassikerfrage: ‚Stell dir vor, du bist in einem Zauberwald und eine Fee sagt zu dir: Du hast drei Wünsche frei. Welche wären das?‘ Auch diese Antworten zeigen oft, wie es in der Kinderseele aussieht."

Spielerisch und aufmunternd gegen Nöte

Schneider ergänzt: "Es gibt zudem Kinder mit einer Verhaltenshemmung. Sie fühlen sich in neuen Situationen eher unwohl und brauchen länger, um aufzutauen. Möglichweise zeigt sich das auch, indem sie sich vor den Mund-Nasen-Bedeckungen gruseln und am liebsten nur noch Zuhause bleiben möchten. Unterstützen Sie diese Vermeidungsstrategien bitte nicht. Das manifestiert tendenziell Ängste. Hier hilft der Fokus aufs Positive, nach dem Motto: ‚Du wirst dich daran gewöhnen.‘ Betroffenen Kindern hilft es zudem, wenn Eltern sie sanft ermuntern, Vieles auszuprobieren und aktiv zu werden. So sammeln sie die gute Erfahrung und verstehen, dass die Welt gar nicht so bedrohlich ist." Tipp: Suchen Sie gemeinsam nach der lustigsten Mund-Nasen-Bedeckung, oder zählen Sie sie alle roten, blauen oder grünen Varianten. Dieser spielerische Ansatz verscheucht kleine Sorgen.

Fachliche Unterstützung im Ernstfall

Bei starker Ausprägung rät Schneider, professionelle Hilfe einzuholen oder sich an einen Kinderpsychologen oder Kinderarzt zu wenden. "Für betroffene Kinder könnte Corona der Tropfen auf dem heißen Stein sein, denn sie haben ein erhöhtes Risiko, an einer Angststörung zu erkranken. Eine Überweisung an einen Kinderpsychotherapeuten ist dann wichtig", empfiehlt Schneider. Ähnliches gelte für stark belastete oder sehr ängstliche Eltern: Auch sie können von einer Behandlung profitieren.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat Materialien zusammengestellt, die für unterschiedliche Situationen in der Corona-Krise Hilfe bieten: https://psychologische-coronahilfe.de/

Telefonisches Beratungsangebot der Nummer gegen Kummer: https://www.nummergegenkummer.de/


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